Keine Macht den Erwachsenen!

Die Pädagogin Anne Sophie Winkelmann will erreichen, dass Erwachsene den Kindern auf Augenhöhe begegnen. Aber wie soll das funktionieren?

Die Pädagogin Anne Sophie Winkelmann hat eine klare Botschaft: "Kinder müssen nicht machen, was die Eltern, die Erzieher oder die Lehrer wollen. Indem Erwachsene sich über die Kinder erheben und ihre Macht nutzen, um ihre Ansichten durchzusetzen, wird die Würde der Kinder verletzt und ihrem Selbstwertgefühl geschadet." Eine streitbare Position, die mit älteren Auffassungen von Erziehung kollidiert. Da Kinderrechte stärker in den Fokus rücken, erfährt die Auseinandersetzung mit Adultismus immer mehr Beachtung. Der Begriff leitet sich von adult für erwachsen ab und bezeichnet das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Dass Kinder durch Handlungen oder Worte verletzt werden, geschieht oft unbewusst und ungewollt, wie Anne Sophie Winkelmann in ihrem Buch "Machtgeschichten" schreibt. Mit Stephanie Wesely hat die Pädagogin darüber gesprochen.

Freie Presse: Frau Winkelmann, haben Sie selbst in Ihrer Kindheit die Dominanz von Erwachsenen erlebt?

Anne Sophie Winkelmann: Ja, ich bin ganz klassisch aufgewachsen. Und wie viele andere, habe auch ich meine Erfahrungen diesbezüglich im Gepäck. Diese alten Muster kamen wieder hoch, als ich selbst als Mutter und Pädagogin Kinder begleiten durfte. Ich habe die Reaktion der Kinder darauf gesehen und gespürt, dass ich einen anderen Weg finden möchte. Deshalb habe ich mich auch intensiv mit Machtpositionen in der Erziehung auseinandergesetzt. Diese alten Muster entsprechen nicht meinen heutigen Werten. Ich möchte, dass Kinder gestärkt und nicht gebrochen aus ihrer Kindheit hervorgehen.

Gebrochen - ein hartes Wort. Die wenigsten Eltern werden ihre Kinder bewusst brechen wollen. Oder sehen Sie das anders?

Nein. Ich glaube, alle versuchen, das Beste zu tun. Aber wir tragen vieles in uns und sind umgeben von Selbstverständlichkeiten, denen wir nicht so leicht entkommen können. So passiert es öfter mal, dass wir in der Geschwindigkeit des Alltags zu einem Kind sagen: "Wir gehen jetzt raus, mach' doch nicht so ein Theater!" Und dann vielleicht auch genervt nachhelfen, wenn es seine Jacke eben nicht so schnell anzieht, wie wir das wollen. Das ist übergriffig und verletzt die Würde des Kindes. Denn der Erwachsene nimmt sich nicht die Zeit, wirklich hinzuhören, was bei dem Kind gerade los ist, warum es vielleicht nicht das tun möchte, was ich sage. Wenn ich aber die Gefühle des Kindes respektiere, könnte ich ihm mitfühlend sagen: "Das ist jetzt blöd für dich, wenn ich einfach entscheide, dass wir rausgehen, oder? Du möchtest lieber hierbleiben oder mehr Zeit haben? Das passt mir nur gerade nicht. Kannst du trotzdem mitkommen oder hast du eine andere Idee?" Wenn wir Kinder hören und sie nicht übergehen, macht das schon viel mit ihnen. Und sie kommen dann vielleicht sogar ganz von selbst mit.

Und wenn nicht? Wenn es Widerstand gibt und Wut?

