Härtetest Baby: Eltern im Ausnahmezustand

Kurze Nächte, viel Stress: Nachwuchs belastet oft das Beziehungsleben. Vor allem Erstlingseltern unterschätzen die Anstrengung. Wie gelingt es trotzdem, ein Liebespaar zu bleiben?

Es ist kein Schlaf, es ist ein halb waches Dämmern. Es ist kein Essen, eher ein schnelles Futtern zwischen zwei Schreiattacken. Das erste Babyjahr ist für Eltern schön - und stressig. Kann so viel Anstrengung gut für die Beziehung sein?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, sagt Ulrike von Haldenwang vom Deutschen Hebammenverband. Denn gerade Erstlingseltern unterschätzen die Anstrengung und überfordern sich. Das kann zu ernsthaften Problemen bis hin zur Depression führen. "Es gibt diese weitverbreitete Vorstellung, dass man quasi in Glück gebadet ist", sagt von Haldenwang. Alle Eltern wissen, dass an diesem Klischee viel Wahres dran ist. "Aber die enorme emotionale Tiefe der Gefühle kann auch belasten", warnt sie. "Von den praktischen und körperlichen Anstrengungen ganz abgesehen."

Wie die Geburt verläuft, lässt sich in der Regel kaum planen. Das Wochenbett vorbereiten kann dagegen jeder. Und dabei kommt es nicht zuerst auf ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer an, so von Haldenwang. "Ganz wichtig ist die Gesprächskultur in der Beziehung." Denn gerade die ersten Wochen mit Kind seien oft ein Härtetest dafür, wie ein Paar kommuniziert. Kann man gute Absprachen treffen, verhandeln, offen über seine Bedürfnisse sprechen? Auf Basis einer guten Gesprächskultur lassen sich zahlreiche praktische Hindernisse aus dem Weg räumen. Zum Beispiel der Schlafmangel: "Es ist so, dass man im ersten Jahr mit Kind weniger und schlechter schläft, weil man angespannter ist", sagt die Hebamme. Tatsächlich vertrügen das manche Menschen deutlich besser als andere - und oft wisse man das ja schon über sich. "Da sollte man am besten vorher aushandeln, wie man damit umgeht."

Übrigens ist es nicht immer so, dass die Mutter diejenige ist, die wenig Schlaf besser aushält, auch wenn sich entsprechende Legenden hartnäckig halten und zu einer ungerechten Aufteilung führen. "Eine Studie aus den USA zeigt, dass vor allem Mütter in den ersten zwei Lebensjahren der Kinder bis zu sechs Monate an Schlaf verlieren, während die Väter selig weiterschlummern", sagt der Schlafforscher Hans-Günter Weeß. Das ist nicht nur nervig für die Frauen. Es hat auch negative Konsequenzen für ihre Gesundheit. "Für Mütter kann die Geburt des Kindes auch ein Start in eine lebenslange Karriere mit Schlafstörungen sein", sagt Weeß. "Sie gewöhnen sich einen sehr hellhörigen und oberflächlichen Schlaf an, und werden den nie wieder los." Um das zu verhindern, rät Weeß dringend zu einer Aufteilung der Nachtschichten. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, dass jeder seine Hälfte übernimmt. Wichtiger sei eher, dass jeder ab und zu mal eine ungestörte Nacht hat. Langfristschäden seien so relativ unwahrscheinlich. "Grundsätzlich kann der Mensch eine gewisse Zeit mit Schlafmangel auskommen. Ab wann sich daraus eine Gesundheitsgefährdung entwickelt, können wir nicht genau sagen. Es sind aber eher viele Monate oder sogar Jahre dazu nötig", sagt der Schlafforscher.

Ulrike von Haldenwang rät neuen Eltern vor allem, sich nicht zu übernehmen. Das gilt gerade für Mütter und vor allem im ersten Jahr. "Was oft unterschätzt wird, ist, wie viel Kraft Schwangerschaft und Geburt Frauen kosten", sagt sie. "Eine Geburt ist keine Krankheit. Aber es braucht meistens ein Jahr, bis Mütter wieder auf ihrem vorherigen Energielevel angekommen sind." Umso mehr gelte das, wenn kurz nach der Geburt noch körperliche Probleme hinzukommen - ein Kaiserschnitt etwa, oder ein Dammschnitt, der heilen muss. Gerade dann sei Regel Nummer eins: Lieber etwas mehr ausruhen, als alles perfekt machen zu wollen.

Das betrifft zum Beispiel die täglichen Mahlzeiten für die Erwachsenen und die Geschwisterkinder. Eltern sollten sich hier vor allem eingestehen, dass sie nicht jeden Tag frisch kochen können, sagt von Haldenwang. Stressfreiheit sei in dem Fall wichtiger als gesunde Ernährung nach Lehrbuch. So sei es auch völlig okay, wenn man mal Tiefkühlpizza isst oder der Lieferdienst kommt.

Doch wenn aus Paaren Eltern werden, ändert sich für sie meist noch viel mehr. Wo bleibt noch Platz für die Liebe? Sie können einiges tun, damit die Beziehung nicht an den neuen Herausforderungen zerbricht. Das geht schon gleich nach der Entbindung los. Paare sollten die ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt des Kindes gemeinsam nutzen, rät Helen Heinemann, Pädagogin und Leiterin des Instituts für Burn-out-Prävention in Hamburg. In dieser Phase verarbeitet das Paar gemeinsam das emotionale Aufgewühltsein und Durcheinander. Beide - Mann und Frau - lassen es sich miteinander gut gehen. Das Ziel dabei: Das Paar konzentriert sich ganz auf die neue Situation zu dritt und findet sich gemeinsam neu in ihren Rollen als Mutter und Vater.

Wichtig sei es gerade in den ersten Monaten nach der Geburt, nicht davon auszugehen, dass schon alles von allein laufe. "Das tut es nämlich nicht", so Heinemann. Paare sollten Aufgaben verteilen und Termine vereinbaren. Zudem sollten sie regelmäßig darüber reden, was jeden gerade unzufrieden macht, und überlegen, wie sich das lösen lässt. Etwa durch Aufgabentausch: Wenn einer nicht gerne kocht, kann er die Wäsche übernehmen.

Bei vielen Paaren liegt nach der Geburt eines Babys zudem das Liebesleben auf Eis. "Die Lust fällt nicht vom Himmel", sagen die Münchner Paartherapeuten Birgitt Hölzel und Stefan Ruzas. Ihre Empfehlung: "Hauptsache, machen! Nicht auf den perfekten Moment warten, oder diesen ausgiebig vorplanen." Das klappe sowieso nicht. Die Experten raten lieber dazu, mittelmäßigem Sex zu haben als gar keinen. Dazu könnten Paare auch kleine Gelegenheiten nutzen, um wieder zusammen im Bett zu landen, etwa, wenn das Kind Mittagsschlaf hält. (dpa/rnw)

Buchtipp

Viele Eltern wollen trotz Nachwuchsauch weiter als Paar zusammenleben. Wie das funktioniert, beschreibt Sascha Schmidt im Buch "Wieder Paar sein". Humboldt Verlag, Preis: 19,99 Euro.

0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.