Papa, musst du schon wieder los?

In Sachsen gibt es etwa 140.000 Berufspendler. So ein Leben ist nicht leicht. Ein Beispiel zeigt, wie die Familie zusammenhalten kann.

Als sie noch klein war, fand Kim* die Sonntagabende schrecklich. Denn dann packte ihr Papa Christian* seine Hemden und Anzüge in den Koffer und bereitete sich auf die nächste Woche vor, die er zum großen Teil wieder nicht bei seiner Familie verbringen würde. Jetzt ist das Mädchen fast 14. Im Juni hat sie Jugendweihe. Ihr Vater pendelt immer noch, seit inzwischen zwölf Jahren. Kims Bruder Theo* ist elf. Er kennt das gar nicht anders.

Der Vater ist Außendienstmitarbeiter einer großen Firma. Seine Familie lebt in Dresden, aber sein Einsatzgebiet variiert: Mal ist es Westthüringen, jetzt gerade Berlin. "Die Entfernungen sind zu weit, um jeden Tag zu pendeln. Deshalb schlafe ich zwei bis drei Nächte pro Woche im Hotel und kann nicht zu Hause sein", sagt er.

Christian ist einer von 140.583 Menschen, die in Sachsen wohnen, aber außerhalb des Freistaates arbeiten. Laut Statistischem Landesamt pendeln mit 20 Prozent die meisten von ihnen nach Bayern. 17,5 Prozent fahren nach Sachsen-Anhalt, je zwölf Prozent nach Thüringen oder ins Ausland. Unterwegs sind hauptsächlich die Männer. Sie arbeiten vor allem im produzierenden Gewerbe, im Handel oder Verkehr. In manchen Landkreisen wie Leipzig, Nordsachsen oder Sächsische Schweiz-Osterzgebirge pendelt fast jeder zweite Beschäftigte in ein anderes Bundesland. Viele kommen jeden Abend heim. Aber wegen des weiten Arbeitsweges sind sie oft erst so spät da, dass sie von der Familie kaum etwas mitbekommen. Was macht das mit den Kindern, mit den Müttern und Vätern?

"Kinder kommen damit besser zurecht, wenn sie es nicht anders kennen. Sie haben mehr damit zu ringen, wenn sich die Situation erst ergibt und sich ihr Bezugssystem ändert", sagt Christiane Böhme. Die Kinder- und Jugendpsychologin arbeitet als systemische Familientherapeutin bei der Stadtmission Dresden. Für diese Kinder sei es wichtig, dass die Eltern ein gutes Team sind. "Wenn Papa nicht da ist, fehlt er mir. Dann kitzelt mich keiner durch oder macht Quatsch mit mir. Und mir tut es leid, dass er immer alleine essen muss und sein Platz bei uns leer ist. Aber irgendwie habe ich mich auch daran gewöhnt", sagt Theo. Seine Schwester hat in der Abwesenheit inzwischen auch einen Vorteil erkannt: "Es ist cooler, wenn Papa zu Hause ist. Aber wir würden wahrscheinlich häufiger streiten, wenn er immer da wäre", sagt sie.

Kommt der Vater an den Wochenenden zurück, bereitet auch das in manchen Familien Stress. Je nach Alter können Kinder verschiedene Reaktionen zeigen, schildert das Familienportal familie.de. Während Babys und Kleinkinder fremdeln und sich nur von Mama trösten und ins Bett bringen lassen, reagieren Kindergartenkinder mitunter trotzig und beleidigt, weil Papa nicht da war. Schulkinder nehmen den vermissten Elternteil oft euphorisch in Beschlag - oder empfinden ihn als Konkurrenz, weil Aufmerksamkeit und Zuwendung der Mutter nicht mehr nur dem Kind gelten.

"Das haben wir in Abstufungen alles erlebt", sagt Christians Frau Birgit. Da die Großeltern weit weg wohnen, schultert sie die familiären Aufgaben allein, wenn ihr Mann nicht da ist: Erziehung, Haushalt, Arzttermine, Hausaufgaben, Freizeitorganisation. Psychologen nennen das Familienarbeit, die zusätzlich zur Erwerbsarbeit anfällt. Dr. Lidija Pietzsch vom Frauenförderwerk Dresden vergleicht die Situation von Pendlerfrauen mit der von Alleinerziehenden: "Sie haben die gleichen Belastungen." Allerdings blieben vielen von ihnen finanzielle Sorgen erspart - und über Leitlinien in der Erziehung könnten sie sich mit ihrem Partner auch abstimmen.

