Mütterrente im Osten oft geringer

Frauen, die nach der Geburt schnell wieder arbeiten waren, bekommen weniger Mütterrente. Zwar werden seit Januar zweieinhalb statt bisher zwei Jahre Erziehungszeit für alle vor 1992 geborenen Kinder anerkannt. Doch wenn in der Zeit Rentenpunkte erarbeitet wurden, werden die gegengerechnet. Das trifft vor allem Frauen im Osten.

In den vergangenen Wochen haben viele Mütter und Väter Post von der Rentenversicherung bekommen. Die frohe Botschaft: Für ihre vor 1992 geborenen Kinder sollen sie mehr Kindererziehungszeiten für die Rente anerkannt bekommen. Doch was kaum einer weiß: Viele werden durch diese Mütterrente später nicht mehr Geld bekommen. Denn was nicht im Schreiben steht: Die Anerkennung der Zeiten ist vom Verdienst während der Kindererziehung und vom Rentenbeginn abhängig. Gabriele Fleischer fasst wichtige Fragen zusammen.

Welche Auswirkung haben Verdienst und Rentenbeginn auf Mütterrenten?

Nur Mütter oder Väter, die vor 2019 in Rente gegangen sind, erhalten jetzt zusätzlich für jedes von ihnen erzogene Kind eine pauschale Gutschrift von einem halben Entgeltpunkt. Das bedeutet ein monatliches Rentenplus von 15,95 Euro brutto. Insgesamt werden bei ihnen nun zweieinhalb Jahre Kindererziehungszeiten bei der Rentenberechnung berücksichtigt. Von der Brutto-Rente gehen noch etwa zehn Prozent Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung ab. Anders ist das bei allen, die ab 2019 in Rente gehen. Für diese Mütter oder Väter gibt es keinen Pauschalzuschlag. Wie viel sie für die spätere Rente anerkannt bekommen, hängt davon ab, ob sie in der Zeit der anrechenbaren Kindererziehung von zweieinhalb Jahren bereits wieder gearbeitet haben. Das traf auf viele Mütter in der DDR zu, die oft schon nach zwölf Monaten oder früher wieder arbeiten waren. Wer dann noch gut verdient hat, geht bei der Mütterrente leer aus. Denn es gibt Verdienstobergrenzen. "Ziel der Mütterrente ist es ja, kleine Renten aufzubessern", sagt Anne-Kathrin Sturm, Sprecherin der Rentenversicherung Mitteldeutschland. Auch wer mit Abschlägen eher in Rente gehe, müsse mit Kürzungen bei der Mütterrente rechnen, sagt der Dresdner Rentenberater Christian Lindner. Das heißt, die Mütterrente wird um den gleichen Prozentsatz gekürzt, um den die vorgezogene Rente gekürzt wird.

Wie hoch ist die Verdienstgrenze für die Mütterrente?

Wenn für die Rentenberechnung Entgeltpunkte aus der zweieinhalbjährigen Kindererziehungszeit und Arbeitsentgelt aufeinanderfallen, wird gekürzt. Um wie viel, richtet sich in erster Linie nach der Beitragsbemessungsgrenze. In der DDR lag diese konstant bei 7200 Mark im Jahr. Inzwischen wird sie jährlich von der Bundesregierung neu festgelegt. Für 2019 sind es in den neuen Bundesländern 73.800 Euro Bruttojahresverdienst. "Die Kürzung der Mütterrente beginnt aber im Osten bereits bei einem Bruttojahresverdienst von etwa 38.000 Euro", sagt Christian Lindner. "Das hängt mit den unterschiedlichen Berechnungen bei der Bewertung von Entgeltpunkten für die Kindererziehung zwischen Ost und West zusammen." Ab 2025 gibt es diese Besonderheit nicht mehr. Dann werden die Mütterrenten in Ost und West gleich berechnet. Christian Lindner nennt ein Beispiel: Hat eine Mutter 1979 in der DDR ein noch nicht zweieinhalb Jahre altes Kind erzogen, wird die Bewertung ihrer Kindererziehungszeit gekürzt, wenn der für die Rentenberechnung zu berücksichtigende Jahresbruttoverdienst über 6836,06 Mark lag.

Wirkt sich die Freiwillige Zusatzrente (FZR) auf die Mütterrente aus?

Ja. Wer in der DDR zwischen 7200 und 14.400 Mark verdient hat, konnte ab 1971 freiwillig zusätzliche Versicherungsbeiträge zahlen, ab 1977 darüber hinaus. Damit hat man sich mehr Geld für die spätere Rente angespart. Nachteil: Der höhere Rentenanspruch kürzt später den Anspruch auf Mütterrente. "Hat beispielsweise eine Versicherte 1979 FZR-Beiträge gezahlt, werden die bei der Kindererziehung gegengerechnet. Sie bekommt dann entsprechend weniger Mütterrente", sagt Lindner.

Wie erfahren Eltern, mit welcher Mütterrente sie rechnen können?

