Pubertiere sind ein Geschenk

Der Schriftsteller Jan Weiler hat mit seinen Büchern über das Erwachsenwerden einen Nerv getroffen. Ein Gespräch über Ordnung, Erziehung und viel Gefühl.

Herr Weiler, Ihre Pubertier-Bücher sind in den Bestsellerlisten. Nach dem gleichnamigen Kinofilm gibt es nun auch eine Fernsehserie. Hatten Sie diesen Hype erwartet?

Nein. Obwohl es eigentlich naheliegt, denn die Pubertät betrifft alle irgendwo - Eltern und Großeltern haben sie erlebt, und die Kinder stecken vielleicht mittendrin. Keiner kommt daran vorbei. Auf meinen Lesereisen sagen viele, dass sich das genauso bei ihnen zu Hause abgespielt haben könnte. Ich wollte dieses große Thema gerne humorvoll darstellen.

Die Pubertät ist für Sie also kein ernstes Problem?

Doch, ein sehr ernstes sogar. Denn die Pubertät ist eine Zeit fortgesetzten Kummers. Zum Beispiel, weil sich der Körper nicht so entwickelt, wie es sich die Kinder wünschen. Sie haben Zukunftsängste, Eltern und Lehrer fördern das und machen zusätzlich Stress. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch mal darüber lachen darf. In meine Lesungen kommen ganze Familien, denn die meisten Witze gehen ja auch auf Kosten der Eltern. Alle amüsieren sich, bevor sie sich auf der Heimfahrt wieder zanken, weil vielleicht die Hausaufgaben noch nicht fertig sind.

Ein sensibles Thema. Wenn Eltern auf die Straße gingen, um gegen Hausaufgaben zu protestieren, würden Sie sich ihnen anschließen?

Ja, obwohl meine Kinder auf eine Schule gehen, wo es keine Hausaufgaben gibt. Eine Montessori-Schule. Es gibt bei uns mit der Schule praktisch nie Stress. Die Kinder können rausgehen, wenn sie keine Lust haben, und der Lehrer lobt sie trotzdem. Doch Jahre später stellen sich vielleicht Lücken heraus, die sie dann schließen müssen, weil sie bei dem Thema damals rausgegangen sind. Aber meine Überzeugung ist: In der Schule muss erarbeitet werden, was wichtig ist, auch mit Ernsthaftigkeit und Konsequenz. Zu Hause jedoch sollten die Kinder freihaben und Kind sein dürfen. Eltern berichten mir oft von den verzweifelten Gestalten, die stundenlang über ihren Aufgaben sitzen, obwohl sie eigentlich längst nicht mehr können. Bildung sollte ein Geschenk sein und keine Strafe.

Strafe ist das nächste Stichwort mit viel Konfliktpotenzial. Wie konsequent sollten Eltern sein?

Oh, das weiß ich nicht. Ich bin nur Vater, kein Pädagoge. Aber ich weiß, dass viele Eltern Strafe mit Rache verwechseln. Ein Beispiel? Die pubertierende Tochter weigert sich, mit zum Geburtstag des Großvaters zu gehen. Sie hat keine Lust, möchte sich lieber mit ihrer Freundin treffen. Ihr Vater ist sauer, weil sie dem alten Herrn keinen Respekt zollt und ihn nicht sehen will. Zur Strafe nimmt er der jungen Dame das Handy weg. Ist das die richtige Strafe dafür? Wohl kaum, denn das Telefon hat nichts mit der Geburtstagsfeier zu tun. Es ist also Rache. Wie im Sandkasten: Ich nehme dir dein Förmchen weg, ätsch! Die richtige Strafe wäre, die Tochter aufzufordern, den Opa anzurufen, sich für ihr Fernbleiben zu entschuldigen und das auch zu begründen.

Eltern sind nicht ohne Fehler. Auch die Vaterfigur in Ihrem Buch macht eigentlich alles falsch, was geht. Sind die Geschichten Ihnen und Ihren Kindern wirklich so passiert?