"Trotzdem steht die Mutter sehr unter Zeitdruck und ist vor allem abends einer Flut von Anforderungen ausgesetzt", sagt Heike Schuster. Die Diplom-Psychologin leitet die Erziehungs- und Beratungsstelle der AWO in Kamenz. "Das ist unser Alltag, die Kinder und ich sind ein eingespieltes Team. Es ist okay, aber nicht immer leicht. Andere Familien, in denen der Vater nur am Wochenende da ist, trifft es viel härter", sagt Birgit. Was fällt ihr am schwersten? "Abends allein zu sein. Und, als die Kinder noch kleiner waren, nicht einfach mal ausgehen und Freunde treffen zu können. Ich war oft einsam."

Für Psychologin Christiane Böhme liegt genau darin eine Prüfung für das Paar. Abwesenheit und Einsamkeit führen ihrer Erfahrung nach in vielen Pendlerbeziehungen nach vier bis sechs Jahren zur Trennung. Je länger die Pendelei anhalte, und je mehr Kinder da seien, desto unzufriedener wären die Frauen. Morgens Mutter, am Tag Angestellte, nachmittags und abends Mutter - das reiche vielen auf die Dauer nicht aus. "Viele arbeiten in Teilzeit und können oft nicht an Firmenevents oder Stammtischen teilnehmen, weil sie die Kinder nicht alleine lassen können. Dadurch sind sie auch sozial nicht so integriert", sagt Böhme. Auch wenn beide Partner anfangs einverstanden mit einer Pendlerbeziehung gewesen seien, sollten sie daher hin und wieder prüfen, ob die Situation noch passt und richtig ist. "Denn das ändert sich."

Christian versucht, so oft wie möglich zu Hause zu sein. Die Familie hat einen gemeinsamen Whats App-Chat eingerichtet, über den Botschaften hin- und hergehen. "Kannst du mich nach Klavier abholen?", steht da. "Darf Karl heute zum Spielen kommen?" Oder: "Räumt bitte die Spülmaschine aus!" Der Vater kommentiert die Nachrichten aus der Ferne und schickt Fotos. "So kriege ich mit, was daheim gerade los ist und fühle mich beteiligt", sagt er. Er mag seine Arbeit. Aber abends allein im Hotel zu sein, fühle sich oft nicht gut an. "Vor allem in der dunklen Jahreszeit fällt mir das schwer, wenn ich aus dem Hotelfenster schaue und die anderen Familien zusammen am Abendbrottisch sitzen sehe." Dann hat er Sehnsucht. Die Wolfs telefonieren jeden Abend miteinander. Das ist eines ihrer Rezepte, um sich nicht zu verlieren.

"Pendlerväter haben meist weniger Überblick über Haushalt und Erziehung", sagt Christiane Böhme. Gleichzeitig müssten sie sich häufig den Vorwurf anhören, abends frei zu haben, während die Frau nicht wüsste, wo ihr der Kopf stehe. "Was dabei oft vergessen wird, ist, dass die Väter dienstlich sehr unter Druck stehen." Hinzu komme die Fahrerei, die viele belaste. Richtig schlimm aber sei das Gefühl, außen vor zu sein: Denn Mutter und Kind teilen im Alltag alle Probleme, Freuden und Sorgen - die der Vater manchmal nicht mitbekommt. "Das ist schwer auszuhalten. Den Vätern entgeht dadurch ja auch vieles", so Schuster. Umso mehr müssten sie für die Beziehung zu ihren Kindern tun, sich für sie interessieren, aktiv nachfragen, wie es ihnen gehe und wie ihr Tag verlaufen sei. Die Familientherapeutin empfiehlt, dafür zu einem festen Zeitpunkt zu telefonieren. Väter könnten den Kindern per Skype oder Facetime eine Geschichte vorlesen oder für ein Gute-Nacht-Küsschen anrufen. "Sie können gemeinsam in den Kalender eintragen, wann Papa wiederkommt. Das hilft vor allem Vorschulkindern." Gut sei auch, einen Familienausflug in den Ort zu machen, an dem Papa die Woche über ist. Die Kinder könnten das dann besser zuordnen.