Auskunft gibt es bei der Rentenversicherung. Dafür sollte man unter der Telefonnummer 0800 100048090 einen Termin vereinbaren. "Voraussetzung ist, dass die Konten zuvor geklärt wurden, das heißt, alle verfügbaren Daten bei der Rentenversicherung vorliegen", erklärt Sturm. Wichtig sei es, SV-Bücher aus DDR-Zeiten und Versicherungsbelege der Arbeitgeber ab 1990 bis zum Erreichen der Altersrente als Nachweise aufzubewahren. Alle sechs Jahre gibt es eine Rentenauskunft, aus der ersichtlich ist, was berücksichtigt wird. Genaue Summen stehen aber erst im Rentenbescheid. Unabhängige, allerdings kostenpflichtige Auskunft gibt es auch bei Rentenberatern.

Warum wird nicht konkret informiert, dass nicht alle Mütterrente erhalten?

"In den von uns verschickten Schreiben steht, dass der 25. bis 30. Kalendermonat nach der Geburt des Kindes als Kindererziehungszeit vorgemerkt ist", so Rentenversicherungssprecherin Sturm. Und: "Über die Anrechnung und Bewertung der Daten wird erst bei der Feststellung einer Leistung entschieden." Im Klartext heißt das, dass Genaues erst im Rentenbescheid steht. Rentenberater Christian Lindner hält es für problematisch, dass auf die Auswirkungen einer Beschäftigung während der Kindererziehungszeit nicht hingewiesen wird. "Ob die Ausgrenzung dieser Mütter, die schon wieder arbeiten waren, verfassungsrechtlich überhaupt zulässig ist, wird derzeit vom Bundessozialgericht in mehreren Revisionsverfahren geprüft", sagt er. Wegen der offenen Verfahren sei es wichtig, dass Betroffene gegen ihren Rentenbescheid Widerspruch einlegen, da sonst keine Nachzahlung möglich ist. Die Widerspruchsfrist endet einen Monat nach Zustellung des Bescheides.

Bei den Rentenbescheiden fehlen seit 2018 Anlagen, die über Kürzungen informieren. Warum?

"Die Bescheide sind dadurch schlanker und übersichtlicher geworden", sagt Anne-Kathrin Sturm. "Die nicht mehr versandten Anlagen ,Entgeltpunkte für Beitragszeiten' und ,Entgeltpunkte für beitragsfreie und beitragsgeminderte Zeiten' können aber jederzeit bei der Rentenversicherung angefordert werden." Darauf müsste allerdings im Bescheid hingewiesen werden, sagt Rentenberater Lindner. "Denn durch den Wegfall der Anlagen können Versicherte die Berechnung ihrer Entgeltpunkte nicht mehr nachvollziehen. Die Begrenzung der bewerteten Kindererziehungszeiten ist für den Laien aus den Unterlagen nur noch schwer zu erkennen."

Welche Erziehungszeiten werden für Kinder berücksichtigt, die nach 1992 geboren sind?

Für diese Kinder werden generell drei Jahre Erziehungszeit in die Berechnung der Rente einbezogen.

Gibt es Mütterrente automatisch auch für Väter, Adoptiv- und Pflegeeltern?

Die gibt es, wenn diese Kindererziehung bisher für die Rente vermerkt war. Ansonsten ist ein Antrag zu stellen. Generell wird die Kindererziehung der Rente der Mutter zugeordnet. Wollen Väter die Erziehungszeiten für sich geltend machen, müssen sie nachweisen, dass sie überwiegend erzogen haben. Seit diesem Jahr können Adoptiv- und Pflegeeltern, die die Erziehung erst nach dem zwölften Monat des Kindes übernommen haben, beantragen, dass die Kindererziehungszeit bis zum Ablauf des 30. Kalendermonats nach dem Monat der Geburt berücksichtigt wird.

Wirkt sich die Mütterrente auf die Versteuerung der Rente aus?

Ja, übersteigt die Rente mit den Zahlungen für die Kindererziehung den Freibetrag, bis zu dem keine Steuern fällig werden, können mit der Mütterrente Steuern anfallen.

Hat eine Witwenrente Auswirkungen auf die Mütterrente?

Das hat sie dann, wenn die Rente mit der Mütterrente den Freibetrag übersteigt. 40 Prozent von dem darüberliegenden Betrag werden von der Rente abgezogen.

www.freiepresse.de/erziehung

www.rentenberater.de

www.freiepresse.de/Rente

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    0
    saxon1965
    08.08.2019

    Kürzungen, Mehrfachbesteuerung, Informationsunterschlagung, Widerspruchsfristen (1 Monat) u. ä. m...
    ... und da wundert sich die Politik, dass der Bürger den Politikern nicht mehr traut und unzufrieden wird?! Man kann schon von Betrug am Bürger sprechen, wenn mit solchen Erschwernissen (Hinterhältigkeiten) gearbeitet wird.
    Mütter haben für jedes Kind 0,5 Rentenpunkte zu bekommen - PUNKT!
    Aber nein, da wird wieder "die Arbeit" bestraft, Lebensleistung (Erziehung) in Frage gestellt und gehofft, dass die Eine oder Andere nicht fristgerecht in Widerspruch geht.
    Aber das liegt sicher daran, dass wir Bürger nicht nah genug am Politiker sind.
    https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/martin-dulig-will-den-sachsen-das-laecheln-zurueckgeben-artikel10582172



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...