In puncto Familie ist Sachsen Vorreiter

Mehr Kinder, mehr Betreuung in Kitas und Horten, mehr Alleinerziehende. Der Freistaat sticht im Deutschland-Vergleich noch immer heraus. Doch der Westen holt auf.

Chemnitz.

Sachsen ist ein "Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen", sagte Roland Löffler, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung im Sommer 2019 in einem Interview. Dass dies nicht nur für politische Spaltungstendenzen, sondern auch für das Familienleben gilt, legen aktuelle Zahlen nahe. Sprach man lange Zeit von zwei unterschiedlichen Modellen, scheinen sich Ost und West beim Thema Familie 30 Jahre nach dem Mauerfall näherzukommen. Sachsen nimmt dabei eine besondere Vorreiterrolle ein, weil es die Entwicklungen in alten und neuen Bundesländern zu bündeln scheint. Zum Start des großen Familienkompasses 2020 hat die "Freie Presse" die wichtigsten Daten zusammengefasst.

 

Sächsische Frauen bekommen früher mehr Kinder: Eine Familie zu gründen, war zu DDR-Zeiten selbstverständlich. Dies bereits Anfang der Zwanziger zu tun, der Regelfall. Wer sich im jungen Alter für Kinder entschied, konnte mit der vollen Unterstützung des Staates rechnen - und hatte zahlreiche Vorteile, etwa bei der Wohnungssuche. So verwundert es kaum, dass Mütter in der DDR bei der Geburt des ersten Kindes noch Mitte der 80-er Jahre im Durchschnitt erst 22 Jahre alt waren. Auch in der Bundesrepublik lag der Altersschnitt mit 25 für heutige Verhältnisse niedrig - weil im Westen damals noch immer eine eher konservative Rollenverteilung dominierte. "Frauen erhalten heutzutage eine bessere und längere Ausbildung. Dadurch erhöhen sich ihre Karrieremöglichkeiten", sagt die Soziologin Nina Weimann-Sandig von der Evangelischen Hochschule Dresden. So erkläre sich, dass Mütter in der gesamten Republik bei der Geburt ihres ersten Kindes immer älter werden. Waren sie 2014 im Schnitt noch 29,5 Jahre alt, lag ihr Alter 2018 bereits bei 30 Jahren. Auch in Sachsen stellen junge Mütter mittlerweile eher den Ausnahmefall dar. Etwa acht Monate jünger als der Bundesschnitt sind Frauen im Freistaat bei der Familiengründung.

Und doch sind Kinder außergewöhnlich fester Bestandteil der sächsischen Identität: Mit einer Kinderlosenquote von lediglich 15,2 Prozent sind nur Frauen in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern deutschlandweit häufiger Mütter. Bei den Geburtenraten ist hingegen eine deutliche Angleichung zu erkennen. Bekam eine deutsche Frau im sogenannten "gebärfähigen Alter" 2014 noch 1,47 Kinder im Schnitt, waren es 2018 schon 1,57 - in Sachsen brachte eine Frau im selben Jahr durchschnittlich 1,59 Kinder zur Welt. Den meisten Nachwuchs bekommen Frauen übrigens in den Landkreisen Bautzen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, in Leipzig ist man hingegen am wenigsten zeugungsfreudig. Dass Sachsen einen demografischen Trend setzt, führt die Soziologin Weimann-Sandig auch auf viele Kitas zurück. "Die Kindertagesbetreuung war in Sachsen schon immer besonders gut ausgebaut. Deshalb ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hier einfacher als in anderen Bundesländern."

Krippen stehen hoch im Kurs: Dass der vermehrte Ausbau von Kindertagesstätten Wirkung zeigt, bestätigen auch die Statistiken. 2006 wurde jedes dritte Kind in Sachsen unter drei Jahren professionell betreut, 2019 war es schon jedes Zweite. Doch beim Ost-West-Vergleich scheiden sich noch immer die Geister: In den alten Bundesländern lag die Betreuungsquote im vergangenen Jahr bei 30,3 Prozent, in den neuen Bundesländern bei 55,8 Prozent. Die meisten Eltern, die ihre Kinder nicht in die Krippe schicken, findet man in Niedersachsen.