Das Kind hat ein Recht auf seine Gefühle. Dazu gehört auch die Wut. Das ist mir sehr wichtig, dass wir Erwachsenen in der Lage sind, die Wut der Kinder anzunehmen und zu begleiten. Auf jeden Fall geht es dann darum, dem Prozess Zeit zu geben. Keinesfalls sollte man es aber dafür bestrafen oder ihm drohen, indem wir sagen: "Ich zähle jetzt bis drei. Wenn du dann nicht kommst, gibt es heute keine Gute-Nacht-Geschichte." Das vermittelt dem Kind, dass etwas an ihm falsch ist und mindert sein Selbstwertgefühl. Ich bin strikt gegen Strafen. Denn es widerstrebt mir, mir etwas auszudenken, was meinem Kind wehtun könnte oder es traurig macht, damit es beim nächsten Mal tut, was ich sage. Die Beziehungen zu Kindern sollten nicht auf Angst basieren, sondern auf Vertrauen.

Sollen Kinder mehr gelobt werden?

Viele wünschen sich Lob in der Erziehung und Begleitung junger Menschen. Damit meinen sie meist, nicht nur das zu thematisieren, was das Kind falsch oder schlecht gemacht hat, sondern auch zu benennen, was es gut macht und kann. Nur - wer entscheidet das? Auch Lob trägt immer ein Machtverhältnis in sich. Es ist nicht möglich zu loben, ohne für sich das Wissen zu beanspruchen, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist. Und Lob ist das heimliche Gegenstück zu Strafe. Zudem macht Lob süchtig. Das Kind lernt, wenn es sich in einer bestimmten Form verhält, wird das honoriert. Lob lenkt davon ab, für mich selbst zu spüren, ob ich zufrieden, fröhlich oder frustriert mit meinem Handeln bin.

Sie würden Kinder also gar nicht loben?

Zumindest nicht auf diese Weise, indem ich eine Bewertung abgebe. Das steht mir nicht zu. Ich kann aber meine Freude darüber ausdrücken, wenn ein Kind die ganze Bahn geschwommen ist, und es glücklich dabei aussah. So hat es die Möglichkeit, seine Empfindungen dabei zu reflektieren und es aus diesem Antrieb heraus zu tun - nicht, um anderen damit zu gefallen.

Der eigene Antrieb fürs Handeln ist sicher wichtig. Doch es gibt doch auch Pflichten und Regeln. Was tun, wenn ein Kind keine Lust hat, bei Rot an der Straße zu warten und losläuft?

Dann werde ich es zunächst mal schnell an die Hand nehmen, um zu verhindern, dass es losläuft. Sicherheit geht immer vor. Da muss auch nicht viel geredet werden. Danach kann ich ihm meine Grenzen erläutern, indem ich von meiner Angst spreche, dass es von einem Auto überfahren wird. Adultismus in der Begleitung von Kindern zu vermeiden, heißt nicht, zu allem Ja zu sagen und alles richtig zu finden, was ein Kind tut. Im Gegenteil, es geht darum, die persönlichen Grenzen aller ernst zu nehmen und mich auch als Erwachsene mit meinen Grenzen und Werten zu zeigen.

Es ist also keine Form von antiautoritärer Erziehung?

Auf keinen Fall. Eltern sollen sogar eine klare Position beziehen und diese auch ansprechen - in der Ich-Perspektive, nicht als Befehl, in der Erwartung, dass das Kind gehorcht. Wenn ein Kind Widerstand leistet, hat es zunächst einmal das Recht dazu, und ganz sicher seine guten Gründe. Wenn ich die Position des Kindes höre, kann ich meine auch mal ändern. Kinder haben oft gute Ideen, wie Probleme gelöst werden können, das habe ich selbst oft schon erlebt. Und Eltern können sich beim Kind auch entschuldigen, wenn sie im Nachhinein Unwohlsein spüren über ihre eigene Reaktion, die ihnen im Moment der Überforderung oder Sorge herausgerutscht ist. Denn Kinder dürfen auch erfahren, dass Eltern nicht perfekt sind, und dass es nicht in Ordnung ist, wenn Erwachsene Kinder verletzen. Eine Entschuldigung muss immer ehrlich sein, am besten ohne ein "aber" im Nachsatz.

Werden aus Kindern, die ohne Adultismus aufwachsen, bessere Erwachsene?

