Nicht alle Mütter wollen "neue" Väter

Der Dresdner Soziologe Karl Lenz über den Wandel der Vaterrolle und den Vorsprung, den der Osten dabei hat.

Geburtsvorbereitungskurs, Elternzeit, Teilzeitjob: Vieles von dem, was junge Väter heute machen, war vor 30 Jahren undenkbar. Und doch entwickle sich manches langsamer als gedacht - und im Osten anders als im Westen -, sagt der Soziologe Prof. Dr. Karl Lenz im Gespräch mit Andreas Rentsch.

Freie Presse: Wie hat sich die Vaterrolle in den vergangenen drei Jahrzehnten gewandelt?

Prof. Karl Lenz: Wesentlicher Trend ist der vom Ernährer zum Erzieher. Die klassische Vaterrolle war ja lange die des abwesenden Vaters, der im Alltag von Kleinkindern nicht präsent war. Der nicht da war, weil er den Lebensunterhalt für die Familie verdienen musste.

Wann hat sich daran etwas geändert? Und hat es in Ost und West zu unterschiedlichen Zeiten begonnen?

Das war und ist eine Veränderung über Generationen. Die DDR-Gesellschaft hatte da einen Vorsprung, da schon Anfang der 1960er die Erwerbstätigkeit der Frau verallgemeinert wurde. In Westdeutschland bestand das alte Modell deutlich länger fort, wonach die Mutter für die Betreuung der Kinder zu Hause blieb. Da im Osten beide Eltern erwerbstätig waren, wurden die Väter schon früher aktiver. Aber auch sie spielten in der Kinderbetreuung anfangs eine Nebenrolle.

Wie definieren Sie Nebenrolle?

Typisch dafür ist, dass der Vater lediglich Spielpartner des Kindes war, nicht aber derjenige, der die eigentliche Alltagsarbeit mit den Kindern übernahm. Das änderte sich erst in den 1990er- und Nuller-Jahren. Hier wurden Väter in der Kinderbetreuung stärker aktiv. Mehr und mehr Männer sagten: ,Ich möchte das Aufwachsen meiner Kinder selber miterleben und es nicht nur von meiner Frau erzählt bekommen.'

Gab es Ereignisse, die Sie als entscheidend für diese Entwicklung bezeichnen würden?

Ein wichtiger Anstoß war 2007 die Einführung der Partnermonate beim Elterngeld, die damals sehr umstritten waren. Vorher hatten rund drei Prozent der Väter nach der Geburt ihres Kindes eine berufliche Auszeit genommen. Heute liegt die Quote bei 35 Prozent - bezogen auf jene Väter, die zumindest zwei Partnermonate nehmen. Insgesamt ist im Osten der Anteil dieser Väter höher als im Westen. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern noch viel größer. Sachsen, Bayern und Thüringen sind bundesweit Spitzenreiter. In Sachsen nimmt mittlerweile fast jeder zweite Vater Partnermonate.

Allerdings nimmt die große Mehrheit nur diese zwei Vätermonate, um den Elterngeldanspruch auf die maximal möglichen 14 Monate auszudehnen.

Stimmt. Und doch kommt dadurch ein anderes Verständnis der Vaterrolle zum Ausdruck. Noch wenig geändert hat sich aber bei jungen Eltern, dass die Betreuung des Kleinkindes primär Aufgabe der Frau ist.

Warum?

Schwangerschaft und Geburt schaffen eine besondere Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, die ganz überwiegend zu einer Dominanz der Mutter in den ersten Lebensmonaten des Kindes führt. Dies wird weiter gestärkt durch die heute gängige Praxis des Stillens. Hinzu kommt, dass es in Deutschland eine stark normative Bewertung von Mütterlichkeit gibt.

Was heißt das?

Frauen werden immer noch ganz stark als Mütter gesehen, die alleine wissen, was für das Kind gut sei und die folglich für das Wohlergehen des Kindes verantwortlich seien. Sichtbar wird das daran, dass immer noch diskutiert wird, ob man ein einjähriges Kind in die Krippe geben darf. Vor allem im Westen ist weiterhin die Überzeugung verbreitet, diese Fremdbetreuung gehe mit einer zu geringen Aufmerksamkeit fürs Kind einher. Ausgeblendet wird, wie viel Kinder schon im jungen Alter von Gleichaltrigen lernen können.

Warum gelingt es Eltern nur selten, die Aufgaben bei der Kinderbetreuung halbe-halbe zu teilen?

Auch Frauen haben daran ihren Anteil. Unter ihnen ist die Neigung verbreitet, einen Kompetenzvorsprung gegenüber ihrem Mann unter Beweis zu stellen. Das kann man im Alltag beobachten, wenn Mütter ihre Partner im Umgang mit dem Kind belehren. Oder nehmen Sie die Situation, in der das Kind weint und nach der Mutter verlangt: Hier geht es immer auch um Anerkennung. Diese zu teilen, fällt vielen jungen Müttern schwer. Es sind nicht immer nur die Männer, die zu wenig übernehmen, sondern auch die Frauen, die das zu wenig zulassen.

