Was Babyschreie über die Gesundheit des Kindes verraten

Zwei Wissenschaftlerinnen arbeiten an einem neuen akustischen Analyseverfahren. Das könnte am Ende allen Eltern helfen.

Es klingt wie ein Quieken, ist aber kein gewöhnlicher Babyschrei. "Dieser hohe Ton kann zum Beispiel ein Hinweis sein, dass das Baby während der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten hat", sagen Tanja Fuhr und Carla Wegener. Die beiden Professorinnen der Hochschule Fresenius in Idstein/Taunus arbeiten an einem neuen akustischen Analyseverfahren, bei dem Babyschreie untersucht werden. "Damit ist es uns gelungen, nicht nur normale von bestimmten pathologischen Schreien zu unterscheiden, sondern sie auch einem bestimmten Störungsbild zuzuordnen." Ihre Trefferquote läge bei 99 Prozent, ein wirklich gutes Ergebnis, wie sie finden.

Die nächste Schrei-Sequenz, die sie vorspielen, ist eher dunkel, die Töne sind lang gezogen, was auf eine Funktionsstörung des Kehlkopfes hinweisen kann. Diese Laryngomalazie kann den Wissenschaftlerinnen zufolge zu Atem- und Schluckstörungen führen. Ein drittes Beispiel zeigt eine Hörstörung an. Der Schrei dauert hier besonders lange und weist verschiedene Tonarten auf, da dem Kind das auditive Feedback zu seinem Schrei fehlt.

Doch warum erforscht man gerade Babyschreie? Der Schrei sei eines der neuromuskulär am höchsten entwickelten Fähigkeiten nach der Geburt. "Er zwingt viele Muskeln und Hirnnerven zu einer Zusammenarbeit. Zu Beginn des menschlichen Daseins ist noch kein System so weit entwickelt wie die Stimmgebung, an deren Anfang der Schrei steht", sagt Tanja Fuhr. Man könne den Schrei deshalb als eine Art Sprache interpretieren. Damit signalisiert das Kind, ob es Hunger oder Schmerzen hat, müde ist oder Aufmerksamkeit einfordert.

Jede Schrei-Kategorie habe unterschiedliche akustische Eigenschaften. "Können wir das decodieren, wissen wir, welches Bedürfnis das Kind hat. Oder eben auch, ob eine Störung vorliegt", so Carla Wegener. "Immer wieder geschieht es, dass Kinder viele Jahre ein Entwicklungsproblem mit sich herumtragen, dieses aber offenbar schwer zu fassen ist. Die Diagnose erfolgt dann mitunter erst im Schulalter." Mit dem noch in der Entwicklung befindlichen Analyseverfahren ließe sich der Leidensweg der Betroffenen bis zu einer Behandlung verkürzen. Doch die Wissenschaftlerinnen wissen auch, dass ihre Ergebnisse noch nicht repräsentativ sind. Dazu müsse weiter geforscht werden, denn die Stichprobe sei viel zu klein. 500 verschiedene Schreie speichert ihre Datenbank aber bereits.

Die Wissenschaftlerinnen werten den Schrei des Säuglings nicht grundsätzlich als etwas Negatives, denn es gebe auch Schreie, die Interesse oder Freude ausdrücken. Mutter und Kind müssten sich aufeinander einstellen, miteinander kommunizieren. Denn das Schreien sei auch ein Teil des kindlichen Spracherwerbs.

Die Professorinnen sind aber gegen exzessives Schreien oder eine lange Schreidauer, ohne dass eine Betreuungsperson reagiert. "Das hat nichts mit dem zu tun, was wir in der Forschung machen. Wir wählen ein Standard-Zeitfenster für den Schrei von maximal 30 Sekunden." Diese Untersuchungsmethode sei harmlos. "Wir erzeugen den Schrei ja nicht, sondern nehmen diesen nur auf und gehen damit in die Analyse." Hier sei noch Aufklärungsarbeit zu leisten", sagt Fuhr. "Eltern, die uns bei unserer Forschung unterstützen wollen, teilen uns zum Beispiel mit, wann ihr Kind gewöhnlich Hunger hat oder unruhig ist. Kurz zuvor bauen wir unser Equipment auf, um den zu erwartenden Schrei aufzunehmen", ergänzt Wegener. Auch die Fersenblutentnahme zum Test auf Erbkrankheiten sei oft ein Anlass, dass Kinder schreien. Nur solche Situationen würden genutzt. Die Aufnahme ist kurz. "Diese Zeit braucht es auch, bis die Mutter auf die Äußerung ihres Kindes reagieren kann."