Das wäre sehr schön. Eine Chance ist es in jedem Fall. Denn Kinder machen in gleichwürdigen Beziehungen die Erfahrung, dass das, was sie fühlen und erleben, wertvoll und wichtig ist. Das kann durchaus zu einer Veränderung beitragen. Jede Generation hat damit die Möglichkeit, ein Stück weiter aus dieser oftmals selbstverständlichen Grenzüberschreitung und Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern auszusteigen, weil sie selbst andere Erfahrungen gemacht haben.


Die Pädagogin 

Anne Sophie Winkelmann ist Buchautorin, Pädagogin und Bildungsreferentin. Sie begleitet Kinder in einem Kreuzberger Kinderladen. Zu den Themen gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierung verbunden mit kritischer Selbstreflexion bietet sie Fortbildungen und Workshops an. Sie ist Mutter einer neunjährigen Tochter.


Buchtipp

"Machtgeschichten" hat zwei Teile - ein Vorlesebuch für Kinder und ein Fortbildungsbuch für Eltern und Erzieher. Verlag: Edition Claus ISBN: 978-3-98188-835-5 Preis: 15 Euro


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25Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    klapa
    15.07.2020

    Eine J. Haarer brauchen wir nicht mehr, stimmt.

    Ja, und jedes Elternpaar ist ein Expertenpaar für sich. Zum Glück schreiben nicht alle Bücher.

  • 3
    1
    RingsOfSaturn
    14.07.2020

    @klapa
    "Frau Winkelmanns [Buch] wäre einfach eines mehr."

    Ich finde das vollkommen ok, wen es interessiert, der kann es lesen.

    "Meinen Sie wirklich, dass wird jungen Eltern größere Klarheit bringen, wenn jeder Autor andere Ansichten vertritt?"

    So wie sie die Frage stellen, nein. Aber einen einheitlichen Erziehungsratgeber hatten wir schon mal. Leider hat ihn Johanna Haarer geschrieben und er hat viel Unheil über viele Kinder-Generationen gebracht, das teils bis heute nachwirkt. Von daher finde ich die Diversität heute auf der einen Seite positiv - man muss eben suchen, welche Konzepte zu einem passen und kann mehrere Bücher vergleichend nutzen. Auf der anderen Seite ist es auch schwierig, weil jeder selbsternannte "Experte" einen Ratgeber veröffentlichen kann. Ich persönlich schaue daher immer auch auf die fachliche Expertise der Autoren.

  • 3
    0
    klapa
    14.07.2020

    Rings, ich akzeptiere, was sie anführen.

    Zu Frau Winkelmann - es gibt zahllose Bücher mit erzieherischen Ratschlägen. Frau Winkelmanns wäre einfach eines mehr.

    Meinen Sie wirklich, dass wird jungen Eltern größere Klarheit bringen, wenn jeder Autor andere Ansichten vertritt?

    Meine Enkel sind nicht scharf darauf.

  • 1
    4
    RingsOfSaturn
    14.07.2020

    @klapa: in der Tat, eine Diffamierung sollte das nicht sein, vielleicht etwas ungeschickt gewählt der Ausdruck. Gemeint sind Menschen aus der älteren Generation, deren Kinder bereits erwachsen sind, und die das Bestreben der jüngeren Generation, ihre Kinder mit anderen oder weiterentwickelten Methoden großzuziehen (ich nenne das jetzt mal so undifferenziert), als Kritik an der eigenen Erziehungsleistung empfinden. Und die darauf dann häufig aggressiv oder beleidigt auf solche Konzepte oder Überlegungen reagieren, wie eben auch hier in den Kommentaren.

    Wie mehrfach erwähnt Stelle ich weder die Erziehungsleistung dieser Generation in Frage, noch dass erfolgreiche Erziehung ohne Frau Winkelmanns Thesen gelingen kann.

