Machen Kinder arm?

Aus moralischen Gründen stellen viele diese Frage nicht. Doch die konkreten Kosten überraschen - bei aller Hilfe durch den Staat.

Angenervt bleibt meine Tochter mitten auf dem Weg stehen. "Die Schuhe drücken", sagt sie und zieht einen Flunsch. Tatsächlich reibt der große Zeh von innen gegen die Schuhkappe. Ich vermerke auf meiner internen Einkaufsliste: Turnschuhe. Dort stehen schon Jeans und Socken. Die Liste hat zwei Spalten. Wir haben auch einen Sohn. Gute Kinderschuhe sind fast so teuer wie die für Erwachsene. Wir rechnen mit 60 bis 80 Euro. Irgendwie werden die schon mit abfallen.

"Wenn die Kinder einmal da sind, versorgt man sie ganz selbstverständlich mit", sagt Margit Winkler. Sie ist Chefin des Institutes für Generationenberatung im hessischen Bad Nauheim. Die Mitarbeiter haben auch in Sachsen Finanzdienstleister weitergebildet. Margit Winkler ist die richtige Frau für eine Frage, die sich viele aus moralischen Gründen nicht zu stellen erlauben, denn natürlich lieben Eltern ihre Kinder. Sie bereichern das Leben, geben ihm Sinn. Dennoch: Machen Kinder arm? Margit Winkler antwortet, ohne zu zögern. "Ja."

383.000 Familien gibt es in Sachsen. Die meisten, 202.000, bestehen aus Papa, Mama und einem Kind. 142.000 Paare haben zwei Kinder. Nur etwa jede zehnte Familie leistet sich drei oder mehr Kinder. Sich ein Kind leisten - was das konkret in Zahlen bedeutet, hat das Statistische Bundesamt anhand der Konsumausgaben von Familien analysiert. 2013 gab ein in Ostdeutschland lebendes Paar mit einem Kind im Monat durchschnittlich 615 Euro für dieses Kind aus. Für zwei Kinder wendeten die Eltern durchschnittlich 1.102 Euro auf, für drei Kinder 1.591 Euro. Alleinerziehende bezahlten mit 578 Euro für ein Kind und 902 Euro für zwei Kinder kaum weniger. Eine aktuellere Auswertung, die die gestiegenen Lebenshaltungskosten berücksichtigt, gibt es nicht.

Doch die Hochrechnung täuscht. Sie enthält nur die laufenden Kosten: Nahrung, Kleidung, Möbel und Freizeitartikel wie Bücher oder Fahrradhelme. Betreuungskosten für Kita oder Hort sind genauso wenig berücksichtigt wie der Nachhilfelehrer oder der Beitrag für den Sportverein. Keine Rolle spielen auch die höheren Ausgaben für Miete, Nebenkosten und Mobilität - Familien brauchen mehr Platz zum Wohnen und schmeißen viel häufiger ihre Waschmaschine an. Ganz zu schweigen von den zusätzlichen Kosten für Urlaube, die für Familien mit Schulkindern per se nur in der Hauptsaison möglich sind. "Ein Flugurlaub mit drei Kindern ist fast nicht machbar", sagt Margit Winkler. Selbst ein Nachmittag im Kino ist für viele ein Luxus: Eintritt, Popcorn, Limo für vier bis fünf Personen - 50 Euro reichen dafür nicht.

Von der Geburt bis zum Schuleintritt, so die Statistiker in Wiesbaden, zahlen Ostdeutsche durchschnittlich 5.688 Euro pro Jahr für das Kind. Ist der Nachwuchs sechs bis zwölf Jahre alt, sind es 6.816 Euro. Bis 18 summieren sich die jährlichen Konsumausgaben auf 7.560 Euro. Hochgerechnet zahlen Eltern bis zum 18. Lebensjahr rund 120.000 Euro. Pro Kind.

