Pflegemutter: Er gehört zu uns

Pflegefamilien sind immer schwieriger zu finden. Dabei wächst der Bedarf stetig. Eine Familie aus der Nähe von Chemnitz erzählt, warum sie einen Jungen aufgenommen hat.

Chemnitz.

Als sie noch studierte, hat Dorothee Fischer über das Thema Pflegeeltern selbst eine Forschungsarbeit verfasst. Sie wollte von mehreren Paaren wissen, weshalb sie ein fremdes Kind bei sich aufnehmen, welche Erfahrung sie damit machen. Die Familien, so erinnert sich Dorothee Fischer, hatten es nicht leicht: "Die Belastung war enorm." Das Fazit, das die Studentin der Sozialen Arbeit damals für sich zog, mündete in der Frage: "Warum tun sich Menschen so etwas an?"

Heute ist es an den Menschen, sie zu fragen, warum sie und ihr Mann sich dazu entschieden haben, ein fremdes Kind so bei sich aufzunehmen, als wäre es ihr eigenes. Und es ist an ihr, die Frage zu beantworten: Warum tut man sich so was an?

Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege, so heißt es im Sozialgesetzbuch, bietet Kindern oder Jugendlichen eine zeitlich befristete Erziehungshilfe oder eine auf Dauer angelegte Lebensform. Grund: Die leiblichen Eltern sehen sich nicht in der Lage, ihr Kind allein großzuziehen. "Es handelt sich um Eltern in einer Notsituation", erläutert Theresa Schmotz vom Sächsischen Sozialministerium. Die Betroffenen litten unter schweren Lebenskrisen, könnten aber nicht auf ausreichende Unterstützung zurückgreifen. Die Folgen: Die Eltern sind mit der Erziehung überfordert, das Wohl des Kindes ist gefährdet. Theresa Schmotz: "Überwiegend handelt es sich um Kinder, deren Elternteil allein lebt." Und das Problem wächst kontinuierlich. Lebten 2009 im Freistaat noch 2185 Kinder in Pflegefamilien, waren es 2018 bereits 3518. Ein Anstieg von mehr als 60 Prozent. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Pflegefamilien zu finden.

Auch für Dorothee Fischer und ihren Mann Sten war es ein weiter Weg bis dahin. Sie wohnen auf dem Land, ein idyllisches Dörfchen, Natur vor der Haustür, bis Chemnitz gut 45 Minuten. Drei Generationen unter einem Dach. Die Mahlzeiten gibt es gemeinsam. "Ich genieße das", sagt Dorothee. Ein perfekter Ort für Kinder. Möglichst viele wollten sie haben. Erst bekamen sie ein Mädchen, dann einen Jungen. Doch dann war Schluss. "Aus medizinischen Gründen konnten wir kein weiteres Kind bekommen. Das Risiko für mich wäre einfach zu hoch." Sie versuchten, ihren Frieden damit zu machen, aber im Hinterkopf beider blieb der Gedanke an ein weiteres Kind. Als 2015 viele auch minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland kamen, erwogen sie, einen aufzunehmen. Das zerschlug sich, aber der Funke brachte die Kerze zum Brennen. Eine Kollegin schließlich gab den Impuls. Sie kannte jemanden, der jemanden kannte. So wurden sie Pflegefamilie.

Wenn auch keine normale. Sondern eine sogenannte Erziehungsstellenfamilie. Das sind Pflegefamilien, bei denen die Kinder nach Einschätzung der Behörden gesonderter Förderung bedürfen. So muss die Pflegemama oder der Pflegepapa eine pädagogische oder therapeutische Ausbildung haben. Zu den Pflichten kommen etwa Therapietermine hinzu. "Oft sind es traumatisierte Kinder und Jugendliche, manchmal auch behinderte junge Menschen, die, wenn alles gut läuft, bis zur Volljährigkeit in ihrer Ersatzfamilie bleiben können", berichtet Heike Noack. Die Mitarbeiterin beim Verein Freundeskreis Indira Ghandi vermittelt Erziehungsstellen-Familien, bereitet sie genau vor und begleitet sie. "Immer haben die Kinder Erfahrungen mit biografischen Brüchen gemacht", sagt Heike Noack. "Viele wurden daneben vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht." Manche hatten bereits im Mutterleib Kontakt mit Alkohol oder Crystal. "Seltener haben wir es mit behinderten Eltern zu tun, die ihre Kinder lieben und gern für sie da sein möchten, es aber aufgrund der eigenen Einschränkungen nicht leisten können."

Der fünfjährige Paul*, der nun seit etwa einem Jahr bei Familie Fischer lebt, ist etwa sprachlich noch nicht altersgerecht entwickelt. Das liegt an eingeschränktem Hörvermögen. Seine leiblichen Eltern können sich nicht um ihn kümmern, mehrere Jahre lebte Paul bei einer Kurzzeitpflegefamilie, bis die passenden Pflegeeltern gefunden waren. Behutsam bereiteten sich alle Seiten vor, lernten bei Besuchen einander kennen. Auch die leiblichen Eltern wurden und werden einbezogen. Wie die neuen "Geschwister". Bevor Paul einzog, sortierten sie von sich aus Sachen aus dem Schrank, um Platz zu schaffen. Auch das neue Bett haben sie mit aufgebaut. "Für sie ist es genauso mitgewachsen", sagt Dorothee Fischer. Trotzdem war der neue Alltag eine Herausforderung, erzählt sie. Plötzlich fand er sich als Sandwichkind wieder. Er sollte in den Kindergarten, Paul aber durfte daheimbleiben. Eine schreiende Ungerechtigkeit für ihn. "Seitdem aber beide in die Kita gehen, haben sich viele Rangeleien in Luft aufgelöst." So hielt der Alltag Einzug. Dorothee Fischer: "Ich weiß jetzt, dass Paul zu uns gehört." Schaut er jemanden aus seinen großen Augen an, lässt er Herzen schmelzen. "Die Schwiegereltern waren sofort in ihn verliebt." Dorothee Fischer konnte noch einmal in Elternzeit gehen, hat nun auch mehr Zeit für die eigene Familie. Da macht der pandemiebedingte Notstand auch nicht so viel aus. "Ich empfinde es nicht als Last, dass die Kinder da sind." Natürlich taucht in schwachen Momenten dann und wann doch einmal die Frage auf, warum man sich das alles antut. Dorothee Fischer: "Ich bin ja nicht allein. Mein Mann ist auch noch da. Bisher haben wir die Frage immer so beantwortet: Das ist richtig, was wir machen. Wir hoffen, dass er, solange es geht, in unserer Familie bleiben kann." Anfangs wachte Paul oft mitten in der Nacht auf, rief nach ihr. "Ich wollte nur sehen", sagte er dann, "dass du noch da bist." Inzwischen weiß er das.

Informationen über Voraussetzungen und Pflegesätze geben die Jugendämter. Unter publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11833 findet sich eine Broschüre im Netz. Auch freie Träger vermitteln und begleiten Pflegeeltern, etwa der Verein Lebenshaus Lichtenstein (info@lebenshaus.org, 037204 60188), die Caritas Chemnitz (pflegeeltern@caritas-chemnitz.de, 0371 49529895), der "Familienfinder" beim Freundeskreis "Indira Ghandi" Chemnitz (familienfinder@freundeskreis-kinderheim.de, 0371 7510086). Auf der Suche nach Familien für Erziehungsstellen ist Heike Noack vom Freundeskreis (noack@freundeskreis-kinderheim.de, Tel: 0371 56070241).

www.freiepresse.de/pflegefamilie

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