Ist Angst ein gutes Erziehungsmittel?

Abgeschnittene Finger und brennende Kinder - das Buch vom Struwwelpeter ist 175 Jahre alt. Welche Wirkungen solche Bücher auf Kinder haben, wollte Stephanie Wesely vom Kinder- und Jugendpsychiater der Uniklinik Dresden, Professor Veit Rößner, wissen.

Freie Presse: Herr Professor Rößner, raten Sie Eltern, ihren Kindern dieses Buch vorzulesen?

Veit Rößner: Eltern sollten ihren Kindern dieses Buch nicht vorenthalten. Wir alle müssen unseren Kindern nicht nur Vorbild sein, sondern ihnen auch Werte und Normen beibringen. Dabei hilft motivierendes Material wie faszinierende Geschichten - seien es Märchen, bei denen es ja auch oft mit Gewalt zugeht - oder mit aussagekräftigen Bildern.

Aber die Geschichten machen doch Angst vor schmerzhaften Strafen. Sollte man Kinder mit Angst erziehen?

Nein. Erziehung lebt von Regeln und Vorbildern. Wenn ein Kind eine Regel verstanden hat und sieht, dass wir sie auch einhalten, wird es diese auch beherzigen.

Und trotzdem befürworten sie die abgeschnittenen Finger?

Natürlich sollten wir unseren Kindern nicht alles zugänglich machen oder gar aktiv zeigen. Das gilt nicht nur für den Struwwelpeter, sondern auch für die kaum noch zu kontrollierende Vielfalt in der heutigen Medienwelt. Gefahren und Katastrophen gehen an unseren Kindern nicht vorbei. Wir können sie davor nicht bewahren, indem wir alles von ihnen fernhalten. Wenn wir Informationen wie in Märchen oder dem Struwwelpeter klar als Fiktion erklären und das Kind dies versteht, sehe ich hier keine Gefahr. Zusätzlich kann man beobachten, dass Kinder von alleine altersabhängig ein gutes Gespür haben, dass ein gezeichnetes Kinderbuch nicht die Realität abbildet, genauso wie sie irgendwann nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben.

Der Struwwelpeter darf also heute noch auf dem Gabentisch liegen?

Ja, falls ein paar Dinge beachtet werden. So sollte das Kind in einem Alter sein, wo es zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann. Auch die Reaktion des Kindes auf die Geschichte muss man richtig einschätzen, denn es sollte zum Nutzen und nicht zum Schaden des Kindes sein.

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