"Die Summe ist realistisch", sagt Winkler. Aber auch, wenn das Kind die Volljährigkeit erreicht hat, können Papa und Mama nicht die Geldbörse schließen. "Kinder werden immer später erwachsen. Es gibt immer mehr Abiturienten, die anschließend zum Studium gehen", sagt Margit Winkler. Und die Eltern zahlen weiter. Sie sind bis zum Abschluss der ersten Berufsausbildung unterhaltspflichtig.

Sabine Richter ist ehrenamtliche Beraterin beim Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter in Reichenbach im Vogtland. Sie hat an den Konsumzahlen ihre Zweifel. "Wie soll das denn jemand aufbringen? Von den weniger Verdienenden hat keiner so viel Geld", sagt sie.

Staat und Kommunen tun viel, um Familien zu unterstützen. Das geht mit der Zahlung des Mutterschutzgeldes schon los, bevor das Kind überhaupt geboren ist - und danach munter weiter: 204 Euro Kindergeld pro Kind und Monat, für Einkommensschwache der Kinderzuschlag bis maximal 185 Euro pro Monat und die Möglichkeiten des Bildungs- und Teilhabepaketes, das unter anderem die Teilnahme an Wandertagen und Klassenfahrten fördert. Besserverdienende haben einen Kinderfreibetrag bei der Steuer. Stark subventionierte Kindergarten- und Hortbetreuung sowie kostenlose Schulbildung in staatlichen Schulen gibt es für alle. Fahren die Kinder später selbst mit Bus und Bahn in die Schule, wird ein Teil des Fahrgeldes erstattet. "Es gibt das Baukindergeld, später möglicherweise ein BAföG und, wenn es ganz schlimm kommt, eine Halbwaisenrente. Das ist alles sehr hilfreich", sagt Winkler, die selbst verwitwet ist und drei Kinder hat.

Aber es könnte mehr sein. Oder gerechter, wünscht sich Sabine Richter. Es ärgert sie, dass das Kindergeld als Einkommen angerechnet wird, wenn die Eltern hilfebedürftig sind und Sozialleistungen beziehen. Oder, dass auf Kinderkleidung, Schulbedarf und Spielzeug 19Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden müssen, auf Hundefutter, Kaffee und Pferde aber nur sieben Prozent. "Das kann doch nicht sein", sagt sie. Der Alleinerziehenden-Bundesverband fordert schon seit Langem, dass sich das ändern muss. Der Gesellschaft sollte jedes Kind gleich viel wert sein und der Staat jedem Kind, unabhängig vom Einkommen der Eltern, die gleichen Chancen gewähren. Am ehesten würde das über ein existenzsicherndes Grundeinkommen für jedes Kind gelingen, meint Richter. Das sollte dem Grundbedarf entsprechen, den das Bundesverfassungsgericht ermittelt hat: 637 Euro pro Kind und Monat. "Das wäre eine feine, sichere Sache", sagt sie.

Unbenommen blieben die Einschränkungen, die Eltern neben den direkten Kosten auch auf sich nehmen und die - glaubt man Finanzberaterin Winkler, am Ende viel teurer sind. "Das sind Teilzeitarbeit und Karriereknick der meisten Mütter." Die finanziellen Einbußen wirken sich durch eine entsprechend niedrigere Rente bis zum Lebensende aus. Kinderlose können leichter Vermögen aufbauen, sie erleiden keinen Abbruch der Berufslaufbahn, bei ihnen ist alles kalkulierbarer. "Durch die hohe Erbschaftssteuer erbt der Staat aber am Ende mit!", so Winkler.

Wer sich sein Leben nicht ohne Kind vorstellen kann, lässt sich davon nicht abbringen. Die Geburtenraten steigen wieder: 1,6 Kinder brachten die Sächsinnen 2018 durchschnittlich zur Welt. Nur in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen lagen die Zahlen etwas höher. Dass die meisten Familien trotzdem nur ein Kind haben, dürfte jedoch auch an rationalen Überlegungen liegen.

Tochter und Sohn kosten uns also mindestens 240.000 Euro. Die eine Hälfte unseres Reichtums hat die Schuhe in die Ecke geschmissen und sich ein Eis aus dem Tiefkühlfach geangelt. Wohin es diesen Sommer in den Urlaub geht, will sie wissen. Vielleicht bleiben wir ja mal zu Hause.

