Ein Smartphone zu Weihnachten?

Schon Achtjährige haben ein Handy. Doch damit fangen die Probleme an, warnen Pädagogen. Sie sind für klare Ansagen.

Kinder haben meist ganz genaue Vorstellungen davon, was ihr künftiges Smartphone alles bieten soll - und wünschen sich ein solches Gerät zu Weihnachten. Doch sollten Eltern den Wunsch erfüllen? Schließlich beeinträchtigen Smartphones die Konzentration, stören den Schlaf und machen sogar abhängig, wie wissenschaftlich bewiesen ist.

Der dringende Wunsch nach dem ersten Smartphone wird oft facettenreich begründet. "Die Kinder meinen, dass sie ein Handy brauchen, um in der Gruppe dazuzugehören", sagt Martin Drechsler von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter. Demgegenüber stehen knapp drei Viertel der Eltern, die sich um die Sicherheit der Kinder beim Umgang mit Medien Sorgen machen. "Schließlich spielt schon für Kinder im Grundschulalter das Smartphone eine entscheidende Rolle im Leben."

Das erste eigene Smartphone gibt es Studien zufolge meist im Alter zwischen acht und 13 Jahren. Besonders häufig erfolgt die Anschaffung bereits um den Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule herum. Ein Leben ohne so ein Gerät ist Jugendlichen dabei offenbar völlig unmöglich. 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen besitzen ein Internethandy, wie die aktuelle Studie zu Jugend, Information und Medien 2018 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zeigt. Bei den 12- bis 13-Jährigen sind es schon 95 Prozent. Fast alle Befragten gehen mit dem Smartphone ins Netz und dürfen das nach eigener Angabe auch. Zwei Drittel der Jugendlichen sehen damit täglich Online-Videos an. Der Untersuchung zufolge sind 85 Prozent der befragten 12- und 13-Jährigen täglich im Web unterwegs, sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Die tägliche Nutzungsdauer dieser Altersgruppe hat sich im gleichen Zeitraum um 23 Prozent auf 165 Minuten erhöht. Als gesundheitlich vertretbar gelten bis zum sechsten Lebensjahr 30 Minuten Medienkonsum pro Tag. Für Sieben- bis Zehnjährige ist es maximal eine Stunde.

Auch wenn das Handy in Kinderhänden längst Realität ist, raten Experten generell dazu, die Anschaffung möglichst lange hinauszuzögern. "Smartphones sind tolle Geräte, aber ein Kind sollte die nötige Reife haben, damit umzugehen", sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Ritzer-Sachs ist in der Onlineberatung für Jugendliche und Eltern laufend mit Fragen zur Mediennutzung konfrontiert. Es sei heute unrealistisch, das Handy langfristig zu verweigern. "Aber die Gefahren überwiegen bei Kindern den Nutzen", beobachtet er.

Das richtige Einstiegsalter gibt es nicht. Es ist je nach Kind unterschiedlich. Akzeptiert das Kind auch mal ein Nein? Kann es kleine Einkäufe problemlos selbst erledigen? Macht es seine Hausaufgaben ohne Drama? Das seien Anzeichen dafür, dass die Entwicklung auch für den Umgang mit einem Mobiltelefon weit genug fortgeschritten ist. Zwar hält Sozialpädagoge Ritzer-Sachs ein Alter von 12 oder 13 Jahren im Allgemeinen noch für zu jung, um mit Handys richtig umgehen zu können. Doch ihm ist klar, dass der Druck auf die Eltern ab diesem Alter übermächtig wird. Tatsächlich haben heute auch schon viele Achtjährige ein Smartphone. Doch wenn schon in der Grundschule die Quengelei komme, "alle in der Klasse haben schon ein Handy", sollten die Eltern erst einmal herumfragen, wie die Lage tatsächlich aussieht. "Jedes Jahr später ist besser", so Ritzer-Sachs. Es koste viel Energie, die Erstanschaffung hinauszuzögern, doch man tue dem Kind letztlich einen Gefallen.

Der Glaube, das Handy werde zum Recherchieren für die Schule verwendet und mache das Kind schlauer, erweise sich oft als Irrtum, so Ritzer-Sachs. Auch die Hoffnung der Eltern, das Kind nun jederzeit erreichen und damit überwachen zu können, wird oft getrogen. Meist ignoriert es das Gerät genau in dem Moment, wenn die Eltern am dringendsten anrufen wollen.

Wenn das Handy einmal da ist, gehen die Kämpfe in der Familie erst richtig los. Wie bei Erwachsenen auch erweist sich das Gerät oft als Zeitfresser. Ritzer-Sachs rät zu strikten klaren Ansagen, wie viel Zeit und welche Anwendungen erlaubt sind. Für jüngere Nutzer in der fünften oder sechsten Klasse sei es beispielsweise sinnvoll, einen festen Platz in der Wohnung auszumachen, an dem das Smartphone liegt. Die Kids müssen fragen, wenn sie es benutzen wollen, und es gibt Zeitbeschränkungen.

Die Nachteile enden jedoch nicht beim exzessiven Spielen und Chatten. Ein großes Problem sieht Ritzer-Sachs im Verschicken von Nacktfotos. Auch wenn das schwierige Themen sind: Hier ist von Anfang an Aufklärung nötig, was das Aufnehmen solcher Bilder bedeutet und welche Konsequenzen es für alle haben kann.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann die Zugriffsmöglichkeiten des Kindes einschränken. Auf dem iPhone von Apple findet sich dazu in den Einstellungen eine Reihe von Funktionen, mit denen sich beispielsweise unerwünschte Webseiten oder die Kamera sperren lassen. "Darüber hinaus sind bei iOS jedoch keine weiteren Einschränkungen möglich", sagt IT-Experte Dierk Salfeld, dessen Firma Kindersicherungs-Software anbietet.

Bei Android-Handys lassen sich Zeit und Inhalte der Nutzung kleinteiliger überwachen, doch die Lage ist hier auch komplizierter. Wie gut die Kindersicherungs-Apps funktionieren, hängt vom Hersteller ab. Salfeld zufolge erlauben große Anbieter wie Samsung, Sony und LG generell eine gute Absicherung. Probleme gebe es dagegen gerade mit den billigsten Smartphones von wenig bekannten Marken aus Fernost.

Sozialpädagoge Ritzer-Sachs rät ebenfalls dazu, den Zugriff auf den App-Store zu beschränken und nur ausgewählte Anwendungen zuzulassen. Er hält in der Praxis jedoch nur wenig von weitreichender Kindersicherung. Oft seien die Kinder technisch schon weiter als die Eltern. Im Netz finden sie Anleitungen, um die Software auszuhebeln, wenn die Eltern sie nicht sehr versiert installiert haben. Immer mitzulesen, was die Kids machen, hält er sogar für einen Vertrauensbruch - genauso, wie das Tagebuch zu lesen. "Kinder müssen auch mal etwas Verbotenes machen", sagt er. Erziehung sei letztlich besser als technische Schranken. Was gut hilft: wenn die Erwachsenen gute Vorbilder sind. Und das Handy selbst auch mal aus der Hand legen.

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