Siehst du mich, Mama?

Viele Eltern sind mehr auf das Handy fixiert als auf ihr Kind - mit fatalen Folgen, warnt jetzt eine Kampagne in Sachsen.

Das Handy vibriert. Nur mal schauen, wer es ist. Aus dem Augenblick werden Minuten. Das Kind in der Babyschale sucht den Kontakt zur Mutter, es rudert mit Armen und Beinen. Doch von ihr kommt keine Reaktion. Sie ist in ihre Nachrichten vertieft. Eine Situation, wie sie heute tausendfach zu beobachten ist.

"Viele finden daran nichts Falsches, doch es ist eine gefährliche Entwicklung", sagt Dr. Claus Koch, Entwicklungspsychologe am Pädagogischen Institut Berlin. Denn Kinder brauchten vom ersten Tag an die Kommunikation mit ihren Bezugspersonen - durch Worte, Blicke, Berührungen oder Gesten. "Forschungsarbeiten belegen ganz eindeutig, dass Kinder unter der mangelnden Aufmerksamkeit ihrer Eltern leiden. Ihre seelische und gesundheitliche Entwicklung wird gestört", sagt Koch.

Die Kontaktstelle für Kindertagespflege in Sachsen hat deshalb in Zusammenarbeit mit dem Institut die Kampagne "Schau mich an, sprich mit mir!" gestartet, um auf die Gefahren dieses neuen Trends hinzuweisen. Mit Plakaten in Kindereinrichtungen und Warteräumen von Kinderärzten sollen Eltern aufgerüttelt werden. "Denn die Eltern vernachlässigen ihre Kinder ja in der Regel nicht vorsätzlich. Sie sind sich nur der Tragweite ihres Handelns nicht bewusst. Und das wollen wir mit unserer Kampagne ändern", sagt Simone Kühnert, Projektleiterin der Koordinierungsstelle. Ein Erlebnis habe sie besonders nachdenklich gemacht und verdeutlicht, wie wichtig es sei, schnell gegenzusteuern: Sie beobachtete, wie eine Mutter während des Stillens mit ihrem Smartphone hantierte. Dabei sei das Stillen einer der innigsten Momente zwischen Mutter und Kind. Alles andere müsste in dieser Zeit eigentlich zweitrangig sein. Eigentlich.

Wie oft am Tag Eltern in ihrer gemeinsamen Zeit mit dem Kind durchs Smartphone abgelenkt werden, wollte Professor Brandon McDaniel von der Universität Illinois wissen. Er hat 170 Elternpaare befragt und 2017 seine Ergebnisse veröffentlicht: Fast die Hälfte gab an, dass das mindestens dreimal am Tag geschehe. Die Ergebnisse seien aufgrund der geringen Teilnehmerzahl nicht repräsentativ, zumal sie auf Selbstauskünften beruhten. Doch sie machen nachdenklich. Weitere Studien sollen folgen - auch im deutschsprachigen Raum.

Laut Claus Koch zeigt die moderne Säuglingsforschung, dass ein Kind auf Signale, die es aussendet, Reaktionen bekommen muss. "Die Initiative dazu ergreift es von selbst bereits kurz nach der Geburt. Es richtet den Blick auf seine Bezugsperson, später streckt es die Ärmchen nach ihr aus oder gluckst, um sich bemerkbar zu machen." Kommt ein freundlicher Blick zurück oder wird es auf den Arm genommen, entwickelt das Kind ein Urvertrauen und gutes Selbstwertgefühl. "Das Kind spürt, dass es wichtig genug ist, weil auf seine Signale reagiert wird." Es fühle sich verstanden und geliebt - das seien die Grundvoraussetzungen für seelisch gesundes Aufwachsen, so Koch.

Bleibe diese Kommunikation aus, würden sich Kinder zurückziehen. "Anfangs protestieren sie, schreien oder sind verhaltensauffällig. Danach folgt die Resignation", so der Entwicklungspsychologe. Das Problem dabei sei nicht alleine die dem Kind gestohlene Zeit, denn oftmals handele es sich ja tatsächlich nur um Minuten. Vielmehr scheinen die Kinder zu spüren, dass sie in der Aufmerksamkeitshierarchie ihrer Eltern weit hinter diesen geheimnisvollen Geräten rangieren.

Was sie später auch für die Kinder umso interessanter macht. Die Bundesdrogenbeauftragte bezeichnete bei der Vorstellung ihres Suchtberichts 2017 die Nutzung der digitalen Medien als das "neue Rauchen" und mahnte Eltern, ihrer Vorbildrolle gerecht zu werden.

Natürlich könnten Eltern nicht immer und in jeder Situation auf das Kind eingehen, sagt Claus Koch. "Alles andere wäre auch kontraproduktiv. Denn es gaukelt dem Kind eine Welt vor, die es so nicht gibt." Spätestens in der Kita oder Schule müsse es die Erfahrung machen, dass es nicht immer die Nummer eins ist. "Doch ein Kind, das bereits Urvertrauen entwickeln konnte, ist seelisch widerstandsfähiger und kann besser mit Enttäuschungen umgehen."

Wichtig ist also das richtige Maß. Koch: "In den ersten Lebenstagen und -wochen schlafen Kinder noch viel. Sind sie aber wach, sollten sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Bezugsperson sicher sein können." Es löse sich nach und nach von Mutter und Vater ab. "Braucht es im Krabbelalter immer noch die Rückversicherung, dass jemand in der Nähe ist, verschwindet es später auch mal aus dem Blickfeld. Das Kind wird immer mutiger, wenn es weiß, dass es nicht allein ist."

Der Psychologe will die Handynutzung nicht verteufeln. Die Geräte gehörten nun einmal zum Alltag. Sie seien dafür konzipiert, die Aufmerksamkeit anzuziehen. Ab einem gewissen Alter könne es ein Kind schon verstehen, dass ein wichtiger Anruf entgegengenommen werden muss. Doch beim gemeinsamen Essen oder bei der Gutenachtgeschichte sollte das Telefon außer Sichtweite sein. "Anrufe, die in dieser Zeit eingehen, kann man immer nachholen", sagt Koch. Es werde sicher trotz der Kampagne nicht ausbleiben, dass sich Eltern hin und wieder ablenken lassen. Ziel müsse es aber sein, diese Momente zu beherrschen. "Wir müssen dafür sorgen, dass sich unsere Kinder nicht klein und zurückgesetzt fühlen."

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