Das Wenigste davon ist selbst erlebt. Meine Kinder haben Persönlichkeitsrechte, und die möchte ich schützen. Ich kann sie nicht vorführen wie Zirkuspferde. Meine beiden sind zwar auch in dem bewussten Alter, aber sie sind anders drauf, haben andere Interessen. Ich versuche, die Geschichten von meiner Familie weit wegzuhalten.

Dafür klingen sie aber authentisch.

Sind sie ja irgendwie auch. Die Anregungen kommen von Freunden, Nachbarn, Verwandten oder einfach aus der Umwelt. Die Geschichten überzeichne ich dann so stark, dass sich im Prinzip jeder darin wiederfindet und keiner persönlich an den Pranger gestellt wird. Ich erinnere mich auch, wie ich die Zeit selbst erlebt habe, und versuche, den Gefühlen von damals hinterherzuspüren, die ich in bestimmten Situationen hatte. Das schafft so eine neue Sensibilität. Je mehr ich mich mit der Altersgruppe beschäftige, umso besser verstehe ich die. Und ich weiß jetzt auch besser, wann ich lieber die Klappe halten sollte. Die meisten Eltern reden einfach zu viel. Das hat viel mit Unsicherheit zu tun.

Aber irgendwie müssen Eltern doch ihren Standpunkt deutlich machen?

Ja, aber sie brauchen nicht wegen jeder Lappalie über volle zehn Runden zu gehen. Das Thema Ordnung zum Beispiel.

Dieses Minenfeld nennen Sie Lappalie?

Ja, das ist es ja auch, denn meist handelt es sich um einen Zeitabschnitt von wenigen Jahren. Wichtiger als Reden ist Vorleben. Wenn ich selbst in einer aufgeräumten Bude lebe, dann bekommt das Kind irgendwann den Rappel und räumt auch bei sich auf. Predige ich aber immer wieder, dass es aufräumen soll, fördere ich den Willen des Kindes nach Autonomie - es bricht aus.

Also gar nicht mehr einmischen?

Besser als hundertmal zu sagen "Räum dein Zimmer auf!", ist es, Hilfe anzubieten. Zum Beispiel: "Wann bist du morgen zu Hause? Dann schaffen wir gemeinsam bei dir Ordnung." Auf Facebook habe ich Eltern übrigens mal aufgefordert, mir Fotos von den Zimmern ihrer Pubertiere zu schicken. Es kamen etwa 400, aber jedes sah gleich aus: Die Tür geht kaum noch auf, weil die Fußböden mit Klamotten übersät sind. Überall stehen leere Joghurtbecher, schmutziges Geschirr und halbvolle Gläser mit irgendwelchen farbigen Flüssigkeiten. Ich habe daraus einen Trailer gemacht, den ich vor meinen Lesungen zeige. Es wird viel gelacht, das bringt Lockerheit in den Alltag, denn irgendwie haben doch alle das gleiche Problem.

Wie das morgendliche Wecken - eine Schlüsselszene im Kinofilm. Jan Josef Liefers als Vater weiß sich nicht anders zu helfen, als lautstark Nana Mouskouris "Guten Morgen Sonnenschein" abzuspielen.

Das mag zwar wieder völlig überzeichnet sein, aber dieses Problem höre ich von allen Pubertier-Eltern. Zwölfmal wecken jeden Morgen, sie sind selbst fix und fertig, ehe sie zur Arbeit gehen. Wissenschaftler bestätigen dieses Phänomen. Eigentlich müsste die Schule eine Stunde später beginnen, die Kinder sind so früh einfach noch nicht wach.

Einig sind sich die Wissenschaftler da aber keineswegs. Manche sagen, dass es auch bei Jugendlichen Früh- und Spätstarter, Lerchen und Eulen gibt. Das hätte mit dem Alter gar nichts zu tun.