Das Baby selbst stört sein Schrei übrigens nicht, wie Forschungen belegen. Die Kinder haben einen Schutzmechanismus im Ohr, den sogenannten Stapedius-Reflex. Dieser setzt die Schwingungsfähigkeit eines Gehörknöchelchens, des Steigbügels, herab, sodass die Weiterleitung des Schalldrucks an das Innenohr gedämpft wird.

Um wissenschaftlich verwertbare Ergebnisse zu erzielen, nutze man künstliche Intelligenz. Das menschliche Ohr kann diese Leistung nicht erbringen, es sei dem maschinellen Verfahren deutlich unterlegen, sagt Carla Wegener. "Diesen Vergleich haben wir im Projekt angestellt." Gruppen mit völlig verschiedenen Voraussetzungen, zum Beispiel Eltern und Hebammen, aber auch Erwachsene ohne Kinder, hätten entsprechende Hörtrainings durchlaufen. Die Testpersonen konnten zwar zu fast 90 Prozent pathologische Schreie von denen gesunder Kinder unterscheiden. Bei der Klassifizierung von verschiedenen Störungsbildern sank die Quote aber auf 64 Prozent.

Bis das Verfahren zur Diagnostik in Krankenhäusern oder Kinderarztpraxen eingesetzt werden kann, müsse es validiert sein. "Pro Störungsbild brauchen wir eine repräsentative Anzahl an Säuglingen, anhand derer wir das bisher erzielte Ergebnis verifizieren können. Erst dann haben wir eine allgemeingültige Aussage", so Fuhr.

Mit ihrem Forschungsprojekt wurde der Grundstein für eine Studie gelegt. Am Ende könnte schon ein Smartphone mit einer entsprechenden App ausreichen, um Störungsbilder beim Säugling ohne tiefgründigere Untersuchungen zu erkennen.

Hörbeispiele: Die Wissenschaftlerinnen der Hochschule Fresenius haben drei typische Schreibeispiele ausgewählt, die auf bestimmte Störungsbilder hinweisen.

 

 

Das erste Beispiel deutet auf eine Hörstörung des Säuglings hin, denn der Schrei ist lang andauernd und schwankt im Grundton

 

 

Das zweite Beispielzeigt eine erhöhte Grundfrequenz, fast ein Quieken. Das kann auf einen Sauerstoffmangel hindeuten

 

 

 

Das dritte Beispiel zeigt deutliche Schwankungen und einen eher dunklen Ton. Es weist auf eine Funktionsstörung des Kehlkopfes hin

 

Hilfe für Schreibabys 

Als Schreibabys bezeichnet man Säuglinge, die an mehr als drei Stunden pro Tag an mehr als drei Tagen pro Woche und seit mehr als drei Wochen schreien, ohne Hunger oder Schmerzen zu haben. Eltern sind dann oft am Ende ihrer Kräfte.

Das Zentrum "Frühe Hilfen" der Sächsischen Landesärztekammer möchte Eltern darin bestärken, die Beherrschung zu behalten und das Kind keinesfalls zu schütteln. Denn das kann lebensbedrohlich sein.

Eine Schreiambulanz kann Eltern in diesen Situationen helfen. Die pädagogisch und psychologisch geschulten Fachleute arbeiten häufig an Kinderkliniken oder in Hebammenpraxen. Unter folgendem Link findet man eine Beratungsstelle oder Schreiambulanz in der Nähe.www.freiepresse.de/schrei

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