Endlich sturmfrei?

Eltern dürfen ruhig mal leiden, wenn ihre Kinder zu Hause ausziehen - aber auch froh sein, sagt eine Paartherapeutin

In anstrengenden Momenten können Eltern es manchmal kaum erwarten, dass ihre Kinder endlich das Haus verlassen, dass sie ihnen nicht mehr die Klamotten nachräumen, sich gegen die laute Musik zur Wehr setzen oder ihre schlechte Laune ertragen müssen. Haben sie das elterliche Nest aber wirklich verlassen, wird es leer. Und still. Paare sind auf einmal ihrer elterlichen Pflicht enthoben. Das ist nicht immer leicht wegzustecken. Manche rutschen sogar in eine Sinnkrise, für die amerikanische Soziologen schon in den 1960-er Jahren den Begriff Empty-Nest-Syndrom erfanden. Redakteurin Susanne Plecher wollte von Paartherapeutin Angelika Kaddik wissen, wie damit am besten umzugehen ist.

Freie Presse: Frau Kaddik, warum bereitet es Eltern Probleme, wenn die Kinder aus dem Haus gehen? Es ist doch schön, wenn sie selbstständig werden und ihr eigenes Leben leben.

Angelika Kaddik: Wir erziehen unsere Kinder so, dass sie irgendwann ein eigenes Leben führen können. Und trotzdem kommt der Auszug des Kindes dann doch ganz plötzlich. Selbst wenn wir ihnen immer viel Raum gegeben haben, kann es einen dann hart treffen. Beim ersten Kind geht es meistens noch: Die anderen Kinder sind ja noch im Haus, das alte Leben geht weiter. Aber wenn das letzte Kind geht, wird es komisch. Leer, ungewohnt. Das kann auch ganz schön wehtun. Das Gefühl erwischt einen mitunter kalt. Auf der anderen Seite freut man sich auch über die neue Freiheit. Beides gehört dazu.

Hat das auch mit der Erkenntnis zu tun, dass die Eltern-Funktion abgearbeitet ist und man nun langsam alt wird?

Da kommt ganz viel zusammen. Ich meine, manchmal ist es gefühlt sogar eine Lebenskrise, ein neuer Lebensabschnitt - im wahrsten Wortsinn: Es ist, als würde das Leben etwas von einem abschneiden. Es fühlt sich an wie eine Wunde, über die man zunächst erst einmal erstaunt und erschrocken ist und herausfinden muss, was da gerade mit dem eigenen Leben passiert. Oft gehen dann ja nicht nur die Kinder aus dem Haus, sondern die eigenen Eltern werden bedürftiger. Es sterben plötzlich Menschen, die einen ein Leben lang begleitet haben, der Partner oder man selbst geht in Rente. Man wird sich seiner eigenen Endlichkeit tatsächlich bewusst. Diese neuen emotionalen Herausforderungen machen etwas mit uns.

Leiden die Mütter mehr darunter, oder können die Väter ihren Schmerz nur besser kaschieren?

Meistens die Mütter, Frauen gehen mit Trauer und Ängsten anders um als Männer. Bei den Vätern kommt es später. Oft, wenn sie in Rente gehen. Frauen, die mit den Kindern im Alltag häufig mehr zu tun hatten, vermissen sie doch mehr. Ich erlebe, dass es vielen Frauen unangenehm und peinlich ist, über dieses Thema zu sprechen. Die Umwelt hat ja dann auch oft ein paar flotte Sprüche auf Lager, wie "Endlich sturmfrei!" oder: "Du musst auch mal loslassen!" Das stimmt ja auch und wird auch so erlebt, aber da schlagen dann eben zwei Herzen in der Brust, und die Gefühlsseite leidet still vor sich hin. Frauen sprechen mit ihren Freundinnen darüber. Manche rutschen auch in eine Depression. Es gibt sogar Selbsthilfegruppen. Es gibt aber auch Mütter und Väter, die "Hurra" schreien und sich freuen, dass sie sich um bestimmte Dinge nicht mehr kümmern müssen und mehr Zeit für sich haben. Das hängt von der eigenen Persönlichkeitsstruktur und dem eigenen Leben, aber auch von der Paarbeziehung ab.

Sie sind selbst Mutter, Ihre Kinder sind schon ausgezogen. Wie war das für Sie?

Beim Älteren ist es mir anfangs auch nicht so leicht gefallen. Aber da war ja noch der "Kleine". Als der dann aber auszog, habe ich eine Trauer gespürt, die ich im ersten Moment nicht benennen konnte. Richtig schlimm wurde es, als er einen Job in Peking annahm. Es war für uns eine Herausforderung in Loslassen, als wir ihn zum Flughafen brachten. Nicht zu wissen, wann ich mein Kind wiedersehe, war hart.