    Auf der anderen Seite sei es aber auch der Generation, die jetzt in der Verantwortung ist, zugestanden, über Erziehungsmethoden nachzudenken und bestehende Traditionen oder Ansichten in Frage zu stellen. Über die kindliche Entwicklung und die über die Gehirnentwicklung, über das Lernen, die Abläufe im Gehirn, die Auswirkung der Art und Weise der Beziehung zu Kindern weis man heute naturgemäß eine Menge mehr als noch vor 20 oder 30 Jahren, da natürlich die Wissenschaft nicht schläft. Und mit diesem Wissen kann man eben auch Erziehung neu oder anders denken und weiterentwickeln, ohne dass irgendjemand sich angegriffen fühlen muss.

    @Deluxe: ich möchte die Frage von Pedaleur gerne wiederholen, "welche kruden Weiterentwicklungsmöglichkeiten des Kindergartens Sie ausbügeln müssen?"

  • 2
    0
    klapa
    12.07.2020

    'Die alten Knochen' - Diffamierung soll das doch wohl nicht sein oder ... - haben vielleicht ihre Kinder schon zu Menschen herangebildet, die ihr Leben und das ihrer Familien heute erfolgreich gestalten, ohne die Thesen der Frau Winkelmann gekannt zu haben?

  • 2
    7
    RingsOfSaturn
    11.07.2020

    @Deluxe:
    "So wirklich mehrheitsfähig scheinen Ihre Thesen hier auch nicht zu sein, wenn ich mir die roten und grünen Daumen so anschaue."

    Wenn ich die vier roten Daumen abziehe, die ich obligatorisch auf jedem meiner Kommentare habe, sieht es doch gar nicht so schlecht aus.

    Spaß beiseite, das habe ich ja vorher selbst mit Bedauern festgestellt. Das Bedauern ist aber nicht um meinetwillen, sondern um der Kinder Willen.

    Und was ist ihre Schlussfolgerung @Deluxe aus dieser Feststellung?

    Gibt es einfach hauptsächlich die "alten Knochen" als Kommentierende bei der FP, von denen ich gesprochen habe? Oder kommentiert hier eher ein jüngeres Publikum, das die Kinder in diesem Land erzieht? Ich weis es nicht, aber ohne diese Information sind die Daumen für mich als Bewertungskriterium wertlos.

  • 1
    6
    GrauerWolf
    10.07.2020

    Das Buch ist angekommen und die ersten Seiten sind gelesen.
    Ich empfehle dringend die Diskussion erst nach dem Lesen des Buches weiterzuführen.
    Soweit kann ich jetzt schon sagen, das Buch öffnet wieder verschüttet geglaubte Ideale die der harte Alltag abgeschliffen hat, aber man kann ja daran arbeiten...
    Meint Ihr Grauer Wolf

  • 6
    5
    Pedaleur
    10.07.2020

    Liebe/r Deluxe, mich würde interessieren, welche kruden Weiterentwicklungsmöglichkeiten des Kindergartens Sie ausbügeln müssen?
    Erfahrungsgemäß wird hier sehr gute pädagogische Arbeit geleistet und viel gelernt. Auch im gegenseitigen Miteinander in den Gruppen. Es gibt Strukturen (mitunter mehr als zu Hause) und Regeln. Nach meiner bescheidenen Sichtweise arbeiten die meisten pädagogischen Konzepte auch mit positiven und negativen Verstärkern, auch eine Form von Anreizen, Lob und Tadel sowie Grenzsetzung und Reflektion (z.B. bei Streit/ Handgreiflichkeiten, um mal das krasse Beispiel Straßenverkehr zu relativieren).

  • 8
    3
    Deluxe
    10.07.2020

    "Auffälligerweise sind das meist Menschen, die die Erziehung eigener Kinder bereits hinter sich haben."

    Irrtum...es sind bisweilen Menschen, die noch mittendrin stecken in der Kindererziehung und zuhause mit viel Mühe auszubügeln versuchen, was in Schulen und Kindergärten an kruden "Weiterentwicklungen" von Methoden ausprobiert wird.

