Die Kehrseite des Mutterglücks

Jede dritte Frau fühlt sich Jahre nach der Geburt mental schlechter, zeigt eine neue Studie. Das hat auch mit unserem heutigen Mutterbild zu tun.

Die Kehrseite des Mutterglücks
Prof. Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik für Psychosomatik Dresden.

Von Stephanie Wesely

Der Anteil von Frauen mit psychischen und gesundheitlichen Belastungssymptomen nimmt vier bis sieben Jahre nach der Geburt ihrer Kinder deutlich zu. Einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung (DIW) zufolge sagen das 30 Prozent der Mütter von sich. Jede fünfte Frau gab aber auch an, von ihrer Mutterschaft profitiert zu haben. Sie fühle sich gesünder und leistungsfähiger als in Zeiten der Kinderlosigkeit. Die Untersuchung basierte auf Daten von rund 30.000 Personen des sogenannten sozioökonomischen Panels, der größten Langzeitstudie in Deutschland.

Abgefragt wurde etwa, wie oft sich Frauen wegen seelischer Probleme zurückzogen, wie oft sie sich niedergeschlagen oder aber ausgeglichen fühlten und wie häufig sie voller Energie waren. So gaben 17 Prozent der bewusst kinderlosen Frauen an, wegen seelischer Probleme immer, oft oder manchmal in ihren sozialen Kontakten eingeschränkt gewesen zu sein. In der Gruppe der Mütter von bis zu siebenjährigen Kindern waren es über 20. Ruhig und ausgeglichen fühlten sich unter den Kinderlosen 45 Prozent, unter den Müttern 35 Prozent. Wegen seelischer Probleme weniger geschafft als gewollt, haben bei den Kinderlosen 18 Prozent, bei den Müttern 25.

Diese Effekte gingen über normale Schwankungen von Jahr zu Jahr hinaus, sagt der DIW-Wissenschaftler Marco Grisselmann. Die Ergebnisse ließen sich auch nicht allein durch das Altern erklären, weil es in der Vergleichsgruppe kinderloser Frauen weniger prekäre Veränderungen gab.

Deutlich wird zudem, dass mentale Belastungssymptome im Verlauf der Mutterschaft eher zu- als abnehmen. Sie treten also eher nicht in der Phase der stärksten Eingebundenheit, zum Beispiel unmittelbar nach der Geburt, auf, sondern in der Zeit des Kita- oder Schulbesuchs. "Wir erklären uns das so, dass das Leitbild der erwerbstätigen Mutter insbesondere in dieser Phase drängend wird. Dann kommt es zu einem Spannungsverhältnis und den gesundheitsbezogenen Beeinträchtigungen", erklärt Grisselmann.

Als zentrales Element wird in der Studie das aktuelle Verständnis von intensiver Mutterschaft identifiziert, das einerseits eine vollumfängliche, emotionale und physische Hinwendung der Mutter zum Kind erwartet. Andererseits soll sie auch uneingeschränkt für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sich persönlich und beruflich weiterentwickeln und Vorbild für ihre Kinder sein. Das seien uneinlösbare soziale Erwartungen an die Mutterschaft.

Als Konsequenz empfinden die Frauen ihre Mutterschaft als defizitär, was mit Schuldgefühlen einhergeht. Und mütterliche Schuldgefühle seien nachweisliche Auslöser für Einbußen im mentalen Wohlbefinden, wie der Wissenschaftler erklärt.

"Unsere Befunde zu schädigenden Einflüssen von Mutterschaft können als Forderung nach Revision und Aufweichung bestehender Mutterschaftsideale verstanden werden", sagt der Studienautor.

Bereits im Jahr 2015 schreckte das Ergebnis einer Online-Diskussion unter dem Stichwort "bereute Mutterschaft" auf. Damals sagten 20 Prozent der deutschen Eltern, dass sie keine Kinder mehr bekommen würden, wenn sie heute noch einmal darüber entscheiden könnten. Die Gründe seien meist beruflicher Natur. Für mehr als die Hälfte der befragten Frauen stand jedoch auch fest, dass es möglich ist, die Mutterschaft zu bereuen, sein Kind aber dennoch zu lieben.

