Ungewollt kinderlos: jedes sechste Paar ist davon betroffen

Sachsen stellt in diesem Jahr mehr Geld für künstliche Befruchtungen bereit. Dafür gibt es gute Gründe.

Dresden/Chemnitz. Jedes sechste Paar mit Kinderwunsch in Deutschland ist von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Dies schätzt der Frauenarzt Dr. Hans-Jürgen Held vom Kinderwunschzentrum Dresden, der im Quartal rund 2000 Patienten betreut und sich seit mehr als 40 Jahren mit diesem Fachgebiet beschäftigt. Und es werden immer mehr Deutsche, die vergeblich versuchen, ein Kind zu bekommen. Hauptursache dafür ist, dass sich Paare heute aus beruflichen oder privaten Erwägungen später entschließen, eine Familie zu gründen. Vor allem trifft das auf Frauen und Männer mit hoher Qualifikation und beruflichen Ambitionen zu. Das hat eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergeben. Zudem fürchteten sich Frauen davor, nach dem Babyjahr nicht wieder in ihren Beruf einsteigen oder nach einer Unterbrechung weniger Verantwortung übernehmen zu können. Das sei häufig mit deutlich geringerem Verdienst verbunden. Deshalb, so die Studie, wünschen sich Frauen zunehmend erst später Nachwuchs.

"Dann ist es aber für viele zu spät", sagt Dr. Rüdiger Andreeßen, Fachmediziner aus Berlin. Die weibliche Fruchtbarkeit nehme bereits ab dem 30. Lebensjahr rapide ab. Bei 40-jährigen Frauen sinke die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Schwangerschaft auf fünf Prozent. Gesunde Männer könnten zwar bis ins hohe Alter hinein zeugen. "Oft sind die Spermien aber zu langsam oder nicht ausreichend mobil", schränkt Andreeßen ein. Insofern seien die Ursachen für die Kinderlosigkeit bei beiden Geschlechtern gleichermaßen zu suchen.
Ungewollt Kinderlose warten oft viele Jahre vergeblich auf ein Kind. Bei einem Fünftel der Frauen und bei einem Drittel der Männer bleibt der Kinderwunsch bereits zehn Jahre unerfüllt, so die Studie. Betroffene können aber von Reproduktionsmedizinern Hilfe bekommen. Alllein in den sechs sächsischen Kinderwunschzentren haben sich im Jahr 2015 rund 800 Paare behandeln lassen, bundesweit waren es knapp 58.000.

Doch Kinderwunschbehandlungen sind teuer. Sie können je nach Anzahl der Versuche bis zu fünfstellige Summen kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen für die ersten drei Behandlungen mindestens die Hälfte der Kosten. Die Ausgaben dafür sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. So hat die AOK-Plus im vergangenen Jahr 1,9 Millionen Euro für reproduktive Behandlungen zugezahlt. "2013 waren es noch knapp 900.000 Euro", sagt Sprecherin Hannelore Strobel.

Sachsen gehörte zu den ersten Bundesländern, die Kinderwunschpatienten finanziell unterstützten. Seit Juli 2016 fördert das Land gemeinsam mit dem Bund auch unverheiratete Paare. Im Jahr 2016 hat allein der Freistaat 630.000 Euro für Kinderwunschbehandlungen ausgegeben. Für dieses Jahr sind 757.000 Euro eingeplant.

Die Studie des Familienministeriums hat auch ergeben, dass betroffene Frauen und Männer die Möglichkeiten der Kinderwunschbehandlung zumindest dem Namen nach kennen. Trotzdem gebe es oft noch eine große Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung.

An Kinderwunsch erkrankt

Immer mehr Deutsche versuchen vergeblich, ein Kind zu bekommen. Das hat nicht nur medizinische, sondern auch gesellschaftliche Ursachen. Eine neue Serie zeigt, welche Möglichkeiten es gibt und was sie kosten.

