Termine beim Kinderpsychiater sind in Sachsen besonders rar

Bis Ben aus Olbernhau die richtige Diagnose bekam, vergingen sechs Jahre - kostbare Lebenszeit.

Bens* Probleme gingen in der ersten Klasse los. Er konnte sich nicht konzentrieren, war verträumt und ließ sich schnell von Nebensächlichkeiten ablenken - viel mehr als andere. Die Lehrerin legte seinen Eltern ein Gespräch bei der Schulpsychologin nahe. Damit begann das Warten. "Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis sie Zeit für uns hatte", sagt Bens Mutter. Sie möchte anonym bleiben. Eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) sei das Problem, hieß es damals. Ben wiederholte die erste Klasse, wechselte nach der zweiten auf eine Spezialschule für Kinder mit LRS, kehrte nach der dritten zurück und blieb wieder sitzen. Seine Probleme blieben und verstärkten sich, als die Oma schwer erkrankte und starb. Neben den normalen Hausaufgaben musste täglich nachgearbeitet werden, was Ben in der Schule versäumt hatte. "Das war ein enormes Pensum und hat uns familiär sehr geschafft", sagt die Mutter.

Wartezeiten beim Kinderpsychologen oder -psychiater gibt es in ganz Deutschland. "Aber in Sachsen ist es im Bereich Psychiatrie besonders schwierig, vor allem im ländlichen Raum", sagt Renate Schepker von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dabei lasse gerade die kindliche Entwicklung keinerlei Verzögerung zu. Fast alle Untersuchungen zeigten, dass zu spätes oder falsches Handeln im Kindes- und Jugendalter massive Folgen habe. "Sie können oft nicht mehr ausreichend behoben werden", sagt Professor Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden. Weder für Notfälle noch für andere dringende Probleme stünden ausreichende Kapazitäten und Geld zur Verfügung. Das sei beschämend für ein so reiches Land.

Dabei mangelt es vor allem an Personal. "Aus unserer Sicht muss mehr getan werden, um das System attraktiv zu machen", so Renate Schepker. Die hohe Fluktuation verlängert die Wartezeiten zusätzlich. Schlimm sei die Situation an den Kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken in Arnsdorf bei Dresden, Rodewisch und Mittweida. Dort müssten Kinder monatelang auf eine stationäre Behandlung warten. Zudem sei die ambulante Versorgung mangelhaft. Auch die wenigen niedergelassenen Kollegen könnten es nicht richten, selbst wenn sie ihr Bestes gäben, so Schepker.

Bens Mutter hat sich immer wieder um Termine bei Schulpsychologen sowie in Olbernhau und Marienberg um Termine bei Kinderpsychotherapeuten bemüht. "Jedes Mal hat das mehrere Monate gedauert", sagt sie. Ben war zwölf, als sie den Tipp bekam, sich an ein Autismuszentrum zu wenden. Acht Wochen später saßen sie in der Kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik in Dresden. Viele Gespräche mit der Psychiaterin und Tests folgten, bis die Diagnose endlich feststand: Ben hat autistische Züge, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) und LRS. Viele Kinder leiden unter Anpassungsstörungen. Betroffene haben - wie Ben - verschiedenste Probleme, die keine typische, psychiatrische Erkrankung darstellen. "Verhalten und Emotionen des Kindes passen nicht zur Familie, zur Schule oder zur Kita. Das führt zu etlichen, rein pädagogisch nicht lösbaren Problemen", erklärt Rößner. Bei einem Teil seien das bereits Vorboten einer späteren psychiatrischen Erkrankung, wie Angst, Depression, Ess- oder Zwangsstörung. Bei einem anderen Teil seien es leichtere Ausprägungen von ADHS, Störungen des Sozialverhaltens und emotionale Probleme.

Eltern, die das Gefühl haben, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt, sollten Hinweise von anderen Eltern, Verwandten, Lehrern oder Erziehern ernst nehmen. Mit ihnen können sie besprechen, was beim eigenen Kind anders als bei Durchschnittskindern in ähnlichen Situationen ist, rät Rößner. Nur durch Informationen könnten sie ein Gefühl entwickeln, ob es ein Problem gebe und wie stark es sei. Dann sollten sie professionelle Hilfe suchen. Generell gilt: Je eher, desto besser.

Im sächsischen Sozialministerium sieht man die Lage durchaus kritisch. Personalprobleme gebe es vor allem bei Fachärzten, heißt es. Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Sachsen lockt nun mit Geld. Acht Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sollen mit einer besonderen Förderung für die Übernahme einer Praxis gewonnen werden. Dafür lobt der Ausschuss einen Investitionszuschuss von 60.000 Euro sowie einen garantierten Mindestumsatz für zwei Jahre aus. Gesucht wird je ein Facharzt in Chemnitz, im Erzgebirgskreis, in Mittelsachsen sowie fünf Ärzte für den Bereich Oberlausitz-Niederschlesien.

Jetzt ist Ben 14 Jahre alt. Seit einem reichlichen Jahr nimmt er Tabletten, die seine Konzentrationsfähigkeit steigern. Seither läuft es in der Schule wesentlich besser. Der Junge ist aufgeblüht, so als sei ihm eine große Last genommen, sagt seine Mutter. Er besucht die sechste Klasse. Gleichaltrige sind in der Achten. "Wir waren rührig und haben uns immer wieder um Lösungen bemüht. Was wird aber aus Kindern, deren Eltern sich nicht so kümmern können?", fragt sie. (mit dpa)

 

* Die Namen wurden geändert.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...