Theoretisch ja, aber in der Praxis stimmt das oft nicht. Mein Sohn zum Beispiel war als Kind immer früh wach, ist dafür aber auch um neun Uhr schlafen gegangen. Im Pubertätsalter ließ ihm aber sein Handy abends keine Ruhe mehr. Ständig diskutierte die Gruppe, und da möchte man dazugehören. Vor zwei Uhr kommen die oft nicht zum Schlafen und sind morgens dann nicht zu gebrauchen. Es kam der Zeitpunkt, wo er freiwillig sein Handy abends in die Küche gelegt hat. Übrigens: Die Weckszene, von der Sie sprechen, spielt sich in unserem ehemaligen Haus ab, im Zimmer von meiner Tochter. Kurz vor unserem Umzug drehten wir dort den Film.

Ich finde, die Wahl der Schauspieler ist sehr gelungen, besonders Jan Josef Liefers als Vater.

Das stimmt. Er spielt die Melancholie des Loslassens so gut. Man glaubt es ihm sofort, wie schwer es ist, plötzlich nicht mehr so wichtig im Leben seiner Kinder zu sein. Das ist vielleicht der Hauptgrund für den Zoff zwischen Alt und Jung - die Angst vorm leeren Nest.

Sie haben doch den Vergleich: Wer ist das schwierigere Pubertier - Mädchen oder Junge?

Das kommt darauf an, wie kommunikativ Sie selbst sind. Wer selbst eher maulfaul ist, kommt mit Jungen besser klar. Jungs machen viel mit sich selbst ab, das birgt aber auch Gefahren. Bei Mädchen ist man praktisch immer auf dem Laufenden, sie erzählen viel, wenn der Tag lang ist. Aber Jungen können auch anstrengend sein.

Wann denn?

Wenn sie mit uns Vätern aneinander geraten. Dann stoßen zwei Hirsche aufeinander, da geht es Geweih gegen Geweih.

Sollte man Eltern von Pubertieren nun beglückwünschen oder bedauern?

Na beglückwünschen. Pubertiere sind ein Geschenk. Sie sind eine wahnsinnige Inspiration. Mit ihnen entwickeln auch wir uns weiter. Und Pubertät ist ja auch ein bisschen das Ende der Kindheit. Es ist schon ein großes Stück des Weges geschafft, die Eltern haben schon viele mühsame Stationen absolviert. Die Pubertät ist ein Grund zum Feiern. Und irgendwann kommt der Moment, da legen einem die Kinder dann so ein kleines Wesen in die Arme, und alles geht wieder von vorne los, bloß aus einem anderen Blickwinkel.

Das liefert Stoff für neue Bücher?

Genau. Als nächstes nehme ich die "Sexy Beasts" mit 50 plus ins Visier. Wie ist das mit dem leeren Nest? Was tun Eltern, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Müssen sie dann gemeinsam Flötenunterricht nehmen? Sie dürfen gespannt sein.

Buch, Kinofilm und TV-Serie

Das Thema Pubertät hat Jan Weiler in drei Bänden aufgearbeitet: "Das Pubertier" (2014) beschreibt die spannende Lebensphase des Mädchens Carla. Es ist auch Vorlage für einen Kinofilm und eine TV-Serie.

Die Bücher "Im Reich der Pubertiere" (2016) sowie "Und ewig schläft das Pubertier" (2017) widmen sich Nick, dem jüngeren Bruder Carlas.

Eine Lesung aus "Und ewig schläft das Pubertier" mit Jan Weiler gibt es am 15. November, 20 Uhr, im Täubchenthal Leipzig.

Als Mehrteiler ist "Das Pubertier" im ZDF zu sehen. Sendetermine: donnerstags (21., 28. September, 12., 19. und 26. Oktober), 20.15 Uhr.

www.janweiler.de

Jan Weiler

Der Autor, 1967 in Düsseldorf geboren, begann zuerst als Werbetexter und absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Elf Jahre arbeitete er beim Magazin der Süddeutschen Zeitung fünf Jahre als Chefredakteur. Jetzt ist er freier Schriftsteller, lebt mit seiner Familie in Bayern und in Umbrien.

Teil 2 der Pubertier-Serie: Kinder im Ausnahmezustand

Teil 3 der Pubertier-Serie: Der alltägliche Wahnsinn

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