Was kann helfen?

Anzuerkennen, dass die Kinder ein Recht auf ein eigenes Leben haben. Wir haben alles dafür getan, dass sie diesen Schritt gehen können - und dürfen uns als Eltern auch mal auf die Schultern klopfen, dass wir den Weg dafür geebnet haben. Dass sie so mutig sind. Es ist wichtig, ihnen das zu gönnen und gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass sie sich nicht um uns kümmern müssen. Aber wissen dürfen sie trotzdem, dass es sich für die Eltern doof anfühlt, wenn sie gehen. Für die Kinder ist es ja auch nicht einfach, plötzlich auf eigenen Beinen zu stehen.

Dass sich Leere einstellt, ist zu erwarten. Kann man schon etwas dagegen machen, wenn die Kinder noch da sind?

Ja! Wichtig ist, ein Paar zu bleiben. Man muss seine Beziehung pflegen, ab und an mal einen Babysitter nehmen und sich auch als Mutter und Vater ein Stück eigenes Leben bewahren. Sich zu fragen: Was brauche ich für mich? Was sind meine Bedürfnisse? Und ihnen nachgehen. Das gibt später Halt. Das klappt nicht immer, aber achtsam zu sein, kann schon helfen.

Was wird mit dem Kinderzimmer?

Alles, was Sie wollen - nur kein Kindermuseum! Es sollte neu besetzt werden, als Gästezimmer oder als Hobbyraum. Oft mussten sich die Eltern vorher zurücknehmen, weil die Wohnung zu klein war und der Platz nicht reichte. Jetzt haben beide vielleicht endlich ein eigenes Zimmer. Die Kinder sind nun Gäste, sie wohnen nicht mehr da. Sie können im Gästezimmer übernachten.

Viele Eltern warten sehnlichst darauf, dass sich die Kinder mal wieder blicken lassen. Was empfehlen Sie denen?

Die Kinder ziehen nicht auf den Mond. Sie sind nicht komplett weg - man kann sich besuchen oder Kontakt über die sozialen Medien halten. Ich kann den Wunsch nachvollziehen, aber sie sollten nichts einfordern und nichts erwarten. Ich sage zu den Eltern dann: Warum wartet ihr darauf, dass die Kinder sich melden? Wenn ihr Sehnsucht habt, ruft selber an. Druck zu machen, ist nicht gut. Wenn das Verhältnis gut ist, dann spüren die Kinder selber das Bedürfnis, den Kontakt zu halten. Nicht beleidigt sein, zickig werden oder spitze Bemerkungen machen. Denn darauf haben die Kinder überhaupt keine Lust und ziehen sich eher zurück.

Wenn Eltern wieder auf sich selbst zurückgeworfen sind, gibt es oft Streit. Oder sie haben sich gar nichts mehr zu sagen. Trennen sich dann viele?

Dazu habe ich keine Statistik. Ich denke aber, dass eine Trennung wegen Auszugs der Kinder nur ein Symptom, aber nicht die Ursache ist. Diese Eltern haben sich irgendwann als Paar losgelassen. Sie haben die Distanz, die sich entwickelt hat, durch die Versorgung der Kinder überbrückt.

Was können sie tun, um ihre Beziehung in der Situation zu retten?

Reden, sich aushalten, sich Unterstützung von außen holen, anerkennen, dass es für beide Elternteile nicht leicht ist und jeder auf seine Weise damit umgeht. Die Leere, die entsteht, die darf sein. Man darf auch mal traurig sein, aber es darf einem auch gut gehen! Man darf froh sein!

Wann braucht man Hilfe von außen?

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen Traurigkeit und Depression zu erkennen. Ich darf traurig sein, wenn das Nest leer ist! Wenn man aber das Gefühl hat, den Halt zu verlieren, wenn somatische Beschwerden auftauchen, Ängste oder tatsächlich eine Depression oder ein Stresssyndrom auftritt, dann ist es sinnvoll, sich Hilfe von außen zu holen und zum Hausarzt zu gehen.

Angelika Kaddik

Die Mutter von zwei Kindern ist Sachbuchautorin aus Potsdam. Sie arbeitet seit 13 Jahren mit dem Schwerpunkt lösungsorientierte Paartherapie in eigener Praxis in Potsdam. Neben ihrer Praxisarbeit bietet Angelika Kaddik Seminare und Workshops an und begleitet Selbsthilfegruppen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Buchtipp: Angelika Kaddik: "Die Paar Probleme", Königsfurt-Urania, 222 Seiten, 19,95 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...