Unbemerkt schwanger - geht das?

Überraschende Schwangerschaften sind häufiger als gedacht. Die Frauen haben meist ähnliche Vorgeschichten.

Friederike ist 41 Jahre alt und zum zweiten Mal schwanger. Doch das ist ihr zunächst gar nicht bewusst. Wegen starker Bauch- und Rückenschmerzen ruft sie den Notdienst und bekommt kurze Zeit später ihren zweiten Sohn. Sie ist geschockt. Wie kann das sein? Friederike hatte weder Kindsbewegungen gemerkt, noch war sie besonders dick; auch Übelkeit spürte sie nicht. Die teils ausgebliebene Regelblutung und das Spannen in der Brust schrieb sie den beginnenden Wechseljahren zu. Oder dem Jobwechsel.

"Unbemerkte oder verdrängte Schwangerschaften sind gar nicht so selten", sagt Dr. Ilka Lennertz, Psychologin an der Klinik für Psychosomatik der Uniklinik Dresden. Sie leitet ein Forschungsprojekt, um genauere Erkenntnisse über dieses Phänomen zu gewinnen. Frauen, denen so etwas passiert ist, erlebten in ihrem Umfeld viel Unverständnis und Häme. Etwa eine von 500 Frauen merkt erst nach der 20. Woche, dass sie schwanger ist. Bei manchen - wie bei Friederike - dauert es sogar bis zur Geburt. Das passiert etwa bei jeder 2500. Entbindung und ist damit häufiger als die Geburt von Drillingen. Deutschlandweit betrifft das pro Jahr 1500 Frauen. "Das hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Verdrängte oder unbemerkte Schwangerschaften gibt es in allen sozialen Schichten und Altersgruppen", sagt Dr. Johanna Kunze. Sie ist Chefärztin der Klinik Carolabad Chemnitz, einer psychosomatischen Klinik, die auf die Behandlung von Schwangeren oder Müttern in psychischen Krisensituationen spezialisiert ist. Die Kinder, die auf diese Weise geboren werden, sind jedoch in großer Gefahr. "Denn oft sind die Frauen bei der Geburt allein und können sich nicht um das Baby kümmern."

Ilka Lennertz hat Frauen mit verdrängter Schwangerschaft befragt. "Die meisten haben tatsächlich nichts davon gespürt." Bei ihnen hätten andere Probleme und Belastungen die Zeit der Schwangerschaft so stark überlagert, dass der Gedanke schnell wieder verdrängt wurde. "Im Nachhinein ist es für die Betroffenen selbst schwer nachvollziehbar. Sie haben zwar schon von dem Phänomen gehört, aber niemals geglaubt, dass es ihnen passieren könnte", so Lennertz. Zudem kennen viele Frauen Schwankungen bei ihrem Körpergewicht von mehreren Kilogramm. Schnell wird dafür eine plausible Erklärung gefunden. Oft sind bei Ihnen die Kinder klein und leicht, auch der Bauch wächst nicht so stark. In der Forschung heißt das Silhouetten-Phänomen. "Wir nehmen an, dass sie unbewusst ihre Bauchmuskeln anspannen."

Das Phänomen der überraschenden Geburt tritt aber nicht nur bei Frauen auf, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken. Manche Frauen wissen auch von ihrer Schwangerschaft, wollen sich aber niemandem anvertrauen, weil ein Kind gerade nicht sein darf. Entweder sind sie zu jung oder die Familiensituation ist zu chaotisch. Vielen gelingt es, das Geheimnis bis zur Geburt aufrechtzuerhalten. Seit 2014 gibt es für sie die vertrauliche Geburt. Die Frau entbindet unter medizinisch sicheren Bedingungen, muss ihre Identität aber nur einer an die Schweigepflicht gebundenen Beraterin nennen. Diese nimmt die persönlichen Daten der Frau auf, damit das Kind ab dem 16. Lebensjahr seine Herkunft erfahren kann. Die Frau selbst muss ihre Geburt nur unter einem Pseudonym anzeigen.

Ob verdrängte oder unbemerkte Schwangerschaft - die Frauen haben meist etwas gemeinsam. "Sie befanden sich bereits vor der Schwangerschaft in einer Krise, zum Beispiel aufgrund von Jobverlust oder einer Trennung", sagt Lennertz. Auch Krisen im Zusammenhang mit einem Kinderwunsch seien nicht selten. "Nach einer Fehlgeburt oder einer erfolglosen Kinderwunschbehandlung wird manchmal eine Schwangerschaft verdrängt - aus Angst, wieder einen Verlust zu erleben." Ilka Lennertz hat noch eine andere Gemeinsamkeit beobachtet: "Wenn man das Leben dieser Frauen anschaut, kommen sie häufig aus Familien, in denen Konflikte nie offen ausgetragen wurden." Probleme wie eine Alkoholsucht wurden lieber totgeschwiegen. So ein Muster setze sich über Generationen fort. "Alle in der Familie sind ziemlich gut darin, die perfekte Fassade aufrechtzuerhalten." In Krisensituationen könnten sie sich dann niemandem öffnen.

Etwa 80 Prozent dieser Frauen können ihr Kind annehmen, nachdem sie sich vom ersten Schock erholt haben. Auch die Familien reagierten meist positiv, sagt Ilka Lennertz. "Der Kontakt zum Kind wird langsam angebahnt, damit sich eventuell eine Bindung aufbauen kann." Psychologen machen den Frauen dazu nach der Entbindung Gesprächsangebote. Wichtig sei es, nicht auf eine Entscheidung zu drängen. Sie brauche Zeit.

Friederike hatte den festen Willen, ihrem zweiten Sohn eine gute Mutter zu sein. Doch Muttergefühle wollten sich nicht einstellen. "Sie habe für ihn wie für einen kleinen Bruder empfunden, aber nicht wie für ein Kind", berichtet Johanna Kunze über ihre Patientin. Friederike hat ihn in eine Pflegefamilie gegeben, damit er die Chance hat, geliebt aufzuwachsen. "Auch das kann eine verantwortungsvolle Entscheidung sein."

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