Anja und Martin versuchen, ein Kind zu zeugen - seit sieben Jahren. Dass es nicht klappt, schoben sie anfangs auf ihre Wochenendbeziehung. Später, als sie zusammengezogen waren, stellten sie ihr Leben um. Sie trieben mehr Sport, gingen zeitiger schlafen, ernährten sich bewusster. Sex gab es nur noch, wenn Anjas Körpertemperatur einen Eisprung vermuten ließ. Danach machte sie Kopfstand, um Martins Sperma den Weg zu erleichtern und die Chancen auf Befruchtung zu erhöhen. Der Druck stieg, auch äußerlich. "Genutzt hat das alles nichts. Wir haben nur eine Menge Zeit verloren. Unsere Eltern fragen schon gar nicht mehr, wann es bei uns endlich soweit ist. Aber ihre enttäuschten Blicke sagen alles", sagt Anja. Jetzt sind sie Ende 30 und ihre Chancen auf ein eigenes Kind waren nie so gering. Sie sind kein Einzelfall.

Das Massenphänomen: "Nach vorsichtigen Schätzungen haben wir in Deutschland zwei Millionen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch", sagt der Androloge Dr. Rüdiger Andreeßen. Vier Millionen Deutsche also, bei denen ,es' auf natürlichem Weg nicht klappt. Die Dunkelziffer ist riesig - sowohl aus Scham als auch aus Unwissenheit. "Umgerechnet heißt das, dass fünf Prozent aller Deutschen an Kinderwunsch erkrankt sind", sagt Andreeßen. Das sind genauso viele wie Alkoholabhängige. "Wir bewegen uns im Bereich einer Volkskrankheit."

Die Dimension ist auch dem Bundesfamilienministerium bewusst. 2014 hat es das Delta-Institut mit einer Studie zum Thema Kinderlosigkeit bei 20- bis 50-Jährigen beauftragt. Danach hat ein Drittel dieser Altersgruppe, also rund sieben Millionen Deutsche, gewollt oder ungewollt kein Kind. Viele wollen Nachwuchs, aber erst, wenn er in ihr Lebenskonzept passt. Nur 13 Prozent lehnen es kategorisch für jetzt und immer ab, eigene Kinder haben zu wollen. "Kinderlosigkeit", so heißt es in der Studie, "ist in Deutschland ein Massenphänomen."

Die Betroffenen: Weh tut das allerdings erst, wenn sich die ersehnte Schwangerschaft trotz intensiver Bemühungen einfach nicht einstellen will. "Das ist oft eine große psychische und auch physische Belastung", so Familienministerin Manuela Schwesig. Das Thema treibt viele um. So viele, dass es in Berlin im Februar erstmals eine reproduktionsmedizinische Messe gegeben hat. Die "Kinderwunsch-Tage" waren stark umstritten, weil sich auch Aussteller aus Ländern mit weniger rigider Gesetzeslage präsentieren durften - und damit Behandlungsmethoden vorstellten, die hierzulande illegal sind. Viele der gut 1500 Besucher waren wie Anja und Martin: gut situiert, gebildet, zwischen Mitte 30 und Mitte 40. Es waren Paare mit und ohne Trauring, Heteros und Homosexuelle, auch alleinstehende Frauen. Anja und Martin sind ihren kinderlosen Altersgenossen einige Schritte voraus. Sie haben sich untersuchen lassen und kennen nun die Ursachen. Martin hat kaum Spermien im Ejakulat. Die wenigen, die sich darin tummeln, sind außerdem zu langsam. Anja ist gesund.

Die Gründe: Das Hauptproblem ist, dass das Kinderkriegen immer weiter nach hinten verschoben wird. Die meisten Frauen planen zeitigstens mit Anfang 30, Mutter zu werden. "Viele Frauen kümmern sich zu spät darum", sagt Gynäkologe Dr. Hans-Jürgen Held vom Kinderwunschzentrum Dresden. Sie wollen sich nach langen Ausbildungszeiten erst einmal beruflich etablieren. Das treibt auch die Männer um. Sie geben an, lieber mit einem finanziellen Polster und fester beruflicher Perspektive an die Familiengründung zu gehen: Das Nest will finanziert sein. Außerdem fällt es vielen schwer, den richtigen Partner zu finden oder sich auf einen festzulegen.