Fördermöglichkeiten für Familien: www.freiepresse.de/Leistungen


Damit fördern Bund und Land Familien

Das übernimmt der Bund

Elternzeit: Für die unbezahlte Auszeit vom Berufsleben werden Arbeitnehmer auf Wunsch bis zu drei Jahre pro Kind freigestellt. Zuständig: Arbeitgeber

Elterngeld: Wollen sich Eltern nach der Geburt selbst um ihr Kind kümmern, mildert das Elterngeld Einkommenseinbußen ab. Zuständig: Elterngeldstelle der Stadtverwaltung oder des Landratsamtes

Mutterschutz: Die Lohnfortzahlung sichert das Einkommen der Mutter während des Beschäftigungsverbotes. Das umfasst sechs Wochen vor und acht nach der Geburt, bei Frühgeburten wird angepasst. Frauen stehen unter besonderem Kündigungsschutz. Zuständig: Krankenkasse

Kindergeld: Von der Geburt bis zur Volljährigkeit und zum Teil noch länger zahlt der Staat Eltern 204 Euro für das erste und das zweite, 210 Euro für das dritte und für das vierte und jedes weitere Kind 235 Euro pro Monat. Zuständig: Familienkasse

Kinderzuschlag: Darüber hinaus haben geringverdienende Eltern, die zwar den eigenen Lebensunterhalt, nicht aber den ihrer Kinder erwirtschaften können, Anspruch auf bis zu 185 Euro Kinderzuschlag pro Monat. Alleinerziehende müssen dafür mindestens 600 Euro, Paare mindestens 900 Euro verdienen. Zuständig: Familienkasse

Steuerliche Entlastungen: Die zusätzlichen Belastungen, die Eltern gegenüber kinderlosen Paaren haben, sollen durch den Kinderfreibetrag (5172 Euro in 2020) und die Freibeträge für Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf (insgesamt bei 2640 Euro in 2020) etwas ausgeglichen werden. Zuständig: Finanzamt. Berechnung erfolgt automatisch, ein Antrag ist nicht nötig.

Bildungs- und Teilhabepaket: Damit Kinder aus Familien mit geringem Einkommen oder Sozialleistungen gleichberechtigt Angebote in Schule oder Freizeit wahrnehmen können, zahlt der Bund Wandertage, Kita- oder Klassenfahrten, Mittagessen und Nachhilfe komplett, Schulbedarf bis maximal 150 Euro pro Schuljahr und 15 Euro monatlich für Sportverein oder Musikschule. Zuständig: Beim Landratsamt oder der Stadtverwaltung erkundigen.

Das übernimmt Sachsen

Landeserziehungsgeld: Wird das Kind zu Hause betreut und hat keinen Krippenplatz, zahlt das Land im zweiten und dritten Lebensjahr, abhängig vom Einkommen der Eltern. für das erste Kind 150 Euro, für das zweite Kind 200 Euro, für das dritte Kind 300 Euro monatlich. Zuständig: Elterngeldstelle des Landkreises oder der Stadtverwaltung

Familienurlaub: Einkommensschwache Familien erhalten Zuschüsse für einen Familienurlaub in Deutschland, müssen allerdings in Vorkasse gehen. Zuständig: Kommunaler Sozialverband Sachsen.

Kinderwunschbehandlung: Das Land unterstützt heterosexuelle Paare bis zu einem bestimmten Alter.


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9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    2
    Zeitungss
    07.04.2020

    An der Finanzierung kommt keiner vorbei, wie aus den Beiträgen zu ersehen ist. Es gab Zeiten, wo das etwas ausgewogener war, man kann es an den Geburtenzahlen sehen. Und ChWtr, Hunde wurden zu diesen Zeiten auch schon gehalten. Über die "Infrastruktur" für Kinder spricht hier kein einziger Teilnehmer, was wohl ein wichtiger Punkt wäre. Diese ist mit der Arbeitswelt nur in wenigen Fällen kompatibel.

