"Mein Papa fehlt mir"

Luca lernt in einer Kindergruppe, den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Auch Eltern können beim Trauern helfen.

Mit einem Brötchen in der Hand kommt Luca ins Zimmer von Sylvia Jaster gestürmt. Die Koordinatorin des Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Dresden freut sich, den Siebenjährigen so fröhlich zu sehen. Das war nicht immer so. Genau an dem Tag, als er im August in die Schule kam, verstarb sein Vater. Für das Kind ein Trauma.

Mit seiner Mutter Gesine Schwarz* versucht Luca, in der Kindertrauergruppe der Malteser zurück in den Alltag zu finden. "Das dauert bei dem einen länger, bei anderen geht es schneller", sagt Edith Kudla, eine der beiden Trauerbegleiterinnen. Aber die Kinder sollten die Zeit haben, die sie brauchen. Sie signalisieren, was ihnen gerade wichtig ist. "Wir lachen auch mit ihnen. Und sie geben uns Lernaufgaben mit", ergänzt Trauerbegleiterin Andrea Bollmann. Also mal selbst wieder Kind, spontan und flexibel zu sein, neue Ideen zu entwickeln. Beide Frauen haben Erfüllung im Ehrenamt gefunden. Eineinhalb Jahre sind sie zu Trauerbegleiterinnen ausgebildet worden, 405 Stunden. Gesprächsführung, Selbsterfahrungen, Psychologie waren Schwerpunkte. Dazu kommen jetzt praktische Erfahrungen bei den Treffen mit den Kindern. Die sind zwischen fünf und zwölf Jahre, manchmal 13.

Luca ist das dritte Mal da. "Der Umgang miteinander, die Gespräche, aber auch die Momente des Bastelns und Tobens haben ihn zurückgeholt ins Leben", sagt seine Mutter. Gern würde sie mit ihm öfter kommen, aber die Gruppe, die Luca so guttut, trifft sich nur einmal im Monat. Für Gesine Schwarz ist das trotzdem ein Glücksumstand. Endlich findet sie wieder Zugang zu ihrem Sohn. Lange musste sie darum kämpfen. Von heute auf morgen war für Luca eine Welt zusammengebrochen - und ein tägliches Ritual. Denn auch wenn der Vater schon einige Monate in Italien lebte, so hatte er Kontakt zu seinem Sohn. Jeden Tag pünktlich 17 Uhr saß Luca am Telefon und wartete darauf, dass es klingelte. Eine Stunde haben sie miteinander geredet. "Papa hat mir erzählt, was er gerade macht. Dann wollte er wissen, wie es mir geht und wie es im Kindergarten war." Jetzt kann der Junge darüber sprechen. Auch wenn er traurig ist: "Mir fehlt mein Papa", sagt er und springt auf. "Ich nehme eine Auszeit", was so viel heißt wie: Ich möchte innehalten und nicht sprechen. "Das ist gut so. Auch das lernen die Kinder hier", sagt Edith Kudla. Es sei wichtig, dass sie sagen, was sie möchten, wann sie trauern, wann sie fröhlich sein wollen. Um Zugang zu finden, laufen die Treffen gleich ab. "Zu Beginn hat jeder Zeit anzukommen, sich auszutoben, zu essen", sagt Edith Kudla. Auch diesmal hat sie Zimtschnecken gebacken. Trauerschnecken heißen sie hier. Dann ist Zeit für Gefühle. Die Kinder erzählen, was sie erlebt, wovor sie Angst haben, wann sie traurig sind - und welche Erlebnisse sie mit den Verstorbenen hatten. Manche zeigen Kärtchen mit Smileys oder Tieren - Gefühlskarten. Dann wird gebastelt, gelesen, getanzt oder wie heute Theater gespielt. Luca ist der Leuchtturm. Ähnlich ist es in der Kindertrauergruppe des Elternvereins krebskranker Kinder in Chemnitz. "Wir erinnern an den Verstorbenen und tauschen uns aus. Gespräche wechseln mit Kreativem", sagt Koordinatorin Anne Bayer. Für die Kinder sei es gut, auf andere zu treffen, mit denen sie ein gleiches Schicksal teilen können.

Während ihr Sohn seine Auszeit nimmt, erzählt Gesine Schwarz, wie sehr sich Luca gewünscht hatte, dass sein Papa ihn noch mal besucht. Aber das konnte er nicht. Er war schwer krank. Zum Nierenkrebs kam ALS. An der Erkrankung des Nervensystems sei er dann verstorben, sagt die 38-Jährige. Als sie es erfuhr, musste sie tapfer sein, denn die Schuleinführung sollte für Luca unvergesslich werden. Deshalb hat sie es ihm nicht gleich gesagt, obwohl sie ihren Schmerz kaum verbergen konnte. Schließlich seien sie zehn Jahre ein Paar gewesen und hätten viele schöne Stunden erlebt.