    So wirklich mehrheitsfähig scheinen Ihre Thesen hier auch nicht zu sein, @RingsOfSaturn, wenn ich mir die roten und grünen Daumen so anschaue.

  • 4
    6
    RingsOfSaturn
    09.07.2020

    Wie auch hier zu sehen, reagieren viele Menschen auf Ansätze zur Entwicklung der gängigen Erziehungsmethoden ("krude Ideologien) nahezu grantig und werden gerne auch mal giftig. Auffälligerweise sind das meist Menschen, die die Erziehung eigener Kinder bereits hinter sich haben.

    Damit wird wohl die eigene Erziehungsleistung gegen eine vermeintliche Kritik verteidigt. Ist ja auch irgendwo verständlich.

    Diese Menschen missverstehen aber, dass solche Ansätze eben keine Kritik an den Methoden der vorhergehenden Elterngeneration sind, denn die hat ganz sicher ihr Bestes für ihre Kinder gegeben.

    Vielmehr wird jede Elterngeneration (hoffentlich) versuchen, die Erziehungsmethoden weiterzuentwickeln, zum Wohle ihrer Kinder.

    Und dass das passiert sehen wir, schließlich ist es noch nicht so lange her, dass "wer die Rute spart, verdirbt Das Kind" ein anerkanntes Prinzip zur Erziehung war.

  • 18
    3
    Deluxe
    09.07.2020

    Erschreckend, für welche kruden Ideologien die Presse sich manchmal als Plattform nutzen läßt.

    Es geht doch nicht um Bestrafung als vordergründiges Erziehungsmittel - das macht kein vernünftiger Mensch und das war weder früher üblich noch ist es heute so.

    Aber so zu tun, als spiele sich zwischen Kindern und Erwachsenen alles auf einer Ebene ab, ist doch einfach Unfug. Und nein, man muß nicht jeden Wutanfall tolerieren und das Kind dabei "begleiten". Man muß sich auch nicht vom Kind diktieren lassen, wann in der Familie was geschieht. Die Frage nach einer "anderen Idee" wenn das Kind z.B. nicht rausgehen will, ist im Alltag mit seinen terminlichen und beruflichen Zwängen einfach unrealistisch.

    Das Ergebnis solcher Erziehungsmethoden sieht man tausendfach in unserer Gesellschaft: Junge Menschen, die viel zu spät oder nie gelernt haben, daß es Regeln gibt, die für alle gelten. Und dann kommt irgendwann das Jugendgericht und streichelt weiter.

    Wohin wird das alles führen?

  • 4
    9
    RingsOfSaturn
    08.07.2020

    @klapa:
    Ich habe schon öfter ähnliche Fragen gehört, nach dem Prinzip: Das Kind soll damit auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden.

    Ich kann nur jemanden bestrafen, wenn ich Macht über ihn habe. Und für mich sollte das in einer Eltern-Kind-Beziehung nicht das vorherrschende Motiv sein, sondern Vertrauen und Nähe. Die gründen sich aber nicht auf einem Machtgefälle.

    In meinen Augen kommt es mehr darauf an, dass das Kind Konsequenzen lernt, die aus seinem Handeln folgen. Die können auch unangenehm sein und ich kann als Bezugsperson das Kind begleiten und es stärken. Genau das passiert aber nicht, wenn ich eine Strafe ausspreche.

    Mit Dingen, die wirklich strafbewehrt sind, kommen die Kinder eigentlich eher später in Berührung (hoffentlich nur im Geiste), wenn sie das auch verstehen können, ohne es selbst auszuprobieren.

    Im Alltag sind Strafen, mit denen ich das Kind sanktioniere, in meinen Augen nicht nötig.

  • 13
    1
    klapa
    08.07.2020

    Rings, ich hatte schon einmal angedeutet, dass es sehr schwierig ist, in einem Beitrag alle zutreffenden Aspekte zu berücksichtigen.

