Paarberaterin: "Streit ist auch keine Lösung"

Paarberater Christian Thiel verrät, wie man Beziehungsprobleme konstruktiv löst - mit dem 3-Kästchen-Trick

Christian Thiel weiß, warum Beziehungen heute so oft scheitern. Seit 18 Jahren berät er Singles und Paare, hat mehrere Bücher über Liebe, Partnerschaft und Sexualität verfasst und schreibt jeden Freitag in der "Freien Presse" die Kolumne "Beziehungsweise". Am 21. September kommt er nach Dresden und stellt sein neues Buch "Streit ist auch keine Lösung" vor. Warum das so ist, hat er Redakteurin Katrin Saft vorab im Interview verraten.

"Freie Presse": Herr Thiel, der Klassiker: Frau möchte sich eine schicke Bluse kaufen. Mann findet sie zu teuer und außerdem unnötig. Und Sie sagen, Streit ist da keine Lösung. Wieso nicht?

Christian Thiel: Weil Streit Machtkampf ist. Beim Streit prallen Argumente aufeinander, jeder will recht haben und als Sieger hervorgehen. Wo Streit ist, da ist keine Liebe, sondern eine geballte Ladung an Negativität. Das führt zu schlechter Stimmung, zu emotionalen Verletzungen und zum Gefühl, unverstanden zu sein - und verringert damit die Aussichten auf eine Lösung noch.

Und wie soll die Lösung dann aussehen? Sie verzichtet auf die Bluse oder er sieht großzügig darüber hinweg, dass schon zehn andere im Schrank hängen?

Sich eine neue Bluse zu gönnen, ist ein Wunsch. Wünsche können nicht falsch oder richtig sein. Jeder darf Wünsche haben und auch äußern. Aufgabe in einer Partnerschaft ist es, die Wünsche des Partners zu respektieren. Das geschieht aber nicht durch eine Diskussion, ob die Bluse nötig ist oder nicht. Welche Bluse auf dieser Welt ist schon nötig? Eine solche Diskussion führt nur dazu, dass sie ihm im Gegenzug fuchtig an den Kopf wirft, was er alles Unnötiges gekauft hat - das teure Zubehör für seine Kamera, sein Mountainbike. Insofern ist es besser, den Wunsch des Partners ernst zu nehmen und auszuhandeln, welche Wünsche man sich leisten kann und welche nicht.

Wie soll das gehen, ohne dabei in Streit zu geraten?

Mit der 3-Kästchen-Theorie. Zuerst immer das positive Kästchen öffnen und zum Beispiel feststellen: "Oh, das ist wirklich eine schöne Bluse." Denn in einer Partnerschaft erwartet der Andere Anerkennung, Wertschätzung und Bestätigung. Dann kann man das neutrale Kästchen ziehen: "Schatz, ich glaube, der Preis übersteigt leider unser Budget." Denn natürlich müssen Paare über Grundsatzfragen wie Geld reden und sich einigen, wie viel jeder im Monat für sich ausgeben kann. Dabei ist es aber wenig hilfreich, das negative Kästchen zu öffnen und den Wunsch des Partners schlecht zu machen. Die Steigerung sind dann pauschale Vorwürfe wie: "Ständig willst Du neue Klamotten haben." "Immer musst Du so viel Geld dafür ausgeben."

Es könnte ja sein, der Mann findet die Bluse wirklich schrecklich. Soll er dann ins positive Kästchen heucheln?

Der Mann kann dann ehrlich sagen: "Du, mir gefällt die Bluse nicht so." Aber bitte nicht mit beleidigenden, herabsetzenden Äußerungen oder in einer Art, die gleich ihren Geschmack infrage stellt. Denn das untergräbt auf Dauer die Liebesgefühle eines Paares. Das ist mit positivem oder neutralem Kästchen gemeint.

Was sind denn nach Ihren Erfahrungen aus der Beratung die häufigsten Themen, über die Paare in Streit geraten - Geld oder Zahnpastatube?

Das Thema ist eigentlich unwichtig. Entscheidend ist, wie Paare bei Meinungsverschiedenheiten miteinander umgehen. Partner sind immer unterschiedlich. Das wird anfangs, wenn man verliebt ist, unterschätzt. Je größer die Unterschiede, desto schwieriger. Oft wird wegen Kleinigkeiten gestritten - die Zahnpastatube oder die Butter, die im Kühlschrank nicht an der richtigen Stelle steht. Doch meist steckt mehr dahinter - verletzte Gefühle oder schlimmer: gar keine Gefühle für den Anderen mehr. Wenn ein streitendes Paar zu mir in die Beratung kommt, frage ich gern, wie viel Zeit es sich nimmt, um sich über persönliche Dinge zu unterhalten. Und dann kommt raus: fünf Minuten pro Woche oder noch weniger. Natürlich reden beide miteinander - wer holt die Kinder ab, wer kauft ein, wer arbeitet wann. Da wird über 1000 Dinge gesprochen, aber sich nicht wirklich füreinander interessiert. Doch was war denn so schön, damals, als man frisch verliebt war? Man hat zugehört, Fragen gestellt, was der Andere denkt, was er erwartet. Wenn das nicht mehr stattfindet, wundert es mich nicht, dass es zu Streit kommt.

Bei Kleinigkeiten wie der Zahnpastatube lässt sich sicher eine einvernehmliche Lösung finden. Was tun aber bei Themen, die keinen Kompromiss erlauben: Sie will ein Kind, er nicht. Er will eine Auszeit in Neuseeland, sie nicht.

Auch hier gilt: Wenn es um Lebenswünsche, -vorstellungen und -ziele geht, kann es kein falsch und kein richtig geben. Deshalb enden die meisten ehelichen Streitgespräche auch ergebnislos. Viele Paare verbringen Jahre damit, den anderen von etwas überzeugen zu wollen. Doch das ist unmöglich. Der Partner will nicht überzeugt, sondern verstanden werden. Es ist nichts falsch daran, ein paar Monate Auszeit nehmen zu wollen. Wenn sie nicht mit will, muss sie ehrlich sagen: "Tut mir leid, dafür bin ich nicht die Richtige." Wichtig dabei ist, erst mal positiv auf den Wunsch des anderen zu reagieren und ihn zu hinterfragen, selbst wenn man ihn nicht erfüllen kann. Und manchmal brauchen Lösungen eben einfach auch Zeit.

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