Doch warum das tägliche Telefongespräch ausfällt, musste sie ihrem Sohn erklären. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt? "So früh wie möglich, sagt Remo Kamm. Aber nicht nebenbei, sondern in einer Situation mit Zeit und Gelegenheit, das Kind aufzufangen, Fragen nach dem Warum zu beantworten. Kamm ist Psychologe beim Dresdner Verein Sonnenstrahl, wo krebskranke Kinder und ihre Geschwister betreut werden. Verleugnen bringe nichts. Kinder würden spüren, wenn sich Angehörige verschließen. Besser sei es, so Kamm, dass Erwachsene mit dem Kind den Tod aufarbeiten. Sie sollten direkt darüber sprechen - je nach Alter auch mit Bildern. Kinder mit drei Jahren haben keine Vorstellung von Endlichkeit, ältere schon. Wichtig sei es, keine Bedrohung aufzubauen, Tod und Sterben als Teil des Lebens zu beschreiben. "Mit den Kindern lassen sich Todesvorstellungen entwickeln", sagt Kamm. "Der eine sieht Papa als Schmetterling, der andere sucht Mama auf einer Wolke."

Irgendwann sagte Gesine Schwarz ihrem Luca, dass Papa nicht mehr anruft, dass er gestorben ist, weil er schwer krank war. "Aber er verdrängte es, verschloss sich, ich wusste keinen Rat." Schließlich fand sie über eine Psychologin zur Kindertrauergruppe. Heute weiß sie, das war richtig. Luca spricht jetzt darüber, ist wieder fröhlich und erinnert sich gern an die Stunden mit Papa. "Am liebsten habe ich mit ihm gekocht, Buchstabennudeln." Luca wird ruhiger: "Das fehlt mir." Aber auch von Spaziergängen, vom Toben, Fußballspielen und Eisessen erzählt der Siebenjährige. Nur einmal, erinnert sich Luca und zieht seine Stirn in Falten, habe er sich über Papa geärgert. "Er ist mit mir ohne zu schauen auf die Straße. Fast wären wir angefahren worden." Dann wird er wieder nachdenklich und bittet seine Mama, dass sie in den nächsten Ferien mit ihm zu Papas Grab fährt. "Bitte, bitte, Mama." Das Problem: Das Grab ist auf einem Friedhof in der Nähe von Neapel. "Dorthin zu reisen, kostet viel Geld", sagt Gesine Schwarz. Aber sie werde alles versuchen - für ihren Sohn und für sich. Schon jetzt hätten beide begonnen, die Plätze zu besuchen, an denen Luca mit seinem Papa war. Es sei Zeit dafür, Vergangenes aufzuarbeiten.

"Auch wenn Luca in der Schule gut ist, so ist er frech", sagt seine Mutter. Aber auch das würden sie in den Griff bekommen. Und anstelle der täglichen Telefonstunde gibt es nun Momente in der Trauerecke, die Mutter und Sohn für Papa und den verstorbenen Opa eingerichtet haben. Ein neues Ritual für Luca.

*Name von der Redaktion geändert.

Hier bekommen trauernde Kinder und Angehörige Hilfe

Kindertrauertreffs und Treffs für Jugendliche der Malteser in Dresden, Plauen, Annaberg, Altenburg, Görlitz.

www.freiepresse.de/trauerarbeit2

Kindertrauergruppe Diakonisches Beratungszentrum Vogtland.

Kontakt: Telefon 03744 831260

www.freiepresse.de/fb

Elternverein krebskranker Kinder Chemnitz: Kinderhospizdienst für Chemnitz, Chemnitzer Land, Mittelsachsen, Kindertrauergruppe in Chemnitz; Ambulanter Kinderhospizdienst Westsachsen für Kreise Erzgebirge, Zwickau und Vogtland, Kindertrauergruppe in Wilkau-Haßlau.

www.freiepresse.de/trauerarbeit

Lacrima, Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche der Johanniter.

Kontakt: Telefon: 0351 2091433

www.johanniter.de/lacrimadresden

Sonnenstrahl e.V.: Camps für verwaiste Geschwister.

Kontakt: Telefon: 0351 315 83900

www.sonnenstrahl-ev.org

Kindertrauergruppe Christlicher Hospizdienst Dresden, Treff in der Regel jeden zweiten und vierten Monat.

Kontakt: Telefon: 44402910

www.hospizdienst-dresden.de

Landesverband für Hospizarbeit und Palliativmedizin.

www.hospiz-palliativ-sachsen.de

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