    Wir sind im Wesentlichen einer Meinung.

    Frage - Wann und in welcher Form sollte das Kind Ihrer Meinung nach das Prinzip von Strafe kennenlernen, dass ihm in seinem Leben als Erwachsener hundertfach begegnet?

  • 6
    14
    RingsOfSaturn
    08.07.2020

    Bis auf wenige Beiträge scheinen hier ja die meisten einer Meinung zu sein und halten die Ansätze aus dem Artikel mehr oder weniger für Quatsch. Das deckt sich auch mit den Daumen.

    Schade!

    Ich habe das Gefühl, die Kommentierenden argumentieren vor allem mit Pauschalisierungen und Überspitzungen aus einer reflexartigen "anti"-Haltung gegen ziemlich konkrete Ansätze:

    "Das Kind hat ein Recht auf seine Gefühle. Dazu gehört auch die Wut. Das ist mir sehr wichtig, dass wir Erwachsenen in der Lage sind, die Wut der Kinder anzunehmen und zu begleiten"
    Es ist gar nicht so leicht den Wutanfall eines Kindes Ernst zu nehmen, wenn es um "eine Nebensächlichkeit" geht. Wenn ich aber mein Kind ernstnehmen will, gehört das auch dazu.

    "Ich bin strikt gegen Strafen. (...) Die Beziehungen zu Kindern sollten nicht auf Angst basieren, sondern auf Vertrauen."
    Das Konzept, ein Kind mit Hilfe von Strafen auf Kurs zu bringen," gehörig" zu machen, ist in meinen Augen keine Erziehung, sondern schlicht Dressur. Solche Menschen werden wir in Zukunft immer weniger brauchen, sondern starke, selbstbewusste Kinder.

    "Lob ist das heimliche Gegenstück zu Strafe. (...) Das Kind lernt, wenn es sich in einer bestimmten Form verhält, wird das honoriert. Lob lenkt davon ab, für mich selbst zu spüren, ob ich zufrieden, fröhlich oder frustriert mit meinem Handeln bin."
    Und weiter:
    "Zumindest nicht auf diese Weise [loben], indem ich eine Bewertung abgebe. (...) Ich kann aber meine Freude darüber ausdrücken (...). So hat es die Möglichkeit, seine Empfindungen dabei zu reflektieren und es aus diesem Antrieb heraus zu tun - nicht, um anderen damit zu gefallen."

    Entscheidend für beide Varianten, Lob (damit meine ich nicht persönliche Rückmeldungen in ich-Botschaften) und Strafe mindern die intrinsische Motivation der Kinder. Die ist aber entscheidend und muss gestärkt werden!

    "Eltern sollen sogar eine klare Position beziehen und diese auch ansprechen - in der Ich-Perspektive, nicht als Befehl, in der Erwartung, dass das Kind gehorcht. "
    Es hat auch niemand gesagt, dass Kinder keine Grenzen kennenlernen sollen, wie das in manchen Kommentaren klingt. Im Gegenteil, Grenzen sind wichtig für Kinder.

    "Wenn ich die Position des Kindes höre, kann ich meine auch mal ändern. Kinder haben oft gute Ideen, wie Probleme gelöst werden können"
    Und je früher die Kinder das üben können, desto besser werden sie.

    Ich kann nur jedem empfehlen, sich damit offen auseinanderzusetzen, ohne sofort in ein "uns hat es doch auch nicht geschadet" (nebenbei: hat es sehr wahrscheinlich) oder "ist doch alles gut so wie es immer war" zu verfallen.

    Ausgangspunkt ist doch immer die Liebe zu unseren Kindern. Und da lohnt es sich doppelt, die Möglichkeit zur Reflektion, auch der eigenen Erfahrungen in der Kindheit, zu nutzen und sich weiterzuentwickeln.

  • 10
    8
    klapa
    07.07.2020

    'Keine Macht den Erwachsenen!'

