Schwänzen für die Urlaubskasse

Jeder sechste Ostdeutsche ist schon mal zu zeitig in die Ferien gestartet. Plant nun auch Sachsen Polizeikontrollen?

Ein paar Tage vor dem offiziellen Ferienbeginn in den Urlaub starten, sich nicht in den Stau stellen, günstigere Preise für Flüge oder Hotelzimmer ergattern - welche Eltern haben darüber nicht schon einmal nachgedacht? Vor allem, weil sich viel Geld sparen lässt. Beispiel Hurghada, Ägypten. Eine vierköpfige Familie bezahlt für elf Tage Urlaub im 4--Sterne-Hotel all inclusive ab Montag, dem 2. Juli, 2624 Euro. Reist sie fünf Tage früher an, werden nur 1576 Euro fällig. Die Familie spart 1048 Euro und hat mehr für die Urlaubskasse. Verlockend, oder? Nur leider nicht erlaubt, sofern die Kinder schulpflichtig sind.

Denn das günstigere Angebot gilt ab Mittwoch, dem vorvorletzten Schultag vor Beginn der sächsischen Sommerferien. Und da müssen Schüler nun einmal in der Schule sein, wie Roman Schulz vom zuständigen Landesamt für Schule und Bildung in Chemnitz, sagt: "Wir haben Schule bis zu den Ferien. Das regelt die Schulbesuchsverordnung. Die hohen Preise sind ein Ärgernis, aber nicht unser Problem." Wer schulpflichtige Kinder hat, grämt sich jedes Jahr aufs Neue darüber. Aber die Mehrheit hält sich an die Regeln.

Jeder sechste Ostdeutsche zieht andere Schlüsse, wie eine repräsentative Forsa-Umfrage zur Sommerreisezeit 2018 zeigt. Deutschlandweit ist es jeder Zehnte. Das Meinungsforschungsinstitut hat dafür 1510 Autofahrer interviewt. 17 Prozent der in Ostdeutschland befragten Personen hatten ihre Kinder schon einmal einen Tag früher für Urlaub aus der Schule genommen. Manche scheuten dafür auch vor fingierten Krankmeldungen nicht zurück. Wer das macht, "ohne dass eine Genehmigung der Schulleitung vorliegt, riskiert Ärger", sagt Jurist Frank Bärnhof. Formell handelt es sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit. Kommt die Lüge ans Licht, kann die Schule das Fehlverhalten schulintern sanktionieren, etwa mit Ermahnungen oder Einträgen ins Klassenbuch. Sie hat aber auch die Möglichkeit, den Fall dem Ordnungsamt zu übergeben. Dann kann ein Bußgeld bis zu 1250 Euro fällig werden, sagt Dirk Reelfs vom Kultusministerium. "Wie die Schule reagiert, ist vom Einzelfall abhängig, Blaupausen gibt es nicht", so Landesamt-Sprecher Schulz.

Generell ist eine Freistellung vom Unterricht möglich. Klassenlehrer oder Schulleiter können bei rechtzeitiger Beantragung in besonderen Ausnahmefällen das Kind bis zu drei Tage beurlauben. Das regelt die Schulbesuchsordnung. Solche Ausnahmen sind familiäre Anlässe oder Sportwettkämpfe. "Eine Urlaubsreise ist kein Grund", sagt Schulz. Wer ohne Genehmigung trotzdem verreist, missachtet die gesetzlichen Schulpflicht. Das könne nicht hingenommen werden, sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im Mai. Da hatte die bayerische Polizei für Aufsehen gesorgt, weil sie vor Beginn der Pfingstferien auf zwei regionalen Flughäfen gezielt nach Eltern mit schulschwänzenden Kindern suchte - und 20 Familien erwischte. Anzeigen beim Ordnungsamt folgten. Meidinger sprach von einem "notwendigen Schuss vor den Bug der Eltern".

In Sachsen sind solche Aktionen nicht denkbar, wie Dirk Reelfs vom Kultusministerium sagt. Weder an Flughäfen, noch an Autobahnen oder Bahnhöfen. "Derartige Kontrollen fanden in der Vergangenheit nicht statt und sind auch zukünftig nicht geplant", bestätigt Mario Laske von der Polizeidirektion Dresden, die auch für Streifen auf dem Flughafen zuständig ist. Sein Kollege Andreas Loepki von der Polizeidirektion in Leipzig sagt: "Wir werden schon aus Kapazitätsgründen nicht aus eigener Initiative aktiv, sondern agieren allein in Amtshilfe." Um die müsste in begründeten Fällen das zuständige Ordnungsamt bitten.

Ist Schwänzen für die Urlaubskasse in Sachsen also ungesühnt möglich? Wenn die Schule den Delinquenten nicht auf die Schliche kommt, wohl schon. Roman Schulz: "Wir wollen kein Klima des Misstrauens und als Staat nicht per se davon ausgehen, dass ein Betrugsfall vorliegt. Einzelfälle wird es immer geben, das wissen wir. Aber wegen weniger schwarzer Schafe können wir nicht die gesamte Elternschaft unter Generalverdacht stellen."