"Wir haben zu hohe Ansprüche" 

Das Bild über Mütter sei zu einseitig, sagt Prof. Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik für Psychosomatik Dresden. Stephanie Wesely sprach mit ihr. 

 

Freie Presse: Frau Professor Weidner, was ist falsch an dem vermittelten Frauenbild?

Professor Kerstin Weidner: Sie differenziert nicht, zum Beispiel, ob schon psychische Erkrankungen vorliegen. Die Studie impliziert, dass Mütter von heute nicht mehr belastbar sind. Und das stimmt nicht.

Wenn sich aber 30 Prozent der Mütter schlechter fühlen als vor der Geburt, muss das Ursachen haben. Welche?

Die Mutterschaft wird heute meist genau geplant. Sie muss perfekt in die berufliche und persönliche Entwicklung passen. Zudem werden sehr hohe Erwartungen an die Mütterlichkeit und die Entwicklung der Kinder gestellt. Die familiären Netzwerke wie früher gibt es nicht mehr. Die Großeltern sind meist noch berufstätig, Geschwister der Eltern meist in alle Welt verstreut. Da werden soziale Medien zum Austausch genutzt. Das kann eine Hilfe, aber auch Verunsicherung sein, denn die Empfehlungen widersprechen sich oft. Die Mütter wollen diese vermeintlich neuen Erkenntnisse aber umsetzen, anstatt auf ihren mütterlichen Instinkt zu vertrauen. Das gibt schnell ein Gefühl von Unzulänglichkeit.

Warum geht es Müttern von vier- bis siebenjährigen Kindern dann schlecht?

Diese Epoche ist von ständigen Wechseln geprägt. Kita, Einschulung, die kindliche Förderung. Hinzu kommt, dass Kinder in diesem Alter häufig krank sind, also Infekte haben. Ich kenne viele Mütter, die sich permanent bei ihren Kindern anstecken, aber im Job nicht ausfallen wollen. Das raubt Energie. Kein Wunder, dass man dann erschöpft ist. Vielleicht sind auch jüngere Geschwister da oder anderweitige Belastungen. Dazu sagt die Studie nichts.

Erschöpfung ist also normal?

Natürlich. Es gibt immer mal Phasen mit stärkerer Belastung. Die müssen wir meistern und dürfen dann auch mal erschöpft sein. Das hat es schon immer gegeben. Wichtig ist es, den Ausgleich zu suchen.

Doch das scheint nicht mehr zu funktionieren.

Weil wir zu hohe Ansprüche haben. Man kann die Dinge auch mal laufenlassen und muss den Kindern nicht jeden Tag ein Angebot machen. Kinder müssen lernen, gepflegte Langeweile auszuhalten. Eltern, die sie permanent beschäftigen, sollten sich fragen, ob sie dem Kind damit wirklich immer guttun.

Wird das aus Ihrer Sicht irgendwann besser?

Schwer zu sagen. Denn unser Wissen fördert das Streben nach dem genormten Kind. Die Medizin ist hier nicht immer segensreich. Ich denke dabei nur an die vielen möglichen Tests in der Schwangerschaft. Die Schwangerschaft ist kaum noch eine Zeit der guten Hoffnung, sondern oft der Verunsicherung und der Angst. Das setzt sich nach der Geburt fort. Ist die Entwicklung nicht in der Norm, wird gleich nach Ursachen gesucht und therapiert, obwohl jedes Kind sein eigenes Tempo hat. Die Kinderärzte spielen da aus meiner Sicht eine positive Rolle. Sie erkennen, wenn etwas behandlungsbedürftig ist, beruhigen aber, wenn das Kind einfach nur noch etwas Zeit braucht. Was Eltern vor allem wieder brauchen, ist gesundes Urvertrauen.

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