"Kinder sollten nicht gegängelt werden"

Als Gegenentwurf zur strengen Erziehung setzt eine Psychotherapeutin aus Chemnitz auf eine bedürfnisorientierte Elternschaft

Der Beitrag "Wie viel Disziplin brauchen Kinder" vom 18. November hat polarisiert. Befürworter dieser These sehen es mit Sorge, dass Kinder heute kaum noch Regeln kennen und es Erwachsenen gegenüber an Achtung fehlt. Disziplin sei die Lösung, sagen sie. Doch die Kritiker, zu denen auch die Psychotherapeutin Antje Kräuter aus Chemnitz gehört, sehen egoistisches und narzisstisches Verhalten bei Kindern eher als Ergebnis von zu wenig Zuwendung, zu der auch eine frühe Krippenbetreuung gehöre. Stephanie Wesely hat mit Antje Kräuter gesprochen.

Frau Kräuter, wie wichtig ist eine gute Erziehung?

Das ist eine Frage des Alters der Kinder. Zu Beginn des Lebens, mindestens bis zum zweiten Lebensjahr, sind gute Betreuung und die Beachtung der Signale des Kindes wichtig. Erziehung kommt viel später. Kinder sollten nicht übergriffig belehrt und gegängelt, sondern mit Respekt behandelt werden. Denn das Wichtigste ist, dass Kinder eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufbauen können, dann folgen sie auch freiwillig Regeln. Wenn heute viele Kinder und Erwachsene psychische Probleme haben, ist das ein Zeichen unsicherer Bindung, die man mit ins Leben nimmt.

Was können die Eltern für eine sichere Bindung tun?

Sie sollten ihr Kleinkind feinfühlig behandeln und ihm durch Blicke und Liebkosungen zeigen, dass es geliebt wird. Feinfühligkeit heißt, die Signale des Babys wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren. Förderlich sind eine natürliche Geburt, unmittelbarer Blickkontakt nach der Geburt, Stillen, Körperkontakt beim Tragen, aber auch das Vermeiden von Trennungen.

Wie erkennt man denn, was ein Baby möchte, wenn es weint?

Unstillbar erscheinendes Weinen kann schon ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein. Soweit muss man es gar nicht kommen lassen. Mütter oder Väter, die ihr Kind immer am Körper tragen, können schon vorher erkennen, ob es sich unwohl fühlt. Ich sehe es mit großer Freude, dass sich bei vielen Eltern diese bedürfnisorientierte Elternschaft immer mehr durchsetzt. Jahrzehntelang hatten wir mit der Aussage einer früheren Lungenärztin zu kämpfen, die behauptet hat, dass Schreien die Lungen kräftige. Noch heute kursiert dieser Unsinn.

Im ersten Lebensjahr ist das nachvollziehbar. Aber danach? Sollen Eltern das Kind machen lassen, was es will? Wie zeigt man ihm, dass es sich falsch verhalten hat?

Ein Kind entdeckt seine Welt, es verhält sich nicht falsch. Wichtig ist, dass Eltern das Verhalten des Kindes nicht als Böswilligkeit deuten. Kein Kind will absichtlich seine Eltern ärgern. Wenn es zum Beispiel die Wand bemalt, reizt natürlich zunächst die große weiße Fläche. Ihm die Stifte abrupt wegzunehmen oder es laut auszuschimpfen, macht ihm Angst. Das verfestigt sich. Es wird unsicherer. Deshalb müssen sich Eltern aber nicht die Wände bemalen lassen. Sie könnten sagen: "Die Wand soll schön weiß bleiben. Mama und Papa malen doch auch nicht darauf. Hier hast du ein großes Blatt Papier." Dann muss das Kind keine Angst vor den Eltern haben. Denn Ängste blockieren das Lernen.

Wann beginnt man mit der Erziehung?

