Palliativärztin: Strafe für Suizid-Beihilfe richtig

Medizinerin Barbara Schubert kann verstehen, wenn Schwerstkranke sterben wollen. Trotzdem ist sie für den Paragraphen 217, der die Unterstützung der Selbsttötung unter Strafe stellt. Warum?

Die Gesellschaft für Humanes Sterben fordert assistierten Suizid. Rolf Knoll, Leiter der Kontaktstelle Mitteldeutschland, hatte im Gespräch mit "Freie Presse" den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches kritisiert. Der stellt eine geschäftsmäßige Unterstützung bei Selbsttötung unter Strafe. Ärzte dürften so nicht dafür sorgen, dass Schwerstkranke friedlich einschlafen. Dieser Forderung widerspricht nun Dr. Barbara Schubert. Warum, sagt die Chefärztin der Fachabteilung für Onkologie, Geriatrie und Palliativmedizin am St. Joseph-Stift Dresden im Gespräch mit Gabriele Fleischer.

Freie Presse: Warum lehnen Sie einen assistierten Suizid ab?

Dr. Barbara Schubert: Ich halte diese Forderung für problematisch und unter Ausschöpfung der juristisch unstrittigen Möglichkeiten der Behandlung für nicht erforderlich. Ich würde nicht bei einem Suizid assistieren, weil das mit meinem Gewissen und meiner Ehrfurcht vor dem Leben nicht vereinbar ist.

Das heißt, Sie befürworten den Paragrafen 217?

Ja, dass in Deutschland eine geschäftsmäßige Unterstützung bei der Selbsttötung unter Strafe gestellt wird, finde ich richtig. Aber, und da sehe ich einen großen Unterschied, ich würde jedem Schwerkranken beim Sterben helfen. Dazu gehört es, keine lebenserhaltenden Maßnahmen einzuleiten oder diese zu beenden, wenn es der ausdrückliche Wunsch des Patienten ist.

Können Sie Schwerstkranke verstehen, die einen assistierten Suizid wünschen?

Den Wunsch, so schnell wie möglich zu sterben, kann ich bei weit fortgeschrittenen Erkrankungen ohne Aussicht auf Besserung nachvollziehen. Ich erlebe aber viele Menschen, denen jeder Augenblick wichtig ist, weil das Leben angesichts schwerer Krankheiten umso kostbarer wird. Diese Einschätzung ändert sich oft von Tag zu Tag. Jeder Mensch hat das Recht auf bestmögliche Linderung seiner Beschwerden. Deshalb ist es gut, dass die Politik eine bessere hospizliche und palliativmedizinische Unterstützung in allen Bereichen des Gesundheitswesens anstrebt.

Braucht es eine bessere Aufklärung?

Ja, und hier unterstütze ich das Anliegen der Gesellschaft für Humanes Sterben für die Achtung der Selbstbestimmung von Patienten und die Auseinandersetzung mit Patientenverfügungen. Das ist wichtig.

Warum?

Weil viele Patientenverfügungen ungenau sind. Die konkrete Situation, in der sie angewendet werden sollen, wird mitunter nicht gut beschrieben. Ich bedaure, dass der Arzt oft nicht einbezogen wird. Denn jede Behandlung braucht Aussicht auf Erfolg und medizinische Begründung, die nur der Arzt geben kann. Der Patient muss sich entscheiden, ob er einer Behandlung unter diesen Aussichten zustimmt. Und bei allen Fragen um weiterleben oder sterben wollen, braucht es die Einsicht, dass der menschliche Organismus manchmal anders reagiert, als man es nach bestem Wissen und Gewissen angenommen hat.

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