Krank durch Spendermilch?

Wenn Mütter nicht stillen können oder wollen, kommt die Frage nach Alternativen - Chemnitzer Ärzte klären auf

Viele Frauen haben früher während ihrer Stillzeit Milch an Kliniken gespendet. So auch eine Leserin aus Dresden. Sie macht sich jetzt Sorgen, dass sie damit andere Kinder in Gefahr gebracht haben könnte. Der Grund: Kinder, die mit gespendeter Frauenmilch ernährt werden, könnten Gene des Spenders in sich tragen. Die Leserin verweist auf den Koran, wonach Milchverwandte - das sind Kinder, die von der gleichen Frau gestillt werden - kein Paar werden und keine gemeinsamen Kinder bekommen sollten. Milchverwandtschaft sei wie Blutsverwandtschaft, Krankheiten bei den Nachkommen könnten die Folge sein. Ob das wissenschaftlich begründet ist, haben wir den Leiter der genetischen Sprechstunde, Dr. Albrecht Kobelt, und den Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Chemnitz, Dr. Axel Hübler, gefragt.

Können mit der Muttermilch Gene weitergegeben werden?

Dr. Albrecht Kobelt: Nein. In jeder Nahrung, ob tierischen oder pflanzlichen Ursprungs, auch in der Muttermilch, ist zwar DNA enthalten. Doch die allein reicht nicht, um das Erbgut zu beeinflussen. Ein Gen besteht aus vielen DNA-Bausteinen. Gene als Ganzes, die für die Vererbung maßgeblich sind, werden niemals über Nahrung übertragen.

Warum messen Religionen wie der Islam der Muttermilch dann eine so große Bedeutung bei? Kobelt: Das Stillen wird häufig etwas mystisch betrachtet. Im Islam zum Beispiel ist es so, dass ein Kind, das in den ersten beiden Lebensjahren mindestens fünfmal von ein und derselben Frau gestillt wurde, als vollwertiges Familienmitglied zählt. Und diese Milchgeschwister sind verwandt und sollen miteinander keine Nachkommen zeugen. Dabei ist vom Stillen die Rede - das Anlegen an die Brust ist ein aktiver Vorgang. Unsere Frühchen bekommen Frauenmilch von verschiedenen Spenderinnen. Und die Nahrung wird per Sonde gegeben. Das ist ein eher passiver Vorgang. Doch diese Betrachtung ist sehr philosophisch. Wissenschaftlich begründet ist die Angst vor Erbkrankheiten durch fremde Milch jedenfalls nicht.

Warum ist das Risiko für Fehlbildungen bei Kindern, deren Eltern miteinander verwandt sind, prinzipiell höher?

Kobelt: Jeder Mensch hat gesunde und auch kranke Gene. Ein Gen besteht aus einem mütterlichen und einem väterlichen Anteil. Bei der rezessiven Vererbung kann ein Anteil verändert sein, ohne dass die Erkrankung ausbricht. Das passiert nur, wenn beide Anteile verändert sind. Bei Verwandten ersten Grades sind 50 Prozent der Gene gleich. Damit erhöht sich das Risiko, dass kranke Gene aufeinandertreffen. Cousin und Cousine haben nur noch ein Achtel gemeinsame Gene. Bei Großcousin und Großcousine ist das Risiko fast so gering wie bei Nichtverwandten.

Warum brauchen Frühchen die Frauenmilch?

Dr. Axel Hübler: Bei kranken und sehr kleinen Frühgeborenen, deren Mütter selbst noch medizinisch behandelt werden, ist die Gabe der eigenen Muttermilch oft nicht möglich. Dann ist fremde Frauenmilch dennoch besser als künstliche, denn Frauenmilch enthält Bestandteile, die das Bakterienwachstum hemmen, das Abwehrsystem stärken und Entzündungen vorbeugen.

Aber ist die Infektionsgefahr nicht besonders hoch?

Hübler: Nein, sofern die Milch ordnungsgemäß behandelt wird. Spendermilch wird wie eine Blutspende behandelt und entsprechend untersucht. Die Spenderin muss gesund sein. Mitunter ist eine Blutkontrolle erforderlich. Die Milch wird pasteurisiert. Damit bleiben die wertvollen Inhaltsstoffe erhalten, aber krankmachende Keime werden abgetötet.

Gibt es heute eigentlich noch Milchsammelstellen?

Hübler: Es gibt sie wieder. Durch die Aids-Fälle in den 1980er-Jahren war die Angst vor einer Übertragung sehr groß und in den alten Bundesländern wurden die Sammelstellen geschlossen. In den neuen Bundesländern wurden in den 1990er-Jahren viele aufgegeben, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Heute gibt es in Deutschland 13 Milchsammelstellen, 12 davon in den neuen Bundesländern.

Und es gibt private Milchbörsen, wo Frauen ihre Milch anbieten.

Hübler: Aus medizinischer Sicht ist von diesen kommerziellen Angeboten dringend abzuraten. Weder Herkunft noch Qualität dieser Produkte sind nachvollziehbar, aufgrund der unklaren Lagerung und Transportwege sind sie möglicherweise erheblich mit Krankheitskeimen belastet.

Was raten Sie Frauen, die nicht stillen können?

Hübler: Wer ein gesundes Baby hat, muss nicht das Risiko eingehen, im Internet Spendermilch unklarer Beschaffenheit zu bestellen. Künstlich hergestellte Säuglingsnahrung, die in Deutschland verkauft wird, hat eine sehr gute Qualität. Dennoch sollten Mütter alles daran setzen, selbst stillen zu können. Und wenn es nur eine Mahlzeit am Tag ist.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...