Nach zwölf Jahren ist Birgit trennungsmüde. "Ich möchte so gern mit meinem Mann mal in der Woche ins Kino oder zu einem Tanzkurs gehen. Für sowas bleibt nur am Wochenende Zeit - aber das sehen wir als Familienzeit, in der die Kinder zu ihrem Recht kommen sollen." Dennoch sieht sie ihr Leben als Pendlerfrau nicht nur negativ. "Wenn ich den Kindern eine Ansage mache, muss ich nicht ewig mit meinem Mann darüber diskutieren. Dann gilt, was ich sage." Und es freuen sich alle, wenn Christian heimkommt. "Wir haben uns immer etwas zu erzählen. Das nutzt sich nicht ab." Christian will sich in die Nähe seines Heimatortes versetzen lassen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Ganz aufs Pendeln verzichten kann er mit seinem Berufsbild nicht.

*Die Namen wurden auf Wunsch der Familie geändert.


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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    2
    VaterinSorge
    10.03.2020

    @herbert50,
    im Bericht der FP ist von Auspendlern die Rede, die seit Jahren in andere Bundes- länder fahren, um dort ihrer Qualifikation und Möglichkeiten entsprechenden Beschäftigungen nachzugehen. Das war bis vor etwa 6 - 7 Jahren sicherlich notwendig, da es hier noch keine Alternativen gab. Jetzt wandelt sich das Blatt und nun werden auch hier mehr und mehr gut qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht, die auch besser als noch vor Jahren bezahlt werden. Das hat doch nichts mit den Beschäftigten der Baiersdorf AG aus Hamburg zu tun, die ein neues Werk im Leipziger Norden errichten und dafür das alte Florena-Werk verlassen. Das fällt für mich unter Mobilität und weniger unter der im Bericht gemeinten Pendelei. Wenn ich Sonntags Abends die Ströme der Einmann (oder Frau) besetzten PKW's in Richtung Süden oder Westen sehe, was da noch so an Leuten die ganze Woche in sogenannten Zweitwohnsitzen hausen müssen, wo Familien in der Tat getrennt sind, dann frage ich mich, ob das alles so richtig ist....

  • 5
    1
    herbert50
    10.03.2020

    @VaterinSorge
    Was soll das? Egoistische Väter (und Mütter), die nur des Geldes wegen "auspendeln"? Was sollen die Mitarbeiter von Florena Waldheim sagen, denen großzügig eine Arbeit im Leipziger Norden angeboten wird? Die pendeln dann bestimmt nur, weil die zahlreichen Arbeitsmöglichkeiten in Waldheim zu schlecht bezahlt werden. Und die pendeln bestimmt nicht nur wöchentlich, sondern täglich, wie so viele vor allem aus den Gebieten Sachsens, Thüringens usw., welche in den industriell ausgedünnten Heimatregionen keinen Job mehr finden.

  • 13
    17
    VaterinSorge
    09.03.2020

    ich habe so viel Elend und Leid durch die Pendelei bei Familien, den Kindern und vor allem den wirklich allein gelassenen Müttern und Frauen gesehen. Ich möchte das auch gar nicht mehr wahrnehmen, denn die aus meiner Sicht oft egoistischen Väter verteidigen schon völlig besessen und blind ihre Motivation zum wöchentlichen auspendeln. Ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, dass es noch wirtschaftlich notwendig ist, denn außerhalb wohnen, die Fahrzeiten und der ständige Drang immer allen zeigen zu müssen, wie gut es ihnen dabei geht, kostet auch eine menge Geld und wertvolle Lebenszeit. Für unsere Kinder sind das auch keine guten Beispiele, denken sie doch oft, es würde keine Alternativen geben, außer studieren und kinderlos bleiben. Wir sollten mehr die 90 % der Berufstätigen in den Focus rücken, die nicht auspendeln, sich um Familie, Haus und Kinder kümmern und auch ein glückliches Leben, vielleicht mit etwas kleineren Brötchen führen. Den Arbeitgebern sei gesagt: Es sind zuverlässige, gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter nötig, um den Bedarf an hochwertigen Produkten und Dienstleistungen zu decken. Man sollte jetzt die Gunst der Stunde nutzen und seine Verdienstmöglichkeiten und Angebote den süddeutschen anzupassen. Sonst kann man Wettbewerbsfähigkeiten nicht erhalten. An Kaufkraft und Marktpotential kann nur jeder Einzelne was ändern, indem er sein Geld bewusst in der Region lässt und es weder bei den Amerikanern, Chinesen oder anderswo ausgibt, noch seine Erfüllung in Kreuzfahrten oder Städtereisen sieht. Schafft Euch ein schönes zu Hause und pflegt gute Kontakte zu Familie und Nachbarn. Das ist nachhaltig und verhindert pendeln.