Es wird wehtun

Wie Eltern ihrem Kind beistehen können, das ins Krankenhaus muss, erklärt eine Klinik-Ärztin aus Leisnig

Eine schwere Lungenentzündung, ein komplizierter Knochenbruch, Krebs: Manchmal ist ein Kind so krank, dass es stationär behandelt werden muss. Dann sind nicht nur bei den Eltern die Ängste groß. Auch für den kleinen Patienten selbst ist die Situation meist neu. Was Eltern und Ärzte machen können, um diesen Kindern mehr Sicherheit zu geben, wollte Susanne Plecher von Dr. Ulla Lieser wissen. Sie ist Leitende Oberärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Helios Klinik Leisnig. Über 1000 Kinder betreut sie dort mit ihrem Team in jedem Jahr. Viele von ihnen werden operiert. Das Krankenhaus im Landkreis Mittelsachsen ist seit zehn Jahren mit dem Gütesiegel "Ausgezeichnet. Für Kinder" zertifiziert.

Freie Presse: Frau Dr. Lieser, wie bereiten Eltern und Ärzte ein Kind am besten auf den Klinikaufenthalt vor?

Dr. Lieser: Das kommt darauf an, was das Kind schon versteht. Wenn es groß genug ist, müssen Sie ehrlich mit ihm umgehen. Man muss ihm sagen, dass die Behandlung wehtun könnte, dass die Ärzte aber alles Mögliche machen, damit die Schmerzen nicht so groß werden. Wir verwenden zum Beispiel schmerzlindernde Cremes oder Säfte. Es gibt altersentsprechende Bücher, die sich die Eltern mit ihrem Kind ansehen können. Eines heißt zum Beispiel "Max im Traumland der Narkose". Darin ist kindgerecht erklärt, wie der Narkosearzt aussieht und was er macht.

Beschwichtigen oder verschweigen sind also keine Option?

Nein. Man sollte niemals sagen, dass es nicht wehtut, weil das nicht stimmt. Das Kind sollte niemals angeschwindelt werden, denn sonst verliert es sein Vertrauen in Eltern und Ärzte.

Ab welchem Alter sind die Kinder denn so verständig?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben 13-Jährige, die bei Untersuchungen nicht stillhalten können, und wir haben Sechsjährige, die das ganz wunderbar machen. Generell sind sie ungefähr ab dem Vorschulalter so weit.

Manche Kliniken können von den Familien vorab besichtigt werden.

Ja, das bieten wir auch an. Zusätzlich laden wir zwei- bis dreimal im Jahr zu einer Teddybärklinik ein, in der die Kinder aus Kindergärten der Umgebung ihre Puppen und Teddys bei uns behandeln lassen können. Sie denken sich vorher eine Krankengeschichte aus, und wir versorgen die Plüschpatienten, die vom Klettergerüst gefallen sind oder einen Gegenstand verschluckt haben. Wir gipsen dann das Bein ein oder schicken die Puppeneltern mit ihnen zum Röntgen. Wir haben dafür entsprechende Bilder, auf denen der Teddy einen Knopf oder eine Münze im Bauch hat. So können schon sehr kleine Kinder das Prinzip verstehen.

Warum hilft ihnen das im Ernstfall?

Es bereitet sie darauf vor. Sie lernen die Abläufe ein wenig kennen und wissen dann, was zum Beispiel das Röntgen ist. Viele haben ja Angst, auch wenn sie keine Schmerzen haben. Denn die Behandlungen sind für sie ungewohnt. Sie sind sehr interessiert daran.

Muss ein Kind operiert werden, sind die Eltern vor Sorge oft gleich mit krank. Wie beruhigen Sie sie?

Das stimmt. Die Eltern einzubeziehen ist ganz wichtig. Wir sprechen intensiv mit ihnen, sagen ihnen, wie wir behandeln werden, dass das Kind Schmerzmittel bekommt und vor der Operation beruhigt wird. Für die meisten ist aber am wichtigsten, dass sie bei ihrem Kind sein können, selbst, wenn es zur OP muss. Bis zur OP-Tür können sie es begleiten und danach abholen. Wir erklären ihnen auch, dass das Kind nach der Narkose noch ein bisschen durcheinander sein kann. Wir sagen immer: Wir haben zwei Patienten - das Kind und seine Mutti oder seinen Vati. Wir müssen die Eltern vorbereiten auf das, was das Kind erwartet. Nur so können sie es beruhigen.

Für viele Eltern ist es wichtig, ihr Kind ins Krankenhaus begleiten und dort auch übernachten zu können. Wie ist das Rooming-in geregelt?

Bei uns geht das, bis die Kinder sieben Jahre alt sind. Solange kann ein Elternteil kostenlos hier übernachten und immer bei seinem Kind sein. Das ist für beide gut. Andere Kliniken regeln das sicher anders. Da wäre es ratsam, sich schon vor einem geplanten stationären Aufenthalt mit der Krankenkasse in Verbindung zu setzen, um die Kostenübernahme zu klären.

Was sollte in die Kliniktasche gepackt werden?

Ein Kuscheltier, Spielzeug, Beschäftigung, etwas zum Vorlesen. Wichtig ist die private Kleidung der Kinder, denn darin fühlen sie sich sofort viel wohler.

Was kann ihnen noch helfen?

Zuspruch und die Aussicht auf eine kleine Belohnung, ein Eis zum Lutschen nach der OP zum Beispiel. Das kühlt den Rachen nach einer Intubation. Wir verleihen den Kindern auch eine Tapferkeitsmedaille, wenn sie uns verlassen. Außerdem erleben wir es immer wieder, dass sie es genießen, ihre Mutter den ganzen Tag um sich zu haben. Das haben sie normalerweise ja nicht. Aber am Ende sind alle heilfroh, wenn sie entlassen werden.

Mit Elternbegleitung

Ein gesetzlicher Anspruch auf Rooming-in besteht nicht.

Die meisten Krankenkassen tragen die Kosten für Eltern als Begleitperson. Kostenlos und ohne Vorab-Prüfung gewähren das AOK Plus, Barmer und IKK classic (jeweils bis neun Jahre), TK (bis sieben), DAK (bis sechs).

Bei älteren Kindern übernehmen die Kassen die Kosten auf Antrag bei medizinischer Notwendigkeit.

Ein Siegel für gute Kinderkliniken

Das Zertifikat "Ausgezeichnet. Für Kinder" erhalten seit 2007 Kinderkliniken, die sich freiwillig einer strengen externen Qualitätskontrolle unterziehen und sie bestehen. Das Gütesiegel zeigt Eltern, dass ihr Kind dort gut versorgt wird.

Elternverbände und Fachgesellschaften haben dafür Mindeststandards definiert. Dazu gehört u. a., dass sich Ärzte und Pflegepersonal auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert haben, rund um die Uhr ein Facharzt erreichbar ist und Familien psychosoziale Unterstützung erhalten. "Die Anforderungen streng nachzuhalten ist nötig, weil sich durch massive Einsparungen im Gesundheitsbereich auch die Versorgung in den Kinderkliniken verschlechtert", sagt Jochen Scheel von der Bewertungskommission.

Das Zertifikat gilt zwei Jahre. Dann muss sich die Klinik neu bewerben.

In Sachsen sind derzeit elf Kliniken zertifiziert, darunter die Krankenhäuser in Bautzen, Chemnitz-Rabenstein, Freital, Plauen, Zwickau und das Städtische Klinikum in Dresden.

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