Keine Zeit fürs Kind?

Viele Eltern glauben, zu wenig für ihre Kinder da zu sein. Dabei ist das schlechte Gewissen unnötig, sagt ein Pädagoge.

Seit Mütter arbeiten gehen und weniger Zeit für ihre Kinder haben, kämpfen sie mit einem schlechten Gewissen. "Wir haben alle ein großes unterirdisches Reservoir davon", sagte die Publizistin Susanne Gaschke bei der Vortragsreihe "Psychotherapie - Die neue Pädagogik?" in Dresden. Kinder wären in der Folge zu viel auf sich selbst gestellt, verbrächten die unbeobachtete Zeit mit übermäßiger Handynutzung, statt von den Eltern sinnvoll durch das Leben navigiert zu werden. Die wiederum seien häufig so vom schlechten Gewissen geplagt, dass sie ihren Kindern als Wiedergutmachung unnötige Dinge kauften. "Aber das ist nicht das, was die Kinder brauchen. Sie brauchen Stabilität", so Gaschkes Analyse. Die Klage über die Zeitnot in der Erziehung ist nicht neu. Aber haben Eltern heute wirklich weniger Zeit als früher? Und wenn, ja, woran liegt das? Darüber gab es bei der Veranstaltung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik und des Hygienemuseums Dresden eine facettenreiche Diskussion.

Der Erziehungswissenschaftler Professor Rolf Göppel forscht an der Universität in Heidelberg zum Thema seelische Jugendgesundheit. Er hat diverse Untersuchungen und Langzeitstudien zur Zeitfrage ausgewertet. Für ihn ist klar: "Eltern hatten noch niemals so viel Zeit für ihre Kinder wie heute." So hätten Mütter heute durchschnittlich doppelt, Väter sogar viermal so viel Zeit für ihren Nachwuchs wie noch vor 50 Jahren. Göppel führt das zurück auf die "Segnungen der Moderne", also geregelte Arbeitszeiten, Urlaube sowie zeitsparende Haushaltshelfer wie Saugroboter und Spülmaschine.

Er nannte eine weitere erstaunliche Zahl: 82 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen finden es in Ordnung, wie viel Zeit ihre Eltern mit ihnen verbringen. Sie sind damit grundsätzlich zufrieden, wie die World Vision Kinderstudie 2018 zeigt. Am besten geht es ihnen, wenn ein Elternteil in Vollzeit, der andere in Teilzeit arbeitet. Dann klagen nur sieben Prozent über zu wenig Zuwendung. Sind die Eltern alleinerziehend und voll berufstätig, schlägt sich das allerdings negativ auf die Kinder nieder. 34 Prozent von ihnen wünschen sich mehr Familienzeit. Bei arbeitslosen Eltern sind es zwölf Prozent. "Es gibt keinen empirisch belastbaren Hinweis, dass die Zahl der Verhaltensstörungen dramatisch zugenommen hätte oder dass die Eltern heute schlechter wären", sagte Göppel. Allerdings sei die Zahl der verhaltensgestörten Kinder trotz besserer Behandlungsmethoden auch nicht geringer geworden, wandte Professor Veit Rößner, Kinder- und Jugendlichenpsychiater in Dresden, ein.

Aber wenn sie faktisch mehr Zeit für ihre Kinder haben, woran liegt es dann, dass zwei Drittel der Eltern ihren Erziehungsalltag heute als hektisch und unter Zeitdruck erleben? Das geht aus einer Erhebung des Allensbach Instituts hervor. Göppels These: Das Ideal einer unbeschwerten Kindheit hat enorm an Bedeutung gewonnen. Eltern setzen sich damit selbst unter Druck. Das heißt, viele Eltern hegen den Anspruch, dass die Kinder optimal versorgt und rundum gefördert werden sollen - gemeinsames Basteln, Kochen, und gelegentliche Waldbesuche sollten auch noch drin sein. Dazu muss der Haushalt tiptop sein und auf Arbeit alles wie am Schnürchen laufen. "Wir wünschen uns alle ein bisschen Bullerbü. Aber wer soll das denn durchhalten?", fragte Ratgeberautorin Julia Dibbern. Eltern fühlen sich trotz aller Anstrengung unzulänglich, weil sie ihr hohes Ideal im Alltag nicht erfüllen könnten. Und stressten mit ihrem eigenen Stress auch noch die Kinder. "Eltern sind verunsichert, weil sie selbst merken, dass etwas schief läuft und sie am Ende unzufrieden sind oder dass reale Probleme entstehen", erklärte Rößner.

Was tun? "Weniger ist da tatsächlich mehr. Wir haben oft die Wahl, ob wir uns selber stressen oder nicht", sagte Dibbern. Stress entstünde in der Familie meist durch unbefriedigte Bedürfnisse wie Hunger, Müdigkeit oder der Wunsch nach Nähe. Wer darauf achte, dass diese Grundbedürfnisse erfüllt seien - und zwar nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen-, bewirke bereits eine ganze Menge. Eltern sollten zunächst in Ruhe überlegen, welcher Stressfaktor von außen an sie herangetragen wird und was aus ihnen selbst heraus kommt, riet Rößner. Sie sollten herausfinden, wo dieselben Probleme immer wieder liegen und entscheiden, was wichtig und was weniger wichtig ist - und ganz bewusst eine Entscheidung zum Weglassen treffen. "Ganz wichtig ist, dass sie eine feste Offlinezeit einführen. Denn nur in der ungestörten Interaktion passiert das eigentlich wichtige im Leben", sagte er. "Es würde helfen, wenn sie bewusst nachdenken, warum die Tage so ablaufen, wie sie ablaufen. Dass sie reale Situationen planen, um Achtsamkeit, Austausch und emotionale Nähe zu ihren Kindern viel mehr zu pflegen", so Rößner. Dabei sollten sie durchaus auch Zeiten der Langeweile schaffen.

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