Väter sind mittlerweile häufig bei der Geburt ihres Kindes dabei. Wie lange ist das schon so?

Das hat sich schon vor 30 Jahren immer mehr verallgemeinert. Aber auch hier gibt es immer noch Milieu-Unterschiede. Je stärker jemand strikte Vorstellungen von Männlichkeit hat, desto seltener wird er bei einer Geburt dabei sein. Für viele andere ist es Ausdruck von "Wir gründen eine Familie". Schwangerschaft und Geburt sind heute weithin zu gemeinsamen Themen geworden.

Sind Väter heute emotionaler als früher?

Ja, durchaus. Es existierte lange die Vorstellung, der Mann sei rational, gefühlsarm, nüchtern. Dem gegenüber stand die emotionale Frau. Heute verstecken immer weniger Männer ihre Emotionen. Nur der emotional erreichbare Mann kann sich aktiv in die Kindererziehung einbringen.

Wie kommt es bei den Arbeitgebern an, wenn Väter wegen des kranken Kindes zu Hause bleiben?

Das ist sehr unterschiedlich. Es existiert mittlerweile eine wachsende Anzahl familienfreundlicher Betriebe, die anerkennen, dass Familie eine Aufgabe für Mutter und Vater ist. Es gibt aber auch genug Vorgesetzte, die ignorieren, dass ihre Mitarbeiter Familie haben, oder dies nur den Frauen zugestehen.

,Ich möchte meine Kinder anders erziehen, als es meine Eltern bei mir getan haben.' Wie stark ist dieses Motiv bei den Vätern von heute?

Solche Generationenbrüche waren lange Zeit ein großes Thema. Heute findet man aber immer mehr junge Väter, die sehr kindorientiert sind und vieles von dem übernehmen, was ihre Eltern ihnen vorgelebt haben. Sie ändern allenfalls Einzelheiten. Viele der heute 20-Jährigen hatten ja nicht mehr diese "abwesenden Väter", ihre Väter waren da und haben sich gekümmert. Solche jungen Männer möchten vielleicht noch ein bisschen mehr Vater sein, als es der eigene Vater war.

Die Schriftstellerin Jana Hensel hat mal geschrieben, in den Nachwendejahren hätten viele Väter "ihre Kinder wie Möbelstücke in der alten Wohnung zurückgelassen", wenn sie sich von ihren Frauen scheiden ließen. Gibt es auch heute noch solche Brüche?

Auch heute gibt es noch die Männer, die nach einer Scheidung aus der Lebenswelt ihrer Kinder verschwinden. Aber der Trend geht eher zu einem Modell der "gelebten Nachtrennungsfamilie". Es gibt immer mehr getrennt von ihren Partnerinnen lebende Männer, die aktive Väter sind. Die wollen mehr als nur den gemeinsamen Zoobesuch am Samstagnachmittag. Das kann bis zu einem Modell gehen, bei dem im festen Rhythmus die gemeinsamen Kinder zwischen dem Haushalt der Mutter und des Vater wechseln.

Wo sehen Sie heute Unterschiede zwischen den Vätern in Ost und West?

Im Osten gibt es mehr Männer mit einem eigenen Kinderwunsch und mehr Väter, die aktiv an der Kinderbetreuung mitwirken. Aus solchen Befunden darf man allerdings keine Pauschalisierung ableiten. Es handelt sich nur um Unterschiede in den Häufigkeiten.


Wie sich die Väter ändern

Torsten Siegemund ist das, was man einen modernen Vater nennen würde. Der 39-jährige Dresdner hat nach der Geburt seiner Söhne Felix und Ole jeweils drei Monate Elternzeit genommen. "Ich wollte diese Phasen bewusst gestalten und viel mit meinen Kindern zusammen sein", erklärt der Sozialpädagoge. Dass damit auch Aufgaben wie Wickeln oder Waschen verbunden waren, habe ihn nicht geschreckt - es sei vielmehr selbstverständlich gewesen. Gleiches gelte für Hausarbeiten wie Putzen und Kochen, die er sich mit seiner Frau teilt. "Vielleicht liegt das daran, dass ich in einem sozialen Beruf arbeite.


Von seinem eigenen Vater habe er eine solche Rolle eher nicht vorgelebt bekommen, sagt Siegemund. "Er hat sich mehr ums Handwerkliche gekümmert, weniger um den Haushalt." Trotzdem habe er als Kind auch exklusive "Papa-Zeiten" gehabt. "Meine Mutter hat in Schichten gearbeitet. Deshalb hat mich mein Vater am Nachmittag im Kindergarten abgeholt", sagt er. (rnw)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 4 Bewertungen
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 1
    0
    VaterinSorge
    03.11.2019

