Der Trend geht zum Tragen - aber richtig

Jedes zwölfte Baby in Sachsen hat eine Hüftreifungsstörung. Tücher und Babytragen helfen, wenn man sie richtig nutzt.

Babys werden von ihren Eltern gerne am Körper getragen, um ihnen ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. "Die Tücher und Tragehilfen haben sich immer mehr durchgesetzt - es ist ein richtiger Trend geworden", sagt Andrea Mengel, Hebamme und Trageberaterin am Heinrich-Braun-Klinikum in Zwickau.

Ein positiver Trend, denn nicht nur die psychische Entwicklung, auch Hüfte und der Rücken des Babys profitieren davon. Vorausgesetzt, die Kinder werden richtig getragen. "Man sieht da noch viele Fehler, die den Kindern auf Dauer nicht guttun", so die Beraterin.

Richtig sei, das Baby mit dem Gesicht zur Mutter zu tragen. "Da hat man es immer gut im Blick und kann miteinander kommunizieren", so Mengel. Es könne so auch nicht von jedem berührt oder angeschaut werden. Das Kind spüre den Herzschlag der Mutter, nehme ihren Geruch wahr und sei damit meist viel entspannter als im Kinderwagen. "Ich möchte den Kinderwagen aber nicht schlechtreden", sagt sie. Denn Tragen sei nur dann gesund, wenn es beiden - dem Tragenden und dem Kind - angenehm ist. Gerade bei hochsommerlichen Temperaturen sei das Baby am Körper eine zusätzliche Wärmequelle. "Das ist mitunter Stress für beide und dann auch nicht zu empfehlen", sagt sie.

Das Tragen mit dem Gesicht zur Mutter habe noch einen weiteren Vorteil. "Das Kind sitzt dynamisch im Tuch", sagt Dr. Lutz Engelmann, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Kinderorthopädie am Heinrich-Braun-Klinikum. "Es nimmt die Bewegung der Mutter auf und schwingt sanft mit." Das sei sehr gut für die kindlichen Bandscheiben. "Der Rundrücken ist von Geburt an angelegt und bildet sich Stück für Stück zurück. Erst wenn das Kind selbst gehen kann, hat die Wirbelsäule ihre vollständige Streckung erreicht."

Nicht nur die Blickrichtung, auch die Beinhaltung des Babys muss stimmen. In den ersten sechs Lebensmonaten ist die Babyhüfte nur knorpelig vorgebildet. Sie ist noch weich, sehr empfindlich und gut formbar. Unterstützen lässt sich eine gesunde Reifung des Gelenks durch die Anhock-Spreiz-Haltung. Dabei sind die Beine des Babys etwa in Nabelhöhe seitlich abgewinkelt. Das Baby ist in der richtigen Position, wenn die angehockten Beine gemeinsam mit dem Po ein "M" bilden. Diese Haltung nimmt ein Neugeborenes übrigens automatisch ein, wenn man es hochhebt.

In den ersten Wochen wird der Kopf des Babys noch gestützt, indem das Tuch weit genug nach oben gezogen wird. "Die Babys bekommen genug Luft", beruhigt der Kinderorthopäde. "Diesen Einwand höre ich neben dem vermeintlich krummen Rücken immer wieder. Aber Babys sind schlau, sie drehen den Kopf zur Seite und können gut atmen."

Keinesfalls sollten die Babys mit dem Gesicht nach vorn, also in Laufrichtung, gebunden werden. "Diesen Fehler machen manche Mütter, die meinen, ihr Kind müsse etwas sehen", sagt die Trageberaterin. Doch die vielen ungefilterten Eindrücke überfordern das Baby. Es könne sich ihnen auch nicht entziehen, nicht schlafen. In dieser Position hänge das Kind regelrecht in der Trage. Das belaste die Hüfte und die Genitalien. Hinzu komme, dass der Bauch des Tragenden auf den Rücken des Kindes drückt. Es geht ins Hohlkreuz. "Das ist eine unnatürliche Haltung für den Säugling", sagt Andrea Mengel.

Noch ein Fehler sei häufig: "Die Tücher werden nicht straff genug gebunden." Immer wenn man als Tragender das Gefühl habe, das Baby im Tuch noch zusätzlich mit den Händen stützen zu müssen, sei es zu locker, so der Rat der Hebamme.

Das Pucken - also das feste Einwickeln des Kindes in einen Pucksack oder ein Tuch - würde glücklicherweise immer weniger angewendet. Kurzzeitig könne es die Kinder beruhigen, doch langfristig schade es Rücken und Hüfte, sagt der Orthopäde. "Kann sich die Hüfte nämlich nicht richtig ausbilden, kommt es zu einer Hüftdysplasie. Das heißt, Hüftkopf und -pfanne passen nicht optimal zusammen. Das Gelenk kann ausrenken", so Engelmann.

In Sachsen kommt nahezu jedes zwölfte Neugeborene mit einer Hüftreifungsstörung zur Welt. Operationen seien aber nur in wenigen Fällen nötig. "Und sie sind noch seltener geworden, seit die Kinder frühzeitig per Ultraschall untersucht werden", sagt er. Viele Geburtskliniken hätten Verträge mit Kinderorthopäden, die das Hüft--Screening bereits mit der U2-Vorsorgeuntersuchung vornehmen. Sie findet zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag statt. Doch auch zur U3-Untersuchung, nach vier bis fünf Wochen, sei das noch ausreichend.

Die Hüftsonografie zeigt an, ob eine Therapie nötig ist. "In den meisten Fällen genügen dann das breite Wickeln der Kinder oder das Anlegen von Schienen oder Gurten, um den Hüftkopf in der Gelenkpfanne zu halten", sagt der Kinderorthopäde. Babys mit solchen Orthesen sollten aber nicht im Tuch oder in der Tragehilfe sitzen, um die Korrektur der Hüfte nicht zu beeinflussen. "Diese Babys liegen besser im Wagen", sagt Lutz Engelmann.

Das gilt auch, wenn die Kinder mit der Zeit zu schwer werden. "Das Tragen vor der Brust führt dann zu Rückenproblemen bei der Mutter." Man könne die Position des Kindes dann auch wechseln und es mal links, mal rechts auf die Hüfte setzen. "Aber auf keinen Fall einseitig, und vielleicht noch mit seitlich herausgestrecktem Becken", rät der Zwickauer Orthopäde.

Um solche Tragefehler zu vermeiden, ist es ratsam, sich von Hebammen oder Trageberaterinnen anleiten zu lassen. "Viele bieten auch vor der Geburt schon Kurse mit Puppen an, um ein Gefühl fürs Tragen zu bekommen", sagt Mengel.

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