Kommentar: Früher buchen

Das ist wirklich fies: Pünktlich zum Ferienstart werden Flug- und Pauschalreisen deutlich teurer als noch wenige Tage zuvor. Bezahlen müssen das ausgerechnet Familien mit schulpflichtigen Kindern. Betroffen ist damit automatisch also der Teil der Gesellschaft, der ohnehin finanziell stark belastet ist - und dringend Erholung braucht. Spaß macht das nicht. Jeder, der Kinder hat, wird den Ärger kennen. Aber den Familienurlaub kurzerhand vorzuverlegen, ist - bei allem Verständnis für den Preisfrust - keine gute Idee. Eltern machen ihren Kindern so vor, dass es okay ist, Regeln zu brechen, wenn sie einem selbst gerade mal nicht in den Kram passen. Sie zeigen ihnen, dass man zum eigenen Wohl Schlupflöcher auszunutzen kann - und dass dafür sogar eine Lüge akzeptabel ist. Das ist sie natürlich nicht. Zudem sät es unter Schülern und Eltern Zwietracht.

Klar, die Preise sind ärgerlich, aber marktwirtschaftlich plausibel. Wollen viele zur gleichen Zeit reisen, verknappt sich nun mal das Angebot. Bleibt nur, früh zu buchen. Das geht zwar zulasten der Spontaneität, schont aber die Urlaubskasse. Und das Gewissen.

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4Kommentare
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  • 5
    2
    VaterinSorge
    25.06.2018

    Ja lieber Koch1942, das ist genau die Reaktion, die uns und unseren Kindern nicht weiter helfen kann und wird. Wir sollten uns jetzt zusammenreißen und mit den Pädagogen und Seiteneinsteigern versuchen, das Beste daraus zu machen, als das ganze Chaos, was wir weder zu verantworten haben noch kurzfristig lösen können, noch vor unseren Kindern auszutragen, auf Schule und Politiker schimpfen, oder gar noch anzudeuten, dass Schule nicht wichtig wäre. Selbst wenn jetzt Unterrichtsausfall oder Selbstbeschäftigung den Schulalltag prägen, darf man als erwachsener, normal denkender Mensch, als Vater, Großvater oder Mutter, Großmutter jetzt nicht die Nerven und schon gar nicht den Respekt verlieren. Man sollte sich engagieren, alternative, sinnvolle Unterrichtsformen, Exkursionen, Berufs- oder Studienorientierung, Praktika oder nützliche Arbeiten rund um das Schulgelände mit und für die Kinder anbieten, statt immer nur danach zu suchen, was nicht geht. Wenn Sie einmal direkt damit zu tun haben, wie schwierig es ist, junge Leute für die richtigen Fächerkombinationen, die richtige Schulart oder gar den richtigen Ort zu finden und dann noch dort hin zu bewegen, dann würden Sie mehr an die Kinder und deren Zukunft denken, statt noch Benzin ins Feuer zu kippen. 60.000 Menschen gehen in Sachsen jedes Jahr in Rente und nur 30.000 kommen aus den Schulen. Wer hat das wohl zu verantworten?

  • 3
    4
    koch1942
    25.06.2018

    Wenn das Land nur seiner Bildungsverpflichtung in gleichem Maße nachkommen würde! An allen Schulen fehlen ausgebildete Lehrer. Die Anzahl der Ausfallstunden, besonders in Grundschulen liegt auf einem Rekordhoch. Eltern werden mit Elternbriefen teilweise gebeten Ihre Kinder zu Hause zu betreuen, weil kein Unterricht stattfinden kann. Das ist dann wohl in Ordnung und wird akzeptiert?! Wo ist hier das Ordnungsamt? Keine Zuständigkeit... Wenn wir von Regeln und deren konsequenter Umsetzung sprechen, dann bitte für beide Seiten! Und mal Hand aufs Herz, in der letzten Schulwoche passiert fachlich ohnehin nichts mehr. Es werden Filme geschaut, Bilder gemalt und Spiele gemacht. Also liebe Bürgerpolizisten, bitte etwas mehr Augenmaß! Danke

  • 5
    0
    VaterinSorge
    25.06.2018

    Wer Kinder hat weiß, dass es nun mal dazu gehört, seinen eigenen und anderen Kindern ein Vorbild zu sein. Auch wenn man immer öfter das Gefühl hat benachteiligt zu sein, oder gar ausgenutzt zu werden. Unter dem Strich kann und muss man sagen: Es gibt nichts schöneres und wertvolleres, als seine Kinder groß zu bekommen und ihnen beigebracht zu haben, dass eben Regeln nicht dazu da sind, gebrochen zu werden. Kinder, die ständig damit konfrontiert werden, dass Eltern Regeln brechen, haben es besonders schwer in der Arbeits- Lern- und Lebenswirklichkeit zurecht zu kommen, werden zu Tyrannen oder überschreiten regelmäßig selbst Grenzen. Das sollte Müttern und Vätern bewusst sein, bevor sie versuchen, sich mit ihren Kindern eigene Gesetze zu machen. Glücklicher Weise liegen die vorzeitigen Ferienausflüge noch unter einem Prozent, glücklicher Weise wissen die meisten sächs. Eltern, was sich gehört und glücklicher Weise fühlen sich Eltern und Kinder, die das mal versuchen, anschließend nicht clever, sondern eher mies.

  • 10
    3
    vomdorf
    24.06.2018

    Und was passiert, wenn eine Schule den Antrag der Eltern nicht genehmigt ( sofern sie einen solchen stellen und ihr Kind nicht selbst vom Unterricht befreien) und sich beim LaSuB (ehem. Bildungsagentur)beschweren?
    Der Schulleiter muss Stellungnahmen schreiben und die Eltern fahren dennoch.
    Private Schulen haben es in solchen Fällen gut, denn die haben zum Teil in ihren Verträgen stehen, dass es keine Befreiung gibt. Das müsste generell so sein.



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