    Das sind zwar Erkenntnisse aus Studien, aber Ableitungen lassen sich kaum treffen. Ich stelle mal ein paar Thesen in den Raum und hoffe, es regt zum Nachdenken an:
    1. Unterschied Ost - West:
    Die DDR hat nicht Krippenplatz und Kindergarten staatlich verordnet, weil man hier das Kindeswohl im Auge hatte, sondern weil man auf die produktive, sehr günstige, feinfühlige und feinmotorische Arbeitskraft der Frauen angewiesen war. Zudem bekam man so auch den frühen Zugriff und die Kontrolle der kleinsten Kinder. Dass diese Art der Erziehung, Kollektivierung und erlernen sozialer Kompetenzen wesentlich effizienter und disziplinierter von statten ging, ist ein staatl. angenehmer Nebeneffekt, den man heute noch aus asiatischen, fernöstlichen und südosteuropäischen Kulturen kennt. Die wohl bekannteste Ausnahme im asiatischen Raum ist wohl Japan. Hier verliert jede Frau mit dem Eintritt in die Ehe, jede Form der eigenen Erwerbstätigkeit. Sie wird ab diesem Zeitpunkt allein die Hausdame und Familienmanagerin. Sie verfügt allein über das Familieneinkommen, organisiert alles rund um die Familie und die Erziehung der Kinder. Kinder sind von Geburt an bis zum 4. Lebensjahr immer an der Seite der Mutter. Sie machen alles mit der Mutter gleich. (Schlafen, essen, trinken, kochen, einkaufen, putzen, spielen usw.) Der Mann ist einzig und allein zum Geldverdienen da, arbeitet oft mehr als 16 Stunden am Tag und schenkt zudem seinem Chef von den 2 Wochen Jahresurlaub noch eine Woche, weil er so zufrieden ist. So konnte sich aber Japan als Inselstaat innerhalb von etwa 100 Jahren zu einem führenden Industriestaat, trotz widrigster topographischer Bedingungen entwickeln und erfolgreich über Wasser halten. Auch Skandinavien ist äußerst interessant, wenn es um die Sozialpolitik, Stellung der Frauen, Bildung und Fürsorge für Kinder geht. Es gibt keine Ländergruppe, wo das Leben so ausgeglichen, harmonisch und familienfreundlich ist, wie in diesen Ländern. Doch das hat seinen Preis. Es sind besonders hohe Steuern auf viele Konsum - und Luxusgüter. Es ist unwahrscheinlich, dass sich das in Deutschland umsetzen lässt. Jetzt wollen wir aber von allem das Beste. Das geht grundlegend schief, denn wir können unseren Lebensstandard nur halten und ausbauen, wenn wir mehr konsumieren und mehr exportieren. Wir werden es nicht schaffen, wenn wir weniger arbeiten und dazu noch weniger Steuern zahlen.
    2. Trinkwasser:
    Seit über 30 Jahren gibt es die Anti - Baby Pille. Es ist nachgewiesen, dass die in ihr enthaltenden Hormone über das Abwasser etwa nach 5-10 Jahren im Trinkwasser landen. Das betrifft besonders Jungen, die mehr als natürlich vorgesehen mit Hormonen aus diesen Pillen in Berührung kommen.
    3. Veränderungen in den 80iger und 90iger Jahren
    durch multimediale, emanzipationsgesteuerte oder rein wirtschaftlich gesteuerte Prozesse gingen hier ein Großteil der Ehen und Familien kaputt. Übrig blieben oft allein erziehende Mütter und besonders Jungs fehlte die Autorität und das Vorbild des Vaters.
    4. Schule, Erziehung, Ausbildung, fehlender Grundwehrdienst
    Krippen, Kindergärten, Schulen und Horte haben zum Großteil nur weibliches Personal. Wo sollen sich Jungs nun Handlungen, Wettbewerbe, Vorbilder oder Berufswünsche abschauen. Durch den mittlerweile fehlenden Grundwehrdienst ist jetzt auch noch ein wesentlicher Grundstein zu kämpferischen Auseinandersetzungen, Kompetenz- und körperlichen Entwicklung verloren gegangen.
    5. Fazit:
    Das Land besteht mehr und mehr aus Weicheiern, die zwar zur Tarnung Taliban - ähnelnde Bärte tragen, in Shisha - Bars und Fitnessclubs zwar einen auf dicke Hose machen, aber weder in der Lage sind eine Familie zu ernähren noch Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Jetzt sind wieder die Frauen gefragt, die eine Quote in der Politik, in Führungsetagen von DAX Konzernen und Betriebsleitungen mittelständiger Unternehmen, Handel, Dienstleistungen und Handwerk übernehmen sollen, während Mr. Weichei zu Hause die nächste Generation Kinder versaut, bei Elternversammlungen auf Lehrerinnen und Erzieherinnen los geht und sich als Held fühlt, wenn er den Ausbilder seines Sprösslings, Fahrlehrer oder Meister für Mobbing anzeigt. In spätestens 10 Jahren werden wir alle sagen: " Das haben wir nicht gewollt!", nur weil wir die 100.000 Jahre alten Naturgesetze missachtet haben die heißen: Männer wollen erfolgreich sein, bei allem was sie tun und Frauen wollen geliebt werden, bei allem was sie tun. Daher sind Männer eben anders ausgestattet als Frauen und eben nicht alle gleich.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...