Die Pubertät beginnt bei Grundschülern

Die meisten Eltern tun sich schwer, die Anzeichen zu erkennen. Dabei sollten sie ihr Verhalten darauf einstellen.

Die Tochter, gerade zehn und in der vierten Klasse, zieht sich zurück oder zickt herum. Plötzlich passt ihr das, was letztens noch toll war, überhaupt nicht mehr. Die Klamotten? Hässlich und viel zu kindlich. Schulaufgaben machen? Generell doof. Die Eltern? Nur noch peinlich. "Ich erkenne mein Kind kaum wieder. Das kann doch jetzt nicht schon die Pubertät sein?", fragt sich die Mutter irritiert.

Es sind ihre Vorboten, sagt Familientherapeut Andreas Rösch. Szenarien wie dieses, sind dem Sozialpädagogen und Leiter der Evangelischen Beratungsstelle der Diakonie in Dresden aus vielen Gesprächen und Erfahrungen mit seinen eigenen Kindern vertraut. "Die körperlichen Umbauprozesse, die Neuverschaltung im Gehirn und die Verunsicherung, die die Kinder im Zusammenhang mit diesen Veränderungen durchleben, gehen wesentlich eher los, als man denkt. Für viele Eltern kommen sie völlig überraschend", sagt er.

Wissenschaftler nennen diese Phase Vorpubertät. Bei Mädchen setzt dieser Prozess der sexuellen Reifung im Alter von acht bis zehn Jahren ein, bei Jungs etwa zwei Jahre später. In dieser Zeit bilden Hypothalamus und die Hirnanhangsdrüse im Mädchenkopf Hormone, die die Eibläschen im Eierstock zur Bildung von Östrogenen anregen. Schamhaare, Brust, Vagina und Uterus wachsen, der Körper nimmt weibliche Formen an. Spätestens mit der ersten Menstruation, bei manchen schon mit elf Jahren, ist die Vorpubertät vorbei. Bei den Jungen markiert der erste Samenerguss das Ende dieser Phase. Ihnen sind vorher dank steigender Testosteronproduktion Schamhaare gewachsen, Kehlkopf, Hoden und Penis größer geworden. Der Kinderkörper, in dem sie sich zu Hause gefühlt haben, verändert sich massiv. "Viele Kinder sind stark verunsichert, wenn sich der erste Bartflaum zeigt oder die Brust zu wachsen beginnt", sagt Rösch. Sätze wie "Mensch, jetzt wirst du wohl schon ein Mann", seien ihnen peinlich. Es helfe ihnen, wenn Eltern genau dieses Gefühl aufgreifen und ansprechen: "Ich spüre, dass dich das verunsichert" - mehr müssten sie gar nicht sagen, damit das Kind sich wahr- und ernstgenommen fühlt. "Aber die Vorpubertät zeigt sich zunächst im Verhalten", so Rösch. Kinder sind auf einmal verschämt und schließen sich im Bad ein, wollen nicht mehr so viel mit den Eltern schmusen wie sonst. Sie lehnen gemeinsame Ausflüge ab. Meist gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Mädchen sitzen kichernd beieinander, tauschen Geheimnisse aus und grenzen manchmal andere aus. Sie beginnen, mehr auf Äußerlichkeiten zu achten. Jungen wollen sich beweisen und herausfinden, wer der Stärkste, der Frechste, der Mutigste ist. "Kinder machen in dieser Zeit bildlich gesprochen einen Spagat zwischen Kuscheltier und Popstar. Das sieht man auch ihren Zimmern an", sagt Rösch.

Dass sie mehr Ruhe bräuchten, bedeute aber nicht, dass Kinder sich nun generell zurückzögen, sagt Felicitas Richter, Sozialpädagogin, Elterntrainerin und Ratgeberautorin aus Brandenburg. "Sie sind nur nicht mehr unbedingt dann zugänglich, wenn ich gerade Lust darauf habe." Um den Kontakt nicht zu verlieren, empfiehlt sie, gemeinsam zu kochen, spazieren zu gehen oder einzukaufen. Das gehe auch, ohne zu sprechen, aber man sei beieinander. Außerdem sei es wichtig, hellhörig für Gesprächsangebote des Kindes zu sein. Kommt es mit Ärger oder Freude zu ihnen, sollten Eltern es reden lassen, zuhören, nachfragen. Auch Rituale könnten dabei helfen, im Gespräch zu bleiben, etwa, sich abends ans Bett zu setzen und gemeinsam auf den Tag zurückzublicken.