Dabei nimmt ab einem Alter von 30 Jahren die Fertilität, also die Fruchtbarkeit, bereits deutlich ab - auch wenn Berichte über frischgebackene 64-jährige Vierlingsmütter und 72-jährige Zwillingsväter etwas anderes suggerieren. Vor allem Männer stellen ihre Zeugungsfähigkeit kaum infrage. "Doch das ist ein Trugschluss", so Androloge Andreeßen. "Wenn nach einem Jahr ohne Verhütung keine Schwangerschaft eintritt, liegt eine Erkrankung vor", sagt er. Deren Ursache liegt mit je 30 Prozent zu gleichen Teilen bei der Frau oder dem Mann. In den verbleibenden 40 Prozent sind beide Partner unfruchtbar oder es gibt keine körperlichen Ursachen. Das ist für viele Männer eine Überraschung.

Zu den häufigsten organischen Defekten bei Frauen zählen hormonelle Fehlfunktionen, verklebte Eileiter oder Veränderungen der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses. Betroffene Männer produzieren in vielen Fällen mangelhafte oder zu unbewegliche Spermien. Das kann an urologischen Infektionen, Krampfadern im Hoden oder Hodentumoren liegen. Manche hatten als Kind Mumps. Ärzte nennen auch starken Nikotin- und Alkoholkonsum, Fettleibigkeit, Stress und Umweltbelastungen als Gründe. Bei fünf bis zehn Prozent der Paare sind keine organischen Ursachen erkennbar. Genau wissen wollen das aber nur wenige. Laut Delta-Analyse scheuen die meisten den Weg zum Arzt aus Angst vor der Diagnose. Nur 17 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer haben untersuchen lassen, woran es liegt.

Die Reproduktionsmedizin: Dabei bietet die moderne Reproduktionsmedizin viele durchaus erfolgversprechende Möglichkeiten, doch noch zu einem Kind zu kommen. In sogenannten Wunschkindzentren können sich Betroffene von Fachmedizinern beraten und helfen lassen, auch wenn hier die Chancen mit steigendem Alter deutlich sinken. In Sachsen gibt es je zwei solcher Zentren in Dresden, Chemnitz und Leipzig. Dort sind Anja und Martin jetzt in Behandlung.

Psychosoziale Beratungsstellen leisten mentalen Beistand. Was erlaubt ist, definiert in Deutschland das Embryonenschutzgesetz. Die Bestimmungen gehören zu den strengsten weltweit und schließen Behandlungen aus, die in Ländern wie Tschechien, Dänemark, Spanien oder der Ukraine erlaubt sind. Dazu gehören Eizellspende, Leihmutterschaft, das Klonen von Embryonen, oder die Verwendung von Samen Verstorbener.

Das Ergebnis: Fast eine viertel Million Deutsche gibt es nur dank der Reproduktionsmedizin. Zwischen 1997 und 2014 sind genau 233.749 Kinder zur Welt gekommen, die außerhalb des Körpers gezeugt worden sind. Erfasst werden diese Zahlen vom Deutschen IVF-Register, das Daten aus den rund 140 Kinderwunschzentren regelmäßig in Jahresberichten auswertet. Demnach haben sich allein im Jahr 2015 knapp 58.000 Frauen in den Zentren behandeln lassen. Jede Dritte wurde schwanger. So sind mehr als 2,5 Prozent der Babys, die 2014 geboren wurden, durch Reproduktionsmedizin entstanden. "Das heißt: In einer großen Schulklasse sitzt (statistisch) ein Kind, das sein Leben einer "künstlichen Befruchtung" verdankt", so die Autoren.

Die Serie

Teil 2: Warum es bei Frauen nicht klappt und welche Behandlungsmethoden es gibt (10. Mai).

Teil 3: Warum Männer nicht zeugen können und wo es in Sachsen Hilfe gibt (13. Mai).

Teil 4: Wer ist mein richtiger Vater - Kinder aus einer anonymen Samenspende (17. Mai).

Teil 5: Wir lieben dich wie ein eigenes Kind - Adoption in Sachsen (20. Mai).

Teil 6: Wie Homosexuelle zu einem Kind kommen (24. Mai).

Teil 7: Wenn die Uhr abgelaufen ist - eine Psychologin rät (27. Mai).

Teil 8: Leser fragen, Experten antworten (31. Mai).

Ein Kleinwagen für einen Embryo

Kinderwunschbehandlung ist teuer. Zuschüsse gibt es von Krankenkasse, Bund und Land - unter bestimmten Bedingungen.