    Was für eine bescheuerte und in sich widersprüchliche Überschrift, ganz besonders dann, wenn man Sie von ihrem Textinhalt trennt.

    Sind wir nicht auch als mündige Bürger jeden Tag besonders in dieser Krise der Machtausübung derjenigen 'Erwachsenen' ausgesetzt, die wir in dem gutem Glauben gewählt haben, sie würden unsere Interessen vertreten, und müssen ihre Allüren ertragen und ausbaden?

    Ganz klar, was im Moment passiert, ist nicht in meinem Interesse.

    Es geht also, wenn schon, nicht nur um Kinder.

  • 13
    3
    klapa
    07.07.2020

    Die Eltern treffen hunderttausend Entscheidungen für ihr Kind, die das Kind selbst naturgemäß nicht treffen kann, beginnend weit vor seiner Geburt.

    Deshalb sollte die Eltern-Kind-Beziehung eine sein, die letztendlich die Bedürfnisse beider Seiten für ein glücklichen Zusammenlebens in Liebe und Eintracht, wenn irgend möglich, erfüllt.

  • 21
    2
    BerndAusWerdau
    07.07.2020

    Keine Erziehung ist die schlimmste "Erziehung". Einfach dem Handy oder PC überlassen ... dabei kann ja nicht viel rauskommen. Ansonsten sollte man die Kinder nicht immer so bevormunden. Wichtig ist, das man ihnen das, was man vermitteln will, auch vorlebt. Sie machen einem eh alles nach ...

  • 17
    4
    klapa
    07.07.2020

    Ein gleichberechtigtes Auftreten der Kinder auf Augenhöhe neben ihren an Wissen, Können und Erfahrung wesentlich überlegenen Eltern ist im Wesentlichen nicht gegeben, weil jede Grundlage dafür fehlt.

    Ich halte nichts von der durch unbewiesenen Annahme, Kinder zu Versuchsobjekten zu degradieren, die, ausgehend von der Definition des Adultismus, dass Kinder gewissermaßen durch Machtausübung der Eltern in ihrem Wesen vergewaltigt und in ihrer Entwicklung behindert und gehemmt werden.

    Es wird ‚gehofft’, dass Kinder, erzogen nach Frau Winkelmanns Prinzipien, die durchaus, wenn auch recht versteckter Weise, auch die Anwendung sanfter Gewalt befürwortet, bessere Erwachsene werden.

    Diese Hoffnung wird durch Annahmen untermauert, die bisher durch nichts psychologisch oder pädagogisch bewiesen sind.

  • 22
    5
    OlafF
    07.07.2020

    "Keine Macht für Niemand" So lautet eine Hymne der "Neuen Linken" Dies setzt sich nun in den "Erziehungswissenschaften" fort. Nur in welchen (rechtsfreien) Räumen können sich Kinder noch entwickeln? Wie können sie opponieren, ohne jemals Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Die Kinder und Jugendpsychiatrien sind gut gefüllt wie nie zuvor. Brauchen wir mehr Psychiater und Psychologen oder könnte es sein, dass wir es zunehmend verlernt haben normale Konflickte auszutragen, während wir an Smartphones und Tablets gefesselt sind ? Ich glaube nicht das es mehr um Macht, als um Ohnmacht geht.

  • 23
    5
    Urlaub2020
    07.07.2020

    Was die sogenannte Freie Erziehung schon angerichtet hat kann man heute schon merken. Bei einigen dieser mittlerweile jungen Erwachsenen die keine bis wenig Erziehung genossen haben.Diese Azubis sind eine Katastrophe.Sie kommen Lustlos auf Arbeit weil.....ich hab heute keinen Bock.

  • 21
    3
    harzruessler1911
    06.07.2020

    Meine Gedanken waren auch:
    Wie soll die vor allem gehen, wenn die Eltern berufstätig sind bzw. reicht es ja schon wie bereits hier erwähnt, Kindergarten, Schule, Artztermine (auch o. Berufstätigkeit) einhalten zu müssen.