Der Erfolg ist tagesformabhängig. War das Kind heute aufgeschlossen und fröhlich, kann es morgen schon wieder schwermütig in seinem Zimmer liegen und jedes Gesprächsangebot von sich weisen. Eltern sollten das nicht auf sich beziehen. Dass pubertierende Kinder zum Teil undiplomatisch, unsensibel und sehr selbstbezogen sind, können sie häufig nicht steuern. "Die Empathie, das Mitgefühl für andere, ist in dieser Zeit herabgesetzt", sagt Richter.

Die meisten Eltern tun sich schwer damit, diese Zeichen richtig zu deuten. Schließlich läuten sie den Abnabelungsprozess ihres Kindes ein. "Im Grunde wissen Eltern ja, dass das irgendwann auf sie zukommt. Aber viele wollen es nicht wahrhaben", sagt Richter. Wird die Tochter kratzbürstig und der Sohn weiß nicht mehr, wohin mit seiner überschüssigen Energie, beschleiche Eltern die Ahnung, dass etwas Unumkehrbares passiere, sagt sie. Viele würden auf rebellisches, unangemessenes Verhalten des Kindes mit Strafen reagieren: Handyzeit verkürzen, Fernsehverbote aussprechen. Doch die Experten raten von starren, harten Strafen ab. Es sei völlig normal, dass bisherige Übereinkünfte zwischen Eltern und Kindern in dieser Zeit brüchig würden. "Die Kinder ertappen uns bei Dingen, die wir nicht richtig machen, wo wir nicht konsequent sind - und sie halten uns das vor", so Richter. Wurden die Eltern vorher auf ein Podest gestellt, erkennen Kinder nun, dass auch sie nur Menschen sind und Fehler machen. Damit beginnt die Rebellion. "Die Reibung gehört dazu, damit die Kinder ihr eigenes Leben entdecken. Dafür müssen sie sich von den Eltern abgrenzen", wirbt Rösch um Verständnis.

Grund zur Panik sei das nicht, denn dieser Rückzug beginne langsam. Die Pubertät dauert in etwa acht Jahre. "Wir Eltern brauchen eine gewisse Zeit, um uns an die Veränderungen zu gewöhnen", sagt Richter. Sie erlebt das gerade zum vierten Mal. Ihr jüngster Sohn ist 14 und steckt mittendrin.

Ihre Erkenntnis: Die Erziehung nimmt immer mehr ab, die Beziehung dafür immer mehr zu. "Das heißt, dass wir unsere Kinder mehr begleiten, als sie zu leiten." Eltern tun gut daran, sich beizeiten auf Veränderungen im Verhalten und im gemeinsamen Familienalltag einzustellen. Mehr als jemals zuvor, sind jetzt ihre Sensibilität, Einfühlungsvermögen und Geduld gefragt. Das heiße aber nicht, dass sie nun alles gut finden müssten, was Sohn oder Tochter machen, oder dass sie sofort jeden Wunsch erfüllen, um Streitereien aus dem Weg zu gehen. Eltern sollten mit ihren Werten und Einstellungen erkennbar bleiben. "Kinder orientieren sich daran, um ihre eigenen Werte zu finden", erklärt Felicitas Richter. Sie hält nichts davon, dass manche wie ein Kumpel für ihr Kind sein möchten. "Das Kind hat seine Freunde. Es braucht Eltern."

Wichtig sei, eine Balance zwischen Pflichten oder Verbindlichkeiten und einer gewissen Freiheit zu finden. "Gerade jetzt während des Homeschoolings muss klar sein, dass die Schulaufgaben gemacht werden müssen. Das ist nicht verhandelbar. Aber wann und wie das Kind sie erledigt, sollte es flexibel entscheiden dürfen", so Richter.

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