Warum junge Familien aufs Land ziehen

Wohnungsnot, steigende Miet- und Immobilien-preise, knappe Kitaplätze, wenig Platz, kaum Grün: Die Flucht von Familien aufs Land hat viele Gründe. Drei ehemalige "Großstadtpflanzen" erzählen, warum sie Halle, Leipzig und Dresden den Rücken gekehrt haben.

Leipzig/Halle/Dresden.

Carsten Wegner (Name von der Redaktion geändert) hat alles, was er zum Glück braucht, direkt vor Ort: eine Kita, eine Schule, eine Kinder- und Jugendfeuerwehr, einen Fußball- und einen Faschingsverein, Ärzte, einen Supermarkt, eine Apotheke und einen sicheren Parkplatz.

"Nur eine Gaststätte fehlt", sagt der 50 Jahre alte Geschichtslehrer aus Beilrode - einem 2700-Seelen-Dorf in Nordsachsen - mit einem Augenzwinkern: "Im Ernst. Mein Sohn ist fast vier, wächst hier in einer heilen Welt auf. Wir müssen kein Helikopterwesen betreiben und den Jungen ständig umkreisen. In einer kleinen Gemeinschaft gibt einer auf den anderen acht. Das schätzen meine Frau und ich sehr."

Carsten Wegner, der in Halle an der Saale studiert und lange in Torgau gelebt hat, genießt die Vorteile des Landlebens mehr denn je: "Gerade während des Lockdowns in der Coronakrise waren wir froh, ein eigenes Haus mit Garten zu haben. Abgesperrte Spielplätze und Patrouillen in Parks - für uns unvorstellbar. Die Gewissheit, dass wir uns zur Not selbst versorgen können und das Risiko sehr gering ist, auf Menschen zu stoßen, die infiziert sein könnten, hat uns das Leben in dieser Zeit sehr erleichtert."

Dem können Claudia und Thomas Zittier aus Wurzen nur zustimmen. Die 32 Jahre alte Landschaftsgestalterin und der 38 Jahre alte Polizist leben mit ihrem Sohn Friedrich und ihrer Tochter Halina in einem Haus mitten in der Altstadt. "Wir sind kurz davor, dass Haus zu kaufen. Der Vertrag steht - für uns ein Fünfer im Lotto. Auch hier ist mittlerweile Bauland rar und die Nachfrage nach Eigentum groß", sagt Thomas Zittier, der die Nähe zu Leipzig schätzt - schließlich arbeitet er in der Messestadt.

In der Großstadt leben will er aber nicht: "In Wurzen sind die Wege kurz. In zehn Minuten ist man an der Mulde, im Stadtwald, im Park, im Kindergarten oder in der Schule. Zudem ist Wurzen eine Gartenstadt. Wir wohnen quasi mitten im Grünen. Wir haben ein Naturparadies vor der Haustür."

Wenn sich Städter nach etwas sehnen, "dann nach dem, was sie nicht haben: Idylle, einen Bauerngarten mit Hortensien, Austausch in der dörflichen Gemeinschaft, Lebensqualität", sagt der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft untermauert das: Demnach wandern seit 2014 immer mehr Deutsche aus den Großstädten ab.

Die Forscher des Kölner Instituts sprechen von einer Trendwende, die sich vor allem in den Ballungszentren Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main oder Stuttgart abzeichnet - aber teilweise auch in Mitteldeutschland. Ralph Henger, einer der Autoren der Studie, erklärt: "Leipzig wächst sehr stark, hat das stärkste Wachstum in Deutschland, prozentual. Man erwartet dort bis 2030 eine Einwohnerzahl von 700.000. Man sieht dort auch, dass Familien, vor allem diejenigen, die sich vergrößern wollen, verstärkt ins Umland gehen."

Das spiegelt sich in den Zahlen wider, die das Statistische Landesamt Sachsen sammelt. In ihrer Wanderungsstatistik stellt die Behörde starke Zuzüge in die Kreise südlich und nordöstlich von Leipzig fest, aber auch in die Gemeinden rings um Dresden. Eine Kommune, die von diesem Trend profitieren möchte, ist die Stadt Eilenburg. Seit 2016 wirbt sie gezielt um Menschen, die aus der Großstadt wegwollen. Mit Erfolg: Die Kleinstadt an der Mulde, mit einer guten Verkehrsanbindung an Leipzig, zählt mittlerweile wieder gut 17.000 Einwohner. 2014 waren es noch weniger als 16.000.

"Die Coronapandemie verstärkt die Suburbanisierung", sagt Reiner Braun vom Immobilienforschungsinstitut Empirica. "Es wird nun mehr darauf geachtet, dass es ein Arbeitszimmer gibt und jedes Kind ein eigenes Zimmer hat. Mehr Platz können sich die meisten aber nur jenseits der Stadtgrenze leisten." Im Zweifel steche der eigene Garten oder Balkon jetzt das nette Café an der Ecke, weil sich die Prioritäten verschoben hätten.

