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Kinder nehmen überzogenes Lob nicht ernst - Ein Leipziger Psychologe sagt, wie Eltern richtig loben - und tadeln

Manche Eltern übertreiben die natürliche Liebe zu ihrem Kind und heben es in den Himmel - ganz egal, was es tut. Jede Selbstverständlichkeit ist ihnen ein Lob wert. Was mit Kindern passiert, die damit überschüttet werden, wollte Susanne Plecher vom Kinderpsychologen Julian Schmitz aus Leipzig wissen.

Freie Presse: Herr Schmitz, wie wichtig ist Lob für die kindliche Entwicklung?

Julian Schmitz: Lob ist in der Erziehung und in der Selbstentwicklung von Kindern sehr bedeutsam. Es ist eine positive Zuwendung für etwas, dass das Kind getan hat. Diese ist neben der Rückmeldung von den Eltern eine Basis für die Entwicklung von Selbstvertrauen. Darauf kommt es besonders in den ersten Lebensjahren an, wie wir auch aus der Psychotherapie und der Forschung zur psychischen Gesundheit wissen.

Manche Eltern übertreiben aber. Für sie ist ihr Kind viel besser als alle anderen. Was macht so was mit dem Kind?

Kinder lernen, ob ein Lob ernst gemeint und damit etwas wert ist. Sie können das sehr gut einschätzen. Wenn jeder Schritt gelobt wird, mildert sich die Bedeutungskraft des Lobes ab. Aber aus meiner Sicht geht es gar nicht so sehr darum, dass Kinder zu viel gelobt werden. Sondern, dass ihnen keine Grenzen gesetzt werden oder dass ihnen Wichtiges nicht erklärt wird. Wenn Eltern alles, was ihr Kind macht, toll finden, dann impliziert das für mich eher, dass sie es gewähren lassen. Dass sie ihm in einer Situation, in der es etwas falsch gemacht hat, nicht erklären, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war - und wie es besser hätte reagieren können.

Lässt sich Selbstüberschätzung anerziehen?

Natürlich können bestimmte Erziehungseinflüsse bewirken, dass die Kinder sich selber überschätzen oder ihre Bedürfnisse über andere stellen. Das kann ein Zuviel an positiver Zuwendung sein, oder dass ihnen nicht gesagt wird, wenn ihr Verhalten nicht in Ordnung war.

Die meisten kleinen Kinder finden sich selbst ziemlich klasse. Wann beginnen sie, sich mit anderen zu vergleichen?

Das einfache Vergleichen von Fähigkeiten beginnt schon im Kindergartenalter mit vier bis fünf Jahren. Der Gedanke, was andere über mich denken und wie sie mich finden, setzt in der frühen Grundschulzeit ein. Das differenziert sich immer weiter aus. Im Jugendalter gibt es noch einmal einen starken Schub. Aber das ist ganz unterschiedlich. Meist erfolgt mit Anfang der Pubertät wieder ein Vergleich mit anderen der gleichaltrigen Gruppe.

Jugendliche Mädchen sind meist selbstkritisch, während kleinere Kinder eher selbstlobend auftreten. Wie bekommt man denn mit, ob der eigene Nachwuchs sich schon über andere erhebt?

Das klingt jetzt sehr negativ. Wenn Kinder stolz auf etwas sind, was sie können, ist das doch gut. Wenn ein Kind sagt: "Schau mal, wie toll ich schaukle", dann ist das nicht so, dass es sich über andere erhebt und im Jugendalter zum Narzissten aufsteigt. Man darf dann ruhig loben. Das bestärkt das Kind. Es ist eine häufige Fehlannahme, dass das Bedürfnis nach Beachtung und Bestätigung durch die Kinder immer stärker wird, je mehr ihre Eltern sie loben. Sie werden dadurch eher selbstbewusster, verinnerlichen die Bestätigung und müssen sie nicht dauernd hören. Die Kinder, die nach Bestätigung suchen, sind eher die, die sehr unsicher sind.

Wie lobe ich denn nun richtig?

Wir empfehlen, beschreibend zu loben, sodass die Kinder es genau zuordnen und verstehen können. Wenn man einem Kind sagt: "Der Tag heute ist gut gelaufen", dann weiß es nicht genau, was gemeint ist. Wenn ich aber lobe, dass es den Teller abgeräumt hat, dann kann es das Lob direkt zuordnen. Eltern neigen leider dazu, in einem Lob Kritik zu verstecken, etwa: "Ich finde es toll, dass du heute nicht wieder den ganzen Tag rumgeschrien hast." Das Lob muss ernst gemeint sein, damit Kinder es für sich binden können.

Eltern meckern schnell, wenn ihr Kind etwas nicht so tut, wie sie es sich vorstellen. Wie formulieren sie ihre Kritik aufbauend?

Auch bei Kritik ist das bei Kindern gar nicht so anders als bei uns Erwachsenen. Man sollte sie sachlich halten und beschreiben, was nicht so gut gelaufen ist. Generalisierungen wie "Du machst das ja nie" sollte man lassen. Bleiben wir bei dem Teller. Eltern können dann sagen: "Ich fand das doof, dass du den nicht weggeräumt hast." Das muss man nicht jedes Mal machen, aber man kann seinem Kind erklären, warum man etwas nicht gut findet.

Wenn Eltern diese Kritik nun beharrlich so üben, wie Sie sagen, aber nicht zum Ziel kommen, ist es dann nicht an der Zeit, die Strategie zu wechseln?

Auf jeden Fall! Das kennt jeder. Kinder handeln aus der Emotion heraus, schaffen manches in dem Moment nicht oder wollen auch einfach nicht. Dann ist es für Eltern frustrierend, alles immer wieder zu erläutern. Wir empfehlen, die Dinge einmal zu erklären und auch noch einmal daran zu erinnern. Aber man sollte vermeiden, die Sachen mantraartig zu wiederholen. Dauerhafte Erklärungen bewirken, dass die Kinder meinen, sich nicht daran halten zu müssen, weil nichts Schlimmes passiert. Dann ist es Zeit, zu zeigen, dass etwas nicht okay war und sich das Kind an bestimmte Dinge zu halten hat. Aber die Konsequenzen sollten zur Situation passen. Wenn eine Essensregel nicht klappt, dann fällt an dem Tag der Nachtisch weg. Wird eine Fernsehregel nicht beachtet, wird einmal die Lieblingssendung gestrichen.

Das Kind ist beim Spielen richtig ausgerastet und hat einen Mitspieler geschlagen. Was nun?

In der Situation wäre es wichtig, dass die Eltern die Aggression unterbrechen und sicherstellen, dass niemand zu Schaden kommt. Das Kind ist sehr wütend, man kann es dann gar nicht erreichen. Dann ist es gut, es in einen anderen Raum zu bringen, bis es sich beruhigt hat. Danach bespricht man ruhig und sachlich, was schiefgelaufen ist und wie die Situation anders hätte gelöst werden können. Wenn es darum geht, dass andere etwas abbekommen haben, geht es auch um Wiedergutmachung. Dann wäre die richtige Konsequenz, sich zu entschuldigen. Wenn etwas kaputtgegangen ist, dann muss es repariert werden, dafür kann das Kind mit seinem Taschengeld mit aufkommen. Und auch hier gilt: Eltern sollten sich keine Konsequenz ausdenken, die mit der Situation nichts zu tun hat.

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