Entrechtete Väter

Ein Mann kämpft für den Kontakt zu seinem Sohn und tritt mit einem Protestmarsch für faire Sorgerechtsprozesse ein.

Mario Flaschentraeger will seinen Sohn sehen. Beim letzten Kontakt war der Junge elf Jahre alt - das war vor fünf Jahren. Frau und Sohn verließen ihn ganz plötzlich - als er nach Hause kam, seien sie weg gewesen, erzählt er. Erst vor Gericht traf er seine Ex wieder, denn er wollte das Sorgerecht für seinen Sohn einklagen. Doch den Prozess hat er verloren und zusätzlich das Umgangsrecht. "Meine Ex hat mich förmlich als Verbrecher hingestellt, vom Gericht wurde das auch so hingenommen, obwohl sie keinen ihrer Vorwürfe beweisen konnte", sagt er.

Mario Flaschentraeger, der in Hessen lebt, ist kein Einzelfall. Markus Witt vom Verein Väteraufbruch für Kinder kennt sie zur Genüge. In Sorgerechtsstreitigkeiten gebe es keine Verteidigung, deshalb werde oft mit Dreck geworfen, sagt er. "Der am heftigsten streitende Elternteil bekommt vor Gericht häufig recht", so Witt, "obwohl es ihm im Grunde oft nicht um das Kind, sondern um eigene Interessen und ums Siegenwollen geht." Sei der Kontakt dann lange genug unterbrochen, geben die Väter oft auf. Auch aus Geldmangel, denn Gerichtsprozesse sind teuer, und Unterhalt müsse gezahlt werden, egal ob der Vater ein Umgangsrecht hat oder nicht. Aber Mario Flaschentraeger gab nicht auf. Sechs Gerichtstermine erkämpfte er sich, am Ausgang des Verfahrens änderte sich jedoch nichts. Sein Sohn will ihn nicht sehen. Eigentlich kein Wunder, der Junge höre ja nur Negatives über ihn. Jetzt hat der 56-Jährige einen Protestmarsch hinter sich - von seinem Wohnort Sinntal-Mottgers nach Stade in Niedersachsen zum zuständigen Familiengericht - über 516 Kilometer. "Es ist ein Protestmarsch für alle entrechteten Väter und die entrechteten Kinder", sagt er. Bei Gericht hat er wieder einen Antrag auf Umgang mit seinem Sohn eingereicht. Wie die Antwort aussehen wird, ahnt er schon.

Doch er hofft, dass sein Sohn irgendwie davon erfährt, über Zeitungen oder soziale Medien. "Denn es stimmt nicht, dass ich mich nicht gekümmert habe, und es stimmt nicht, dass ich nie versucht habe, ihn zu erreichen", sagt er. Genau das wurde ihm von seiner Ex-Frau immer wieder unterstellt. "Ich möchte gerne das schlechte Bild, das mein Sohn von mir hat, korrigieren. Ihm zumindest die Möglichkeit geben, dass er sich eine eigene Meinung bilden kann."

Mit Rucksack, Navigationsgerät und seinen beiden Hunden zog er los. Unterwegs schlossen sich immer mal Wanderer an, mit denen er ins Gespräch kam. Vielen hat er seine Geschichte erzählt. "Es gab eine große Betroffenheit", sagt er.

Der Verein Väteraufbruch für Kinder kämpft seit Jahren um faire Sorgerechtsprozesse. "Doch die Familiengerichte sind damit häufig überfordert und für solche Konfliktsituationen überhaupt nicht ausgebildet", sagt Markus Witt. Deshalb beauftragen sie Gutachter und Sachverständige. Doch die menschlichen und fachlichen Voraussetzungen, die Sachverständige für diese Tätigkeit mitbringen müssen, wurden erst vor einem Jahr festgelegt. Bis dahin konnten Richter ihre Gutachter frei wählen.

Laut Bundestag gibt es noch eine weitere Baustelle. In der Bundesdrucksache vom Sommer letzten Jahres heißt es, dass "die Qualitätsverbesserungen in der Begutachtung nur dann Wirkung zeigen könnten, wenn die Richterschaft in der Lage ist, die gutachterlichen Ausführungen nachzuvollziehen und daraus rechtliche Schlussfolgerungen abzuleiten. Deshalb ist es notwendig, die Qualifikationsanforderungen für Familienrichter zu erhöhen." Weiter heißt es, dass es die Aufgabe der Richter sei, in hoch emotionalen Verfahren zu entscheiden und teilweise traumatisierte Kinder anzuhören. Sie müssten Sachverständige sorgfältig auswählen, die richtigen Fragen stellen und Gutachten auf ihre Verwendbarkeit hin überprüfen. Nach Ansicht des Vereins Väteraufbruch für Kinder werde das viel zu wenig getan. Mangels eigener Expertise verließen sich Richter oft zu sehr auf das Ergebnis der Gutachten.

Gesine Tews, Richterin und Sprecherin am Oberlandesgericht Dresden, bestreitet das: "Für Richter, die erstmals mit Familiensachen befasst sind, gibt es regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen, die auch rege genutzt werden." Themen seien Versorgungsausgleich, Unterhaltsrecht, psychologische Aspekte und Umgang mit Gutachten. Wie die Richter dieses Wissen einsetzen, sei natürlich nicht zu beeinflussen.

Larry Feldbusch, Fachanwalt für Familienrecht aus Chemnitz, kennt nur Gerichtsverfahren in Sachsen, kann sich deshalb kein Urteil über den Fall von Mario Flaschentraeger bilden. Doch sei es seit einigen Jahren gängige Praxis, dass vor einer richterlichen Entscheidung über Sorge- und Umgangsrecht eine außergerichtliche Beratung in Anspruch genommen werden müsse. In Netzwerken arbeiten Jugendämter, Familienberatungsstellen der Diakonie oder der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe mit Gerichten zusammen, um die Interessen der Kinder zu vertreten. Sie suchen Modelle, wie der Kontakt zu beiden Elternteilen erhalten werden kann. Denn Eltern haben nicht nur das Recht auf Umgang mit dem Kind, sie haben sogar die Pflicht dazu, steht im Bürgerlichen Gesetzbuch.

"In Familiensachen bekommen die Beteiligten heute innerhalb eines Monats einen Gerichtstermin, denn Familiensachen haben Vorrang", sagt Fachanwalt Feldbusch, der dem Verband "Anwalt des Kindes" angehört. Dieser Verband setzt sich für eine Stärkung der Kinderrechte in Familiengerichtsverfahren ein. Der Familienrichter gebe beiden Eltern in der Regel ausreichend Zeit, um ihre Position darzulegen, sagt Feldbusch. "Doch es gibt bessere und schlechtere Richter. Das ist in allen Bereichen so." Kommt es zu keiner Einigung, würde der Fall ans Oberlandesgericht abgegeben. Dass ein Elternteil nicht angehört würde, hätte er noch nicht erlebt.

Mario Flaschentraeger gibt nicht auf: Wenn sein Sohn volljährig ist, will er vielleicht noch einen neuen Versuch starten. Auf direktem Wege, denn die Mutter dürfte dann ja nicht mehr dazwischenstehen.

www.vaeteraufbruch.de

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