Das Haus auf dem Land - ein Trumpf? Ja, sagt Familie Weißenberg. Seit 2011 bewohnt die sechsköpfige Familie ein Haus in einer Eigenheimsiedlung in Zschortau, zwölf Kilometer nördlich von Leipzig. Mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten, die sich vor allem den Kindern bietet, sowie seiner gewachsenen Infrastruktur konnte das Dorf alle Familienmitglieder überzeugen - mit Blick auf die aktuelle Krisenlage umso mehr.

Pia Weißenberg ist in Zschortau aufgewachsen und zur Schule gegangen. "Hier habe ich eine wunderbare Kindheit verbracht", erzählt die 44-Jährige. Mit dem Studium ging es für sie Richtung Dresden. Dort lernte sie ihren späteren Mann Steffen kennen. Und wie das Leben so spielt, entschied man sich anschließend in Leipzig eine Wohnung zu beziehen. "Wir haben schön gewohnt in Leipzig, in der Nähe vom Rosental. Die Zeit möchte ich nicht missen, aber jetzt auch nicht mehr tauschen", sagt Pia Weißenberg rückblickend.

Gerade in der Corona-Zeit habe sich diese Entscheidung bewährt. "Die Kinder konnten sich draußen frei bewegen und mussten im Haus nicht aufeinander hocken. Jeder konnte sich bei Bedarf in einen anderen Bereich zurückziehen", sagt die Vermessungsingenieurin. Der Freiraum sei eben das große Plus beim Wohnen auf dem Land.

Nebenbei wurden mit den Kindern Erbsen gesteckt und Erdbeeren angepflanzt. Die Früchte können sie derzeit ernten. "Für die Hasen haben wir zudem ein großes Freigehege auf der Wiese gebaut und die lauen Frühjahrsabende haben wir beim Grillen im Garten verbracht. Das ist Erholung pur", sagt die Mutter.

Weiterer Vorteil: Die Region bietet eine enorme Vielfalt auf engstem Raum. "Die Seen und die Dübener Heide sind nicht weg. Und die Kinder können weiterhin ihren Hobbys nachgehen. Langeweile kommt da so schnell nicht auf." Wichtiger Pluspunkt: Die örtliche Grundschule beschult die Kinder wieder täglich. "Unsere Kleine war froh, ihre Freunde zu treffen und wieder in den gewohnten Strukturen zu sein", sagt Pia Weißenberg.

Leipziger Immobilienprofis warnen vor einer Stadtflucht junger Familien wie in den Neunzigerjahren. "Im Stadtgebiet gibt es eine riesige Nachfrage durch Bauwillige, aber zu wenig verfügbare Flächen", sagt Andreas Köngeter. "Viele würden gern bleiben, aber hier können sie nicht bauen, solange die Kinder noch klein sind", meint der Repräsentanzleiter des Immobilienverbands Mitteldeutschland (IVD). "Das Umland dient da als Ventil."

Im Speckgürtel seien jüngst etliche große Baufelder ausgewiesen worden. "Teilweise ziehen die Leute bis nach Zeitz", sagt Köngeter. Ebenfalls in Sachsen-Anhalt liegt Großkugel, wo das Leipziger Unternehmen Künne gerade 82 Parzellen erschließt. "95 Prozent der Familien, die dort bauen, kommen aus Leipzig", berichtet Projektleiter Lutz Grundke. Hohe Quoten vermeldet der IVD auch für neue Standorte in Großpösna, Schkeuditz oder Krostitz. 2018 registrierte Leipzig einen Negativ-Rekord bei den Verkäufen freier Grundstücke für Eigenheime (ohne Bauträgerbindung): Nur 93 wechselten den Besitzer. Im Jahr zuvor waren es noch 117. Früher lag der Wert stabil bei 350 bis 500. "Für eine Stadt mit 600.000 Einwohnern sind 93 Grundstücke sehr wenig", meint IVD-Mitglied Stefan Naether. Das knappe Angebot befeuere die Preise. Auch die Mietpreise. In Leipzig gibt es derzeit 350.000 Wohnungen, die zu 85 Prozent vermietet werden. Die Angebotsmiete für Bestandswohnungen ist von 2014 bis 2019 um 32 Prozent gestiegen.

Um diese Entwicklung muss sich Pia Weißenberg keine Sorgen mehr machen. Ihre Gedanken kreisen gerade um den Sommerurlaub: "Wir sind leidenschaftliche Camper und haben uns vor drei Jahren einen Wohnwagen zugelegt. Sollten wir nicht fahren können - auch kein Problem. Wir können Ruhe und Entspannung auch in unserem grünen Reich erleben." Für Pia Weißenberg ist es definitiv die richtige Entscheidung gewesen, in ein Haus auf dem Land zu investieren - und damit auch in die Zukunft. lvz

Wohnraumförderung Ziele der aktuellen sächsischen Zuschüsse sind unter anderem, die Wohneigentumsbildung für Familien und im ländlichen Raum zu unterstützen. Mehr Infos gibt es unter:

www.bauen-wohnen.sachsen.de

www.sab.sachsen.de

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