Ich halte es da mit dem Pädagogen Friedrich Fröbel. Er hat schon vor gut 200 Jahren gesagt: "Erziehung ist Beispiel und Liebe, mehr nicht." Wenn Eltern es richtig vorleben und dem Kind ihre Liebe zeigen, statt zu schimpfen, wird es von allein folgen. Sicher gebundene Kinder folgen freiwillig.

Die meisten Eltern nehmen sich vor, ihrem Kind nie ein lautes Wort zu sagen. Aber sie sind doch nur Menschen. Was tun sie, wenn ihr Kind nervt?

Sicher gebundene Kinder nerven eher nicht. Denn sie haben gelernt, dass Mutter und Vater da sind und sehen, wenn das Kind etwas braucht oder es ihm nicht gut geht. Sie müssen nicht permanent nach ihnen schreien oder durch andere Handlungen Aufmerksamkeit erringen. Sie sind sich der Aufmerksamkeit ihrer Eltern sicher. Ist die Mutter aber genervt - die Mutter nicht das Kind! - und weist das Kind lauter als beabsichtigt zurecht, ist damit natürlich nicht alles zu spät. Kinder sind sehr fehlerverzeihend. Es kommt immer auf die Häufigkeit und Schwere an.

In der Kita ist das aber oft nicht möglich, dass alle Kinder gesehen werden?

Genau. Und deshalb ist die frühkindliche Fremdbetreuung nicht optimal. Kinder sollten wenigstens bis zum dritten Lebensjahr von ihren Eltern betreut werden - mit Kontakten zu anderen Kindern, Verwandten und Freuden -, um nicht zu sehr verunsichert zu werden. Vier bis fünf Stunden täglich brauchen sie beispielsweise den Kontakt zu den Hauptbezugspersonen, um ein soziales Gewissen auszubilden. In der Kita, möglicherweise noch bei Vollbeschäftigung der Eltern, ist das gar nicht möglich. Die Kinder kommen da manchmal zu kurz.

Viele Eltern, vor allem alleinerziehende Mütter, haben doch gar keine andere Wahl, als arbeiten zu gehen.

Mir ist es natürlich klar, dass die Familien von etwas leben müssen. Wir haben so viel Überschüsse an Steuern, auch die Krankenkassen haben genug Geld. Warum setzt man das nicht dafür ein, den Eltern oder Müttern in den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen, statt ständig neue Kitas zu bauen, für die wir nicht einmal genügend Personal haben. In einer großen Gruppe Gleichaltriger kann eine Erzieherin allein gar nicht jedes Kind sehen. Wird eins zum Beispiel mit der Schaufel geschlagen und bleibt allein damit, ohne Trost, wird es sich künftig entweder von Kindern zurückziehen und kontaktscheu werden oder es wird in Konkurrenz zu anderen treten, vielleicht selbst aggressiv werden, weil es Aufmerksamkeit möchte. Die Bedürfnisse des Kindes nicht zu sehen, macht sie zu Narzissten, nicht umgedreht. Aber die frühe Fremdbetreuung macht sie auch anfälliger. Nicht umsonst sind sie so häufig krank.

Das liegt aber doch sicher daran, dass sie mehr Kontakt zu anderen Kindern haben als zu Hause?

Nicht unbedingt. Wissenschaftler haben zum Beispiel den Kortisolspiegel von Kindern, die zu Hause aufwachsen, mit Kindern nach fünf Monaten Fremdbetreuung verglichen. Ein normaler Kortisolspiegel ist morgens hoch und flacht bis zum Abend hin ab. Bei Krippenkindern bleibt er durchgängig flach. Das ist ein Zeichen, dass ihre Immunabwehr geschwächt ist. Kinder, die in den ersten Jahren zu Hause aufwachsen, spielen in der Krabbelgruppe auch mit anderen, werden aber nicht krank. Denn die Mama ist da und das Kind ist sicher. Sicher gebundene Kinder werden weniger krank.

Und wie ist das mit Tagesmüttern?

