Hör bitte auf zu schreien!

Zehn Beratungsstellen für Schreibabys in Sachsen helfen entnervten Eltern. Es gibt zwei Behandlungsansätze.

Paul schreit, sobald er hingelegt wird. Er schreit und schreit. Auch auf dem Arm gibt der kleine Junge aus Freiberg nur ein paar Minuten Ruhe. Selbst während des Stillens geht das Köpfchen unruhig hin und her. Paul ist ein Schreibaby und bringt seine Eltern an die Grenze ihrer Kräfte.

Babys weinen, das ist klar. Denn es ist ihre einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Bei Schreibabys geschieht das aber stundenlang ohne Pause, über viele Wochen hinweg, ohne dass es einen sichtbaren Grund oder eine Möglichkeit der Linderung gibt. "An manchen Tagen wusste ich nicht mehr weiter. Jeder Versuch, den ich mit meinem Baby unternahm, schien zu scheitern", sagt Mutter Nadine*. "In den Vorbereitungskursen, in denen man viel über die erste Zeit mit dem Baby erfährt, war von Schreikindern nie die Rede. Da wurde nur Angenehmes vermittelt." Dabei sind Schreibabys gar nicht so selten: Etwa jedes fünfte Kind soll Statistiken zufolge davon betroffen sein.

Für die Krisenbegleiterin Almut Heitmann aus Dresden ist es ein Teufelskreis: "Das Kind schreit, die Eltern werden immer nervöser und gestresster. Das überträgt sich wiederum auf das Kind, denn es spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Im Resultat schreit es noch mehr." Diesen Kreislauf müsse man erst einmal unterbrechen. "Was die Eltern jetzt am wenigsten brauchen, sind gute Ratschläge. Die bekommen sie ohnehin von allen Seiten und können sie oft gar nicht mehr hören."

Nadine kann mit ihrem Sohn kaum rausgehen - nicht im Kinderwagen fahren, keine Termine wahrnehmen, nicht einkaufen. Denn der Kleine schreit, und sie als Mutter wird vorwurfsvoll angeschaut.

Das alles ist jetzt zwei Jahre her. "Wir waren von unserer Umwelt regelrecht abgeschnitten, was mir sehr auf die Seele geschlagen hat", sagt Nadine. Der Kinderarzt gab ihr den Tipp mit der Schreibaby-Ambulanz. "Ohne diese Hilfe hätten wir nicht gewusst, was passiert wäre", erklärt sie heute. Im schlimmsten Fall werden Schreikinder von verzweifelten Eltern geschüttelt, wodurch es zu Hirnblutungen kommen kann, die sogar tödlich enden können. Experten gehen in Deutschland von 200 Kindern pro Jahr mit Schüttelsyndrom aus.

Auf der Webseite www. trostreich.de können sich Eltern alle Standorte von Schreibaby-Beratungsstellen oder -Ambulanzen mit Adressen und Rufnummern anzeigen lassen - nach Postleitzahlen geordnet. Zehn gibt es in Sachsen. Wie bei Almut Heitmann und ihrer Kollegin Anke Borisch sind es häufig Hebammenpraxen, die diese Hilfe anbieten. "Wir sind in Krisenbegleitung und Traumaarbeit ausgebildet", sagt Almut Heitmann, die gelernte Kinderkrankenschwester ist. "Ich habe schon immer gespürt, dass ich auch auf psychologischer Ebene einen sehr guten Zugang zu Kindern habe." Deshalb habe sie sich für eine Ausbildung zur Krisenbegleiterin entschieden.

Geht ein Hilferuf bei ihnen ein, telefonieren sie ausführlich und vereinbaren dann einen Termin in der Praxis oder zu Hause. "Denn wir brauchen auch einen Überblick über die Situation der Familie und über eventuell weiteren Hilfebedarf", sagt sie. Gerade größere Geschwister kommen bei Schreibabys auch schnell einmal zu kurz. Im Gespräch versuche man, den Gründen des Schreiens auf die Spur zu kommen. Sind körperliche Ursachen wie Schmerzen oder Verdauungsprobleme von einem Kinderarzt ausgeschlossen worden, komme oft der Geburtsvorgang als traumatisches Erlebnis in Betracht, das das Kind auf diese Weise verarbeitet. Eine sehr lange oder auch sehr schnelle Geburt, Komplikationen, Kaiserschnitt oder der Einsatz von Hilfsmitteln wie Zange oder Saugglocke könnten den Kindern Stress oder Schmerzen bereitet haben, was das ständige Schreien erklärt. Nach der Geburt sollten die Babys möglichst zwei bis drei Stunden auf der Brust der Mutter bleiben können. Das wird Bonding genannt und dient dem Aufbau einer intensiven Mutter-Kind-Bindung. "Gab es diese Möglichkeit nicht, weil das Baby vielleicht beatmet werden musste oder andere Komplikationen ein schnelles Eingreifen erforderten, leiden viele Kinder unter Verlassensängsten, die sie durch Schreien äußern", so Almut Heitmann. "Doch es gibt Tausende von Gründen. Wir können auch nicht immer den einen finden", sagt sie. Das sei auch nicht vordergründig, wichtig sei die sofortige Hilfe.

