"Ihrem Kind fehlt die Erziehung"

Autisten stoßen oft auf Ablehnung - wie Felix Weber aus Radebeul. In der Schule gibt es jetzt neue Möglichkeiten.

Felix liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer und schaut Filme auf dem Tablet. "Das tut er immer, jeden Tag", sagt seine Mutter Recha Weber. Stereotype und immer gleiche Handlungen gehören zum Wesen von autistischen Menschen.

Der Zwölfjährige ist auch sonst auf bestimmte Rituale und Abläufe geprägt. Das fängt beim Frühstück an: "Morgens isst er nur ein ganz spezielles Müsli aus ganz bestimmtem Geschirr", sagt sie. "Ist die Schüssel nicht da, isst er nichts." Schlimm sei es gewesen, als der Hersteller die Verpackungsgestaltung seines Müslis änderte. Mit viel Geduld habe sie ihn umgewöhnt. Die kleinste Veränderung bereitet ihm Stress. Autisten wie Felix sind zudem nicht in der Lage, eine Auswahl zu treffen. "Im Urlaub gab es ein sehr schönes Buffet mit allem, was das Herz begehrt. Was andere freut, treibt Felix in die Verzweiflung. Er macht seiner Überforderung dann durch Schreien und fahrige Bewegungen Luft", erzählt seine Mutter.

Während andere Autisten kontaktscheu sind, geht Felix auf Erwachsene zu. Er spreche sie auch direkt an und erzähle, was ihn gerade beschäftigt - ungeachtet, ob sein Gegenüber selbst gerade in einer Unterhaltung ist oder das vielleicht gar nicht hören will. "Ihrem Kind fehlt die Erziehung" oder "Lassen Sie sich nicht so auf der Nase herumtanzen" seien noch die milderen Reaktionen, mit denen sie dann konfrontiert werde. "Wir haben immer das Gefühl, uns für Felix rechtfertigen zu müssen", sagt Recha Weber.

Frühkindlicher Autismus ist eine angeborene Entwicklungsstörung, die sich im Sozialverhalten und in der Kommunikation zeigt, sagt Dr. Jessika Weiß, leitende Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden. Die Autismusambulanz ist eine besondere Therapieeinrichtung. Dort werden Behandlungen angeboten, die die Kommunikation, Kontaktgestaltung und Flexibilität von autistischen Kindern verbessern. Dazu gehören Verhaltenstraining, die Strukturierung des Alltags, aber auch Kunst- und Musiktherapie. "Kunst und Musik eröffnen ihnen oft ganz neue Wege, mit anderen in Kontakt zu kommen", sagt Weiß. "Eine Heilung ist aber nicht möglich."

Das ist auch nicht mehr Ziel der Wissenschaft, sagte Professor Sven Bölte, Psychologe und Vorsitzender der Wissenschaftlichen Gesellschaft Autismus. "Eine zunehmende Zahl von Autisten identifiziert sich mit der Störung und sieht sie als Ausdruck von Individualität." Sie lehnten eine ursächliche Behandlung ab, akzeptierten aber Interventionen, die es ihnen ermöglichen, besser mit den Anforderungen des Alltags zurechtzukommen. Die Forschung stütze sich daher auf frühe Erkennung und Vorbeugung, so Bölte. Bereits angebotenen Gentests erteilt er eine Abfuhr: "Es ist nicht bekannt, ob genetische Marker etwas über die Anpassungsfähigkeit und Lebensqualität mit Autismus vorhersagen." Auch die genauen Ursachen der Entwicklungsstörung sind nicht bekannt. Wohl aber Umweltfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für Autismus erhöhen können. Dazu gehören Bölte zufolge Infektionen in der Schwangerschaft, zum Beispiel Röteln, Schwermetall- und Pestizidkontakt, die Einnahme von Antidepressiva, von bestimmten Schlaf- und Beruhigungsmitteln oder von Medikamenten gegen Epilepsie. "Darüber gibt es gute Studien. In keiner Studie konnte dagegen eine Verbindung mit Impfungen beziehungsweise Impfstoffen hergestellt werden", sagt er und widerspricht damit vielen Impfgegnern.

Das Besondere an den Autisten sind ihre speziellen Interessen und Begabungen. Bei Felix sind es Dinosaurier. Er kennt alle Arten und weiß praktisch alles über sie. Naturwissenschaften sind seine zweite Leidenschaft - besonders Mathematik und Geografie. Er besucht in Begleitung eines Schulbetreuers eine Oberschule in Radebeul, obwohl er Analphabet ist. "Das macht das Lernen zur Herausforderung", sagt der Vater Georg Schmalfuß. Er hat sehr darum gekämpft, dass sein Sohn von der Lernförderschule an eine Oberschule kommt, damit er eine seiner Leistungsfähigkeit entsprechende Bildung erhält. "Mit zwölf Jahren kann ein Kind doch noch nicht abgeschrieben sein", sagt er. "Jetzt macht ihm die Schule wieder Freude. Vorher war er unterfordert und unglücklich."

Im neuen Schulgesetz werden seit Beginn des Schuljahres 2016/17 schrittweise die Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt und damit die Förderschulpflicht abgeschafft. Doch erst ab August 2018 dürfen die Eltern entscheiden, ob ihr Kind als Inklusionsschüler an einer normalen Oberschule oder aber an einer Förderschule lernt. Wie bei Felix Weber ist Inklusion auch jetzt schon möglich, doch mit einer Vielzahl von Anträgen verbunden, wie Georg Schmalfuß sagt. Zur Unterstützung der Lehrer arbeiten sachsenweit mehr als 200 sogenannte Inklusionsassistenten - meist Erzieher oder Sozialpädagogen. Sie helfen in schwierigen Lernsituationen. Die Inklusionsassistenz ist ein Projekt, das zunächst auf fünf Jahre angelegt ist, sagt Manja Kelch, Sprecherin des Kultusministeriums Sachsen. Ein Drittel der sächsischen Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lerne bereits an allgemeinbildenden Oberschulen. Der Freistaat ist mit dieser Quote eher Schlusslicht in Deutschland. In Bremen liegt die Inklusionsrate bei 77 und in Schleswig Holstein bei 64 Prozent.

Felix kommt in der Schule gut mit, wenn auch die Hausaufgaben ewig dauern, wie seine Mutter sagt. "Ich muss ihm die Aufgabe immer und immer wieder vorlesen." Um Felix' Defizite in der Schriftsprache zu mindern, bekommt er privat Deutschunterricht. Der Lehrer hat Erfahrung mit Autisten. Anders ginge das auch nicht. Und Felix macht Fortschritte, wenn auch ganz kleine. "Vielleicht festigt er das später in einer Abendschule", hofft der Vater.

Die Zukunft ihres Sohnes sehen die Eltern in einer betreuten Wohngemeinschaft. Auch hinsichtlich seiner beruflichen Entwicklung machen sie sich keine Illusionen. "Wir hoffen, dass er eine gute geschützte Werkstatt findet und so glücklich bleibt, wie er jetzt gerade ist."

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