Pro und Kontra: Ist Langeweile etwas Schlechtes?

Viele haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie einfach mal nichts tun. Zu Recht?

Ja, Langeweile ist eine teure Erfolgsbremse,

meint Joachim Brockpähler.

Oh ja, denn die Produktivität wäre ohne Langeweile erheblich höher. Sie ist eine sehr teure Erfolgsbremse. Langeweile kann sogar krank machen. Ein solches Boreout ist wissenschaftlich noch wenig erforscht, da die Betroffenen meist im Verborgenen bleiben. Wer will sich schon die Blöße geben und seinem Chef signalisieren, dass er unterfordert ist. Dabei wäre genau das angesagt, wenn die Negativspirale nicht langfristig zur Krankheit führen soll. Und Mitarbeiter, die nach mehr Arbeit verlangen, machen sich beliebt.

Verrückt wird es aber, wenn es gar nicht auffällt, dass Mitarbeiter Däumchen drehen und viel Zeit für sich und vieles andere haben, aber nicht für das, wofür sie bezahlt werden. Es ist die Verantwortung der Arbeitgeber, Sorge dafür zu tragen, dass die Beschäftigten sinnvoll beschäftigt sind. Das Arbeitsschutzgesetz des Bundes gebietet ihnen, im Rahmen der sogenannten Gefährdungsbeurteilungen arbeitsplatzspezifische Kontrollmechanismen zu verankern, mit denen man checkt, ob man im grünen Bereich ist beziehungsweise was zu unternehmen ist, um dorthin zu kommen. Seit 2013 erstreckt sich diese Verantwortung auch auf psychische Belastungssituationen. Es liegt an den Betriebsräten und Personalräten, Sorge zu tragen, dass die verschiedenen Interessen der Beschäftigten dabei berücksichtigt werden.

Nichts ist schöner und motivierender für Arbeitgeber und Beschäftigte, als miteinander Erfolg zu haben. Erfolge ohne übertriebenen Stress drücken sich in Umsatzzahlen, in guten Rankings, in Innovationen, in einer guten Außenwahrnehmung, in einem kooperativen Betriebsklima und häufig spürbaren Glückshormonen aus. Das soll es wert sein, immer wieder zu überlegen, ob man besser werden kann.


Nein, Langeweile ist heute viel zu selten,

meint Dr. Ilona Bürgel.

Im Gegenteil. Langeweile ist Voraussetzung für ein glückliches und gesundes Leben. Wir empfinden Langeweile, wenn wir nichts zu tun haben und nichts mit uns anzufangen wissen. Das ist leider heutzutage viel zu selten. Wir leben in einer Zeit der Aktivität, manchmal Hyperaktivität. Egal ob im Beruf oder privat: Wir sind getrieben vom Erfüllenwollen von Aufgaben und Verpflichtungen. Es soll alles funktionieren, deshalb funktionieren wir. Um all das zu schaffen, was wir uns vornehmen, sind wir nicht nur ständig aktiv, sondern wir strengen uns immer mehr an. Wir sind ungeduldig und unruhig, wenn wir glauben, es ist nicht genug geschafft.

So zu leben, bringt durchaus Erfüllung. Vergessen wird bei dieser Lebensweise aber, dass die Medaille zwei Seiten hat. Die heutige Zeit betont die männliche, aktive, Yang-Energie und verlernt, dass es zum aktiven Tag die ruhige Nacht gibt, dass dem lebendigen Sommer ein stiller Winter folgt. Geduld, Ruhe, Erholung, langsam sein, abwarten - das sind Yin-Qualitäten, die uns abhandengekommen sind. Dazu gehört auch das Nichtstun und sich dabei zu langweilen. Für ein funktionierendes Ganzes benötigen wir beides. Nach dem Erfolg muss auch eine Erholung folgen. In vielen Unternehmen folgt aber auf eine Umstrukturierung die nächste. Dann wundern wir uns, dass wir erschöpft sind. In vielen Familien wird neben dem Renovieren noch die Weltreise geplant und der Kalender vollgestopft mit schönen Dingen. So bleibt kein Raum für das Genießen und Verarbeiten des Erlebten. Ich plädiere sogar für das Organisieren von Langeweile. Nur "zu sein" und die damit einhergehende Ruhe und Stille auszuhalten, bedarf der Übung. Jeder selbst und die Gesamtgesellschaft werden von entspannten Menschen profitieren.


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