Krabbeln, fühlen, entdecken

In speziellen Kursen kommen Babys mit Gleichaltrigen in Kontakt. Davon profitieren auch die Mütter.

Nicht nur die Geburt, auch die ersten Monate danach erleben Eltern besonders intensiv. Täglich lernt und entdeckt ihr Kind Neues. Jede Unterstützung ist dabei willkommen. Babykurse sind da eine Hilfe. Die Auswahl ist inzwischen riesig. Auch wenn ihre Namen oft exotisch klingen, eines haben sie gemeinsam: Sie fördern Entwicklung und Kontakte, geben Bewegungs- und Spielanregungen.

Ein solcher Kurs heißt DELFI. Bei Katja Streichardt im Kursstudio für Fitness und Tanz im Dresdner Osten beginnt er immer mit dem gleichen Ritual - einem Begrüßungslied. Viele der Kleinen kennen das schon und strahlen, wenn ihre Mütter mit der Kursleiterin singen: "Wir sagen Finnyan Hallo, Hallo, wir sagen Friederike Hallo, Hallo." Jedes Baby, jede Mutter wird begrüßt. Auch Omas und Opas sind willkommen. Und Väter. Die aber sind in der Minderheit, denn 99 Prozent der Eltern, die in ihre Kurse kommen, sind Frauen.

Bis Abraham im Lied begrüßt wird, vergeht eine Weile. Zehn Mütter sind mit ihren Kleinen beim DELFI. Vor dem ersten Gesang hat jeder Zeit anzukommen und es sich im warmen Raum bequem zu machen. "DELFI steht für Denken, Entwickeln, Lieben, Fühlen, Individuell", sagt Katja Streichardt. "Wenn die Mütter ihre Kleinen mit Federn und Tüchern streicheln, sie massieren, fördern sie den Kontakt." Und die Eltern bekämen viele Anregungen für zu Hause, sagt Sophia Hellwig. Ihr sechs Monate alter Sohn Abraham dreht sich gerade auf den Bauch und entdeckt die Welt aus anderer Perspektive.

Den meisten Müttern ist der soziale Kontakt wichtig. Sie tauschen sich darüber aus, welcher Brei gegeben wird oder wie es mit dem Schlafen ist. Für viele Babys ist es die erste Begegnung mit Gleichaltrigen. Vorsichtig tastet Abraham nach seiner Nachbarin. Die braucht noch Hilfe, um vom Rücken in die Bauchlage zu kommen. Aber Abraham weckt ihren Ehrgeiz. Auch Bälle, Fingerpuppen, selbst Schneebesen eignen sich bestens zum Tasten, Fühlen und Schmecken. Zwischendurch Gymnastik und Massage. Die Kleinen dürfen mit Wackelpudding matschen und so ganz andere Erfahrungen sammeln. "Wichtig ist es, ihnen Sicherheit zu geben, wenn sie sich drehen, krabbeln oder hochziehen", sagt Streichardt. Um sich besser bewegen zu können, tragen die Babys nur Windeln. Abraham sieht in einem verspiegelten Tablett sein Gesicht und wundert sich. Ungelenk, aber bewusst greift er nach gelb leuchtenden Plasteboxen. Gefüllt mit Körnern rascheln einige sogar. Zwischendurch geht eine Mutter stillen oder wickeln. Auch das gehört zum Wohlfühlkonzept.

Die Babys sind zwischen zwölf Wochen und einem Jahr alt, wenn sie zum ersten Mal zum 90-minütigen Kurs kommen. Das hat seinen Grund. "In dieser Zeit sind die Kinder sehr aktiv", sagt Katja Streichardt, die jede Übung erklärt. "Im ersten Lebensjahr entwickelt der kleine Mensch 80 Prozent seines Denkens." Die studierte Sportwissenschaftlerin hat sich zwölf Wochen für DELFI qualifiziert, bei einem Lehrgang in Celle, wo das Konzept 1995 entstand.

Es wird lauter. Die Mütter heben ihre Kinder hoch, lassen sie pendeln und singen das Lied von den kleinen und großen Uhren. So lernen sie sicheres Halten. Abraham und Finnyan jauchzen, andere schauen verängstigt. Schnell sind die eineinhalb Stunden vorbei. Zehnmal trifft sich die Gruppe. Viele melden sich für einen zweiten Kurs an. Die meisten Mütter haben über ihre Krankenkasse davon erfahren und ohne lange Wartezeiten einen Platz bekommen. Manchmal dauere es aber auch einige Wochen, sagt Streichardt.