Eine In-vitro-Fertilisation, bei der Eizellen im Glasröhrchen befruchtet werden, kostet 3000 Euro. Die ICSI, bei der die Samenzelle in die Eizelle injiziert wird, schlägt mit 3300 Euro zu Buche. Statistisch betrachtet werden die meisten Paare erst nach der dritten Behandlung schwanger. Schnell kommen fünfstellige Beträge zusammen. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es Zuschüsse.

Gesetzliche Krankenkassen: "Die künstliche Befruchtung ist eine gesetzliche Leistung", sagt Claudia Szymula von der Barmer. Seit 2004 erstatten die gesetzlichen Krankenversicherungen aber nur noch die Hälfte der Kosten für die ersten drei Versuche. Bedingung: Die Frau muss zwischen 25 und 40 Jahren alt sein, der Mann darf die 50 nicht überschritten haben. "Außerdem müssen die Partner verheiratet sein und ausschließlich Ei- und Samenzelle der Ehepartner zur Anwendung kommen", sagt Hannelore Strobel von der AOK Plus. Die Leistungen werden auch dann bezahlt, wenn die Paare sich im Ausland behandeln lassen - solange dabei die deutschen Gesetze eingehalten werden. Seit 2012 dürfen die Krankenkassen Zusatzleistungen anbieten. Daher übernehmen manche Kassen bis zu 100 Prozent der Kosten für eine Kinderwunschbehandlung. Ein Vergleich lohnt sich (siehe Kasten).

Private Krankenkassen: In der Regel ist für Privatversicherte weder die Anzahl der Versuche noch das Alter begrenzt. Nichtverheiratete werden nicht per se ausgeschlossen. Allerdings müssen die Erfolgsaussichten bei 15 Prozent liegen. Ist der Privatversicherte auch der Verursacher der Kinderlosigkeit, übernehmen die Kassen alle Kosten.

Bund und Land: Seit Juli 2013 erhalten Ehepaare und seit Juli 2016 auch unverheiratete Paare Zuschüsse von Bund und Land Sachsen. Sie sind maximal so hoch wie der Eigenanteil, den die Krankenkasse nicht erstattet. 2016 hat allein das Land 630.000 Euro dafür ausgegeben. 2017 und 2018 sind je 757.000 Euro geplant. Es gibt unterschiedliche Festbeträge. So werden bei der ersten bis dritten In-vitro-Fertilisation von Bund und Land je bis zu 375 Euro des Eigenanteils übernommen, für die vierte bis zu 800 Euro. Leer gehen homosexuelle Paare aus.

Leistungen gesetzlicher Kassen in Sachsen (Auswahl)

AOK Plus: 75% Erstattung bei den Versuchen 1 bis 3, wenn beide Ehepartner bei der AOK Plus versichert sind. Erstattung als Sachleistung. Weitere Zusatzleistungen: TESE- Spermienentnahme, aktive Schlüpfhilfe für Frauen ab 35 Jahre, Kryokonservierung bei Krebserkrankung (Konservierung max. 400 Euro, Miete für max. 3 Jahre mit max. 200 Euro pro Jahr).

DAK Gesundheit: 100% Erstattung für Versuche 1 bis 3, wenn beide Ehepartner bei der DAK versichert sind.

Techniker Krankenkasse TK: Je 250 Euro Zuschuss zum Eigenanteil für Versuche 1 bis 3, wenn beide Ehepartner bei der TK versichert sind.

Knappschaft: Je max. 500 Euro Zuschuss zum Eigenanteil für Versuche 1 bis 3, wenn beide Ehepartner bei der Knappschaft versichert sind.

BKK VBU: 75% Erstattung für Versuche 1 bis 3 für den bei der BKK versicherten Ehepartner. Insemination ohne Hormonbehandlung bis zu acht Versuche.

IKK classic: Je max. 500 Euro Zuschuss zum Eigenanteil, wenn beide Ehepartner bei der IKK classic versichert sind. Hat nur ein Ehepartner Zugehörigkeit, reduziert sich der Zuschuss auf 250 Euro.

KKH Kaufmännische Krankenkasse: Je 100 Euro Zuschuss zum Eigenanteil für Versuche 1 bis 3, wenn beide Ehepartner bei der KKH versichert sind.

Barmer: bietet keine zusätzlichen Leistungen.

Quelle: rnw/sp

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