"Sachsen hat seit Verabschiedung des Rechtsanspruchs im U3-Bereich erhebliche Anstrengungen unternommen, die Kindertagesbetreuung weiter auszubauen und gute Angebotsstrukturen zu schaffen", erklärt Weimann-Sandig die Unterschiede im Ländervergleich. Trotzdem gebe es besonders im ländlichen Raum Probleme. "In vielen strukturschwachen Regionen Sachsens herrscht Fachkräftemangel, der die Betreuungslücke verschärft."

Aber wie sieht es eigentlich in puncto gleichberechtigte Erziehung aus? Das sächsische Familienmodell kann hier als durchaus wegweisend bezeichnet werden. Im Vergleich zu 2005 ist die Zahl erwerbstätiger Mütter im Freistaat 2015 nämlich um sieben Prozentpunkte gestiegen - auf insgesamt 79 Prozent. Deutschlandweit gingen nur 68 Prozent aller Mütter arbeiten. Unterschiede gibt es auch bei der Wochenarbeitszeit: Während in Sachsen 40 Prozent aller Mütter einen Vollzeitjob ausüben, sind es bundesweit nur 23 Prozent. Gute Bedingungen, um auch Männer mehr an der Erziehung der Kinder zu beteiligen. "Das paritätische Elternzeitmodell wird in Sachsen sehr gut angenommen. Väter legen hier Wert darauf, die Elternzeit gemeinsam mit der Partnerin zu gestalten und planen berufliche Auszeiten", sagt Weimann-Sandig. Mit 44 Prozent nehmen hier so viele Väter Elterngeld in Anspruch wie in keinem anderen Bundesland.

 

Viele Alleinerziehende: Eine Hochzeit gehört für überdurchschnittlich viele Sachsen nicht zwangsläufig zur Familiengründung. 2015 waren laut des sächsischen Sozialberichts nur etwas mehr als die Hälfte aller Eltern im Freistaat verheiratet, in den alten Bundesländern lag die Quote hingegen bei knapp 60 Prozent. Gleichzeitig wachsen immer mehr Kinder in Sachsen nur bei einem Elternteil auf. So ist der Anteil der Alleinerziehenden an Familien im Freistaat mit 24Prozent überdurchschnittlich hoch. Allerdings dürfe diese Zahl nicht überbewertet werden, sagt Weimann-Sandig. Vielmehr sei es so, dass neue Familienformen auf dem Vormarsch sind. "Der Osten ist bunter. Paare leben zusammen ohne zu heiraten, Singles entscheiden sich auch ohne einen festen Partner dafür, ein Kind zu bekommen, Regenbogenfamilien setzen sich durch. Gerade bei letzteren ist die rechtliche Zuordnung der Kinder viel schwieriger als bei heterosexuellen Paaren, sodass Mütter oder Väter als alleinerziehend betrachtet werden", erläutert die Soziologin.

 

Weniger Kinderarmut: Positiv stimmen die Zahlen zur finanziellen Situation sächsischer Familien. Obwohl deren Median-Netto-Einkommen (Median ist genau der Wert, von dem aus gesehen die eine Hälfte der Einkommen höher, die andere niedriger ist) mit 3.030 Euro über 300 Euro unter dem deutschen Schnitt liegt, sank die Zahl der sächsischen Kinder in Hartz-IV-Familien von 2010 bis 2019 um über fünf Prozentpunkte. Sie liegt damit aktuell deutlich unter dem Bundesschnitt. Den meisten sächsischen Eltern fehle es vorrangig nicht an Geld, sondern an Zeit, fand eine AOK-Familienstudie 2018 heraus. Auch hier liegt Sachsen im Trend, sagt Weimann-Sandig. "Doppelte Erwerbstätigkeiten stellen Familien heute vor erhebliche organisatorische Herausforderungen. Alles muss verhandelt werden." Gleichzeitig sei der Anspruch an die eigene Erziehung gestiegen, weshalb Eltern immer mehr Freizeitaktivitäten für ihre Kinder planten. Dies führe zu einer "extremen Erschöpfung der Familie". (sz)

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