100 Euro müssen die Familien bei Katja Streichardt für einen Baby-Eltern-Kurs zahlen. Ähnliche Angebote gibt es auch in Familienzentren, Hebammenpraxen und Yoga-Zentren. In der Regel werden pro Kurs zwischen 50 und 100 Euro verlangt. Geld, das in Sachsen nur die AOK Plus für ihre Versicherten übernimmt - wenn die Qualität den Präventionskriterien der Krankenkasse entspricht, gesunder Entwicklung und Bewegung dient. Das werde geprüft, so Sprecherin Hannelore Strobel. Insgesamt würden bis zu zwei Kurse pro Jahr für Mutter oder Vater mit Kind gezahlt.

"Da die Förderung reiner Kinderkurse für bis zu Sechsjährige vom Gesetzgeber untersagt ist, haben wir uns für Familienangebote entschieden", sagt Strobel. 600 sind es jetzt, wofür die Kasse sachsenweit über 300 Anbieter gebunden hat. 2017 profitierten mehr als 23.500 Versicherte davon. 2,3 Millionen Euro stellte die AOK Plus dafür bereit. Die Techniker Krankenkasse bietet Zuschüsse über ihr Bonusprogramm: "Bei uns werden die Kinder-Vorsorgeuntersuchungen mit Punkten honoriert", sagt Sprecherin Katrin Lindner. "Dieser Bonus verdoppelt sich, wenn er für Gesundheitsleistungen genutzt wird. Bis zu 215 Euro könnten so jährlich auch für Babykurse ausgegeben werden. Die DAK-Gesundheit beteiligt sich über ihr Bonussystem an Babyschwimmkursen. IKK classic und Barmer bezuschussen Baby-Eltern-Kurse nicht. Neben DELFI stehen PEKiP, ElBa und FABEL bei jungen Familien hoch im Kurs. Auch dafür übernimmt die AOK Plus die Kosten. Die Abläufe ähneln sich und fördern alle spielerisch und mit unterschiedlichen Gegenständen eine gesunde Entwicklung. Wer solche Kurse leitet, braucht immer eine entsprechende eine Zusatzausbildung.

Egal, für welchen Kurs sich die Eltern entscheiden, Physiotherapeutin Kati Schröder-Haenchen aus Dresden-Cossebaude findet die Ansätze gut. "Jede Bewegung, jede Berührung, jeder Gesang stärkt die Entwicklung der Kleinen." Für die Therapeutin ist es genauso wichtig, dass Mütter und Väter durch den Austausch Selbstvertrauen bekommen und erleben, was ihrem Kind guttut, wo es über- oder unterfordert ist. "Sie sollten lernen, dass ihr Kind aus der Rückenlage nicht gerade, sondern über die Seite angehoben wird. So kann das Baby mit unterstützen."

Auch die richtige Haltung im Tragetuch lasse sich in einem Kurs gut zeigen. Allerdings warnt die Säuglings- und Kindertherapeutin vor zu vielen Kursen. Stress brauche das Kind nicht, sondern vor allem seine Bezugspersonen, Eltern, Geschwister, Großeltern - und Räume, wo es sich entfalten kann. Auch falscher Ehrgeiz sei fehl am Platz. Wenn andere Kinder schon sitzen, muss es das eigene noch nicht können. "Zwang führt schnell zu Haltungsschäden", so die Therapeutin.

Und so gehen auch die Mütter bei Katja Streichardt bewusst auf die Besonderheiten ihrer Kinder ein - eben individuell, wofür ja das I bei DELFI steht. Noch ein Gruppenfoto, dann ziehen sich alle wieder an - und freuen sich auf nächste Woche.

Verschiedene Namen, gleiches Ziel

DELFI: Denken, Entwickeln, Lieben, Fühlen, Individuell: Das Programm für Spiel- und Bewegungsanregungen entstand 1995 in der evangelischen Familienbildungsstätte Celle.

PEKiP: Prager-Eltern-Kind-Programm, das in den 1970er Jahren durch die Professoren Christa und Hans Ruppelt als gruppenpädagogisches Konzept entwickelt wurde, angeregt durch den Prager Psychologen Jaroslav Koch und die Babyforschung.

ElBa (Eltern und Babys): vom DRK entwickeltes Programm. Maximal eineinhalb Stunden sind mit Spiel-, Bewegungs- und Sinnesanregungen gefüllt, Entspannung wechselt mit Gesprächen.

FABEL: Familienzentrierter Baby-Kinder-Kurs, entwickelt von der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Eltern und Kinder lernen gleichermaßen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...