Bei maximal fünf Kindern in der Gruppe, ist die Chance höher, dass jedes Kind gesehen wird. Damit die Eltern aber noch genug Zeit mit ihrem Kind haben, reicht auch bei der Tagesmutter eine Halbtagsbetreuung. Denn darüber müssen sich Eltern auch klar sein. Das Kind wird eine intensivere Beziehung zur Tagesmutter als zur leiblichen Mutter aufbauen. Das birgt aber noch ein anderes Risiko.

Welches?

Wenn das Kind dann in eine Kita geht, kann man es nicht abrupt von der Tagesmutter trennen, weil sie ja eine wichtige Bezugsperson geworden ist. Eltern sollten den Kontakt ausschleichen, sie also öfter besuchen oder das Kind für die Tagesmutter ein Bild malen lassen. Sonst ist die Trennung möglicherweise sogar traumatisch.

Die meisten Frauen sind heute sehr gut ausgebildet. Wenn sie wegen ihres Kindes nur stundenweise arbeiten können, stellt sie doch niemand mehr ein. Also Frauen zurück an den Herd?

Nein. Es hat in der Wirtschaft schon ein Umdenken eingesetzt, was mich freut. Immer mehr Arbeitgeber stellen gern junge Mütter oder Väter nach den Erziehungsjahren ein, weil sie oft die besseren Manager sind. Sie können sich mitunter besser organisieren als Kinderlose, also mehreres flink und gleichzeitig machen. Es gibt auch Modelle, wo sich zwei Arbeitnehmer einen Arbeitsplatz teilen. In vielen Firmen ist auch das Arbeiten von zu Hause aus möglich. Hier gibt es sehr gute Entwicklungen. Der Anfang ist gemacht.


Antje Kräuter 

Die Psychotherapeutin hat vor 15 Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen, arbeitet in eigener Praxis. Sie hält Vorträge zum Thema "Frühe Kindheit" und bildet Kinderpsychotherapeuten darin aus. 2007 gründete sie die gleichnamige Initiative, mit dem Ziel, die bedürfnisorientierte Elternschaft zu fördern. Ein wichtiges Tätigkeitsfeld ist die Stillberatung, die sie seit 1990 ehrenamtlich durchführt. Sie ist für die bundesweite Stillhotline tätig.

Bewertung des Artikels: Ø 1.3 Sterne bei 3 Bewertungen
3Kommentare
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  • 15
    0
    Einspruch
    17.12.2018

    Selten so gelacht. Das Ergebnis dieser nicht stattfindenden Erziehung muss dann die Algemeinheit aushalten. Keine Regeln, weil es zu anstrengend ist, diese seinem Kind zu vermitteln. Statt dessen hindert man es am Laufen und lässt alles durchgehen. So zieht man sich eher kleine Egoisten heran.

  • 17
    0
    1960175
    17.12.2018

    Um den Kindern Zuwendung zu geben sollte man den Eltern als Erstes ihre Smartphones wegnehmen.
    Heute gucken die meisten jungen Eltern nämlich mehr auf ihr Smartphone als auf ihre Kinder. Und gesprochen wird mit den Kindern schon kaum noch, weil WhatsApp, Facebook und Twitter viel wichtiger ist.

    Auch unsere 4 Kinder waren schon früh in Kinderkrippe und Kindergarten. Alle vier sind gut erzogen, keine Egoisten und keine Narzissten. Sie wussten und wissen sich zu benehmen und wissen, was Regeln sind.

  • 29
    2
    Pixelghost
    17.12.2018

    Wir haben unsere beiden Kinder sehr zeitig in die Kinderkrippe bringen müssen. Und beide wurden nur so lange getragen, bis sie selbst laufen konnten.
    Zudem lernten sie Respekt und Anstand, Bitte und Danke, Guten Morgen, Guten Tag und Auf Wiedersehen zu sagen und sich zu benehmen. Sie bekamen Regeln und Normen beigebracht.

    Heute stehen beide mit beiden Beinen im Leben, sind weder Egoisten noch Narzissten.



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