Dabei verfolgen sie einen bindungs- und körperorientierten Ansatz. "Babys zeigen vor allem durch ihre Körpersprache, was sie verarbeiten müssen, und dort knüpfen wir in unserer Arbeit an", sagt Anke Borisch. "Über die körperliche Ebene, durch viel Berührung und Kontakt gewinnt das Kind Urvertrauen und Sicherheit zurück." Ein anderer Ansatz ist der pädagogische. Hier werde durch Rituale und Regelmäßigkeit in der Pflege dem Kind die nötige Sicherheit gegeben. Fachkundige Hilfe sei in jedem Fall wichtig, denn Schreibabys zeigten oft auch später ein verstärktes Trotzverhalten und Probleme beim Schlafen, so Heitmann.

Bei Nadine könnte es eine sehr schnelle Geburt gewesen sein, die ihren Sohn unter Stress gesetzt hat. "Der errechnete Termin war bereits erreicht. Mein Arzt bot mir an, die Geburt einzuleiten. Innerhalb von einer halben Stunde war mein Paul geboren", sagt sie. Da es Komplikationen gab, die danach behandelt werden mussten, entfiel leider auch das Bonding. "Ich habe versucht, dem Kind das Bonding-Gefühl nachträglich noch zu vermitteln", sagt Almut Heitmann. "Nach dem Bad habe ich es, so nass wie es war, seiner Mutter auf die Brust gelegt. Das hat der Kleine sehr genossen." Es wurde tatsächlich besser, und die Ruhephasen wurden länger. "Nach und nach konnten wir auch wieder unsere Wohnung verlassen. Paul war dabei entspannt im Tragetuch und später sogar im Kinderwagen", sagt Nadine. "Frau Heitmann nahm sich Zeit und hörte mir zu. Ich war sehr froh, dass auch ich wichtig war, nicht nur das ständig schreiende Baby. Sie war sehr zuversichtlich, und das übertrug sich auf mich. Dafür bin ich ihr dankbar."

Etwa zehn Sitzungen können Eltern mit Schreibabys in Anspruch nehmen. Deutliche Verbesserungen gebe es aber oft schon nach vier oder fünf Stunden. "Die Kosten müssen die Eltern selbst tragen, die Kassen übernehmen das noch nicht, obwohl wir immer wieder dafür werben", sagt die Krisenbegleiterin. Eine Stunde kostet 50 Euro. "Wir haben aber einen Verein gegründet, bei dem durch Spenden die Behandlung unterstützt werden kann. Das kommt Eltern zugute, die das Geld nicht haben." Schreikindpraxen bieten oftmals auch Gruppentermine an, bei denen sich Eltern austauschen können.

"Ich rate Familien mit einem Schreibaby, sich professionelle Hilfe zu holen. Das ist keine Schande", sagt Nadine. "Im Gegenteil - sich schwach zu fühlen und Hilfe anzunehmen, ist eine Stärke und gibt viel Kraft und Hoffnung. Im Nachhinein gesehen sind wir an dieser Krise sehr gewachsen und gereift. Es ist schön zu spüren, dass es wirklich vorbei ist und wir die Zeit zusammen genießen können! Das wünsche ich jeder Mutter, jeder Familie!" Heute sei Paul ein Sonnenschein, ein glücklicher, munterer und willensstarker Junge. Nadine: "Wir sind unglaublich stolz auf ihn."

* Name von Mutter und Kind geändert.

Weitere Informationen: Das Buch "Mein Schreibaby verstehen und begleiten" von Anja Constance Gaca und Susanne Mierau ist im Verlag Gräfe und Unzer erschienen. Es kostet 14,99 Euro.

Schreibaby-Ambulanzen

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