  • 0
    2
    ChWtr
    07.04.2020

    Die Frage im Beitrag kann man durchaus so stellen. Eine andere Sache ist deren Bewertung. Und da wurde ja bereits vieles erwähnt. Auch wenn nicht alles perfekt ist, so ist ein Familienleben (mit Kindern) in Deutschland möglich und nötig, will man dem Demografischen Faktor ins Knie schießen. Leider sieht die Wirklichkeit anders aus. Das macht mir aus vielerlei Hinsicht Sorgen. Die Gründe der Kinderlosigkeit sind ein anderes Thema. Darauf zielt der Titel ja letztendlich ab. Ehepaare mit Hund ohne Kind sind gar nicht so selten (...) - mit Kind(er) aber auch nicht.

  • 4
    3
    cn3boj00
    06.04.2020

    Im Vergleich zu vielen anderen Staaten gehen hier fast alle Sozialleistungen an denen vorbei die sie am dringendsten benötigen. Dabei braucht die Gesellschaft Kinder. Aber hier wird alles am Durchschnitt bemessen, nicht an der Bedürftigkeit. Der größte Witz sind solche Dinge wie Baukindergeld.
    Leider ist es um die Überschrift schade, denn Kinder kann man nicht materiell bemessen. Und ein bisschen geben sie ja in Form von Rentenbeiträgen zurück.

  • 21
    3
    Dickkopf100
    06.04.2020

    Machen Kinder arm? Eindeutig ja. Und was noch schlimmer ist: Je ärmer die Familie, desto weniger staatliche Unterstützung. Klingt komisch, ist aber so. Beispiel: Alle bekommen Kindergeld. Nein! Eine allein erziehende Mutter, die auf Alg II (Hartz IV) angewiesen ist, bekommt nur den Regelsatz für sich und ihr(e) Kind (er), aber das Kindergeld wird ihnen vom Regelsatz abgezogen. Und nebenbei: Fast alles, wirklich alles, was irgendwie zusätzlich für diesen Familien gesetzlich zusteht, wird ihnen vom Regelsatz abgezogen. Selbst wenn es ein Weihnachtsgeschenk von den Großeltern ist. Also, wer arm ist, bleibt auch arm.

  • 15
    8
    MuellerF
    06.04.2020

    @Freigeist14: Jaja, der böse Staat, der so viel für Kinder bzw. deren Familien tut (Liste s.o.), von dem Familien in anderen Ländern nur träumen können!

  • 4
    3
    Zeitungss
    06.04.2020

    @Freigeist: JA, hier geht es allerdings um wirtschaftliche Belange und da hat das Wort "reich" eine andere Bedeutung. Ansonsten teile ich Ihre Meinung vollkommen.

  • 12
    11
    Freigeist14
    06.04.2020

    Was für eine infame Frage . Kinder machen unheimlich reich . Nur der STAAT und Gesellschaft bringen Alleinerziehende oder Karriere bewußte Menschen in Schwierigkeiten . In einem der reichsten Länder eine Schande und ein Armutszeugnis gegenüber der vergangenen DDR oder Ländern wie Schweden oder Dänemark .

  • 9
    6
    Zeitungss
    06.04.2020

    Auf die Überschrift bezogen - EINDEUTIG JA !
    @Lesemuffel: Ihren letzten Satz jasse ich uneingeschränkt gelten, denn genau so ist es.
    Leute in Vollzeit und Hungerlohn müssen das zwangsläufig etwas anders bewerten und an Flugreisen denken die sicher zuletzt, natürlich gibt es Ausnahmen.

  • 22
    3
    Lesemuffel
    06.04.2020

    "Ein Flugurlaub mit 3 Kindern ist fast nicht machbar." Richtig, wer mit seinen Kindern nichts Besseres anzufangen weiss, sollte wirklich auf Kinder verzichten. Wer eigene Kinder als ökonomisches Problem betrachtet, weiss nicht, wieviel unbezahlbare Freude man mit Kindern und Enkeln erleben kann.