    Ich glaube nicht, daß man eine eigene berufliche Tätigkeit, in deren Zeit ich mich um nichts anderes kümmere als wie eben die Betreuung von Kindern, mit dem üblichen Alltag in einem Haushalt vergleichen kann, wo man eben auch noch andere Dinge erledigen muss.

    Gegen ein deutliches Nein ist meiner Meinung nach gar nichts einzuwenden, ebensowenig wie ein Lob, bei welchem man darauf achtet, dass die Kinder die Bodenhaftung behalten (also nicht in der Art dass man grundsätzlich besser, schöner, intelligenter wie alle Anderen sei).

    Wenn Kinder nicht lernen, ob durch die Eltern oder Freunde/Spielgefährten usw. was ein Nein bedeutet, zu gewinnen aber auch zu verlieren, ob nun berechtigt oder nicht, werden diese Probleme im realistischen Umgang mit ihrer Umwelt bekommen.

    Es ist nun einmal so, dass die Eltern iin einer normalen Familie die Hauptführungs- und Bezugspersonen sind und auch sein sollten. Ich möchte betonen, dass ich mich auf normale Familien auch mit üblichen Fehlern usw. beziehe, nicht auf extreme Familenabweichungen,.

  • 28
    5
    Lesemuffel
    06.07.2020

    Das sind Erfahrungen, die Meinung von Frau Winkelmann. Keine wissenschaftliche Untersuchung, durch keine objektiven Ergebnisse belegt. Eine Kindergärtnerin müsste mal ausprobieren, welchen Erfolg die erzielt, wenn sie die Meinung jedes Kindes berücksichtigt, wenn es nach draußen gehen soll. Oder eine Mutti, die morgens ihr Kind zur Kita bringen muss und pünktlich auf der Arbeit ankommen möchte, darf das Kindchen bestimmen, ob es heute mal Lust hat oder mit der Kleiderordnung unzufrieden ist.
    Was das mit dem Kaiserreich zu tun hat, erschließt sich mir im Artikel nicht. Vielleicht aber A++ ???

  • 51
    5
    Suppenfrosch
    06.07.2020

    Wenn ich sowas lese, krieg ich gleich graue Haare.

    Natürlich muss man ab und an dem Kind sagen: "Nein, das geht so nicht!" oder auch "mach jetzt zügig..." etc. und damit klare Grenzen setzen und zwar ohne Diskussion.

    Das kann man mit Respekt tun, ohne das Kind dabei nachhaltig zu schädigen. Das wie ist entscheidend.

    Aber das Kind immer als gleichberechtigte Person zu sehen, zu verlangen, dass es jedes Mal auch die Bedürfnisse des Elternteils versteht und ggf sogar mitentscheiden darf, überfordert ein Kind komplett bzw ist auch sehr vom Alter und Wesen des Kindes abhängig.

    Und Kinder brauchen auch klare Grenzen. Natürlich respektvoll vermittelt und verständlich (altersentsprechend). Grenzen schaden keinem Kind, ganz im Gegenteil. Sie definieren ja auch einen klaren und geschützten Raum, innerhalb dessen sich das Kind ungestört entfalten kann.

  • 42
    10
    AmZeisigwald
    06.07.2020

    Noch ein überflüssiger Erziehungsratgeber...der Eltern nur noch mehr verunsichert.

  • 7
    44
    GrauerWolf
    06.07.2020

    Das Buch ist bestellt und ich freue mich sehr darüber, dass solch ein Leitfaden auch für den zwischenmenschlichen Umgang Zugang in die Medien gefunden hat.

    Unser Verhalten, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, ist in winzigen Fragmenten durch Einflüsse aus dem Deutschen Kaiserreich, dem Dritten Reich und dem Sozialismus, respektive der Erziehungsmethoden nach der Lehre von Makarenko geprägt. Natürlich nicht pauschal und jeweils dem Lebensalter und dem Lebensumfeld entsprechend ausgeprägt.

    Meint Ihr Grauer Wolf