Was machen Eltern toller Kinder anders?

Beim Erziehen sollte man manchmal rückwärts zählen - Warum, erklärt Bestsellerautorin und Bloggerin Danielle Graf

Eltern kriegen eigentlich immer eins drauf - vor allem von Nicht-Eltern oder Leuten, deren Kinder längst aus dem Haus sind. Je nach Argumentationsstandpunkt verwöhnen sie zu sehr oder sind zu streng, fordern zu viel oder lassen alles laufen. Dabei wollen sie doch nur eins: fröhliche, gesunde und wohl erzogene Kinder. Die Realität sieht oft anders aus. Die Kinder schlafen nicht im eigenen Bett, werfen sich gern mal wütend auf den Boden und später, in der Schule, haben sie wegen des Leistungsdrucks Kopfschmerzen. Danielle Graf weiß, wie es auch anders geht. Ihr Buch "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn" ist ein Bestseller - und der gleichnamige Familienblog hat mehr als 35 Millionen Aufrufe. Susanne Plecher hat mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Frau Graf, was machen Eltern toller Kinder denn nun richtig?

Danielle Graf: Sie haben diesen Anspruch gar nicht. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat einmal gesagt, die besten Eltern, die er kennt, machen 20 Fehler am Tag. Ich muss nicht die beste Mutter sein. Es reicht völlig aus, gut genug zu sein. Kinder haben Resilienz. Sie können auch mal falsche Entscheidungen oder unangenehme Sachen verarbeiten. Das gehört zum Leben dazu. Ich muss meinem Kind keine perfekte Kindheit bieten. Wenn ich den eigenen Anspruch herunterschraube, die Entwicklung freudig ohne Druck auf das Kind begleite, entwickelt sich eine gute Beziehung, ein gesundes Selbstbewusstsein.

Das wollen alle Eltern. Aber dann kommt ihnen der Alltag dazwischen...

Ja, das umzusetzen ist schwierig. Es hilft, wenn man sein Verhalten dem Kind gegenüber auf den Partner projiziert: Würde ich mit ihm so reden? Mit meinem Kind sollte ich genau so höflich und freundlich sprechen. Wenn man das verinnerlicht, fühlen sich Kinder wertgeschätzt und geben es auch zurück.

Welche Eigenschaften an einem Kind würden Sie denn als toll definieren?

Kinder sind von Natur aus total gut. Sie spielen, sind neugierig, gehen auf andere zu, sind sehr sozial untereinander. Wenn wir sagen, dass ein Kind nicht toll ist, verhält es sich so, wie wir es nicht für legitim halten und als unangenehm empfinden.

Zum Beispiel?

Viele haben ein Problem damit, wenn Kinder gesellschaftliche Konventionen nicht erfüllen. Das beginnt mit "Bitte", "Danke" und "Entschuldigung" sagen. Aber bevor Kinder mit etwa vier Jahren den Meilenstein der Perspektivübernahme erreichen, verstehen sie den Zweck nicht. Wenn ich nicht weiß, wie sich jemand fühlt, dem ich etwas Böses antue, kann ich das nicht ernsthaft bedauern. Deswegen wirken kleinere Kinder manchmal schlecht erzogen. Aber sie können es noch nicht besser.

Dann erwarte ich mehr, als das Kind leisten kann. Wie umgehe ich das?

Das Wichtigste ist das Vertrauen in das Kind selbst. Darauf zu vertrauen, dass es sich normgerecht entwickeln wird, auch ohne dass ich eingreife. Kinder lernen sehr viel durch Nachahmung. Alles, was ich vorlebe, macht das Kind nach. Dann baue ich automatisch wenig Druck auf. Je weniger Druck ich habe, je weniger ich belohne, bewerte, erpresse oder strafe, desto vertrauensvoller ist die Beziehung und desto einfacher ist das Zusammensein. Solche Kinder entfalten sich ganz frei und sind grundsätzlich viel glücklicher.

Warum soll eine Belohnung denn schlecht sein?

Weil sie nichts anderes ist als eine Bestrafung. Sie bedeutet, dass ich die Motivation verändere. Das Kind agiert von sich aus motiviert. Belohne ich es, hilft es mir nicht mehr, um mir eine Freude zu machen, sondern, um Gummibärchen zu bekommen. Ich signalisiere damit, dass ich nicht davon ausgehe, dass das Kind etwas freiwillig tut, sondern eine Gegenleistung erwartet. Dann macht es Sachen, um mir zu gefallen.

Nun benimmt sich auch das tollste Kind mal daneben. Wie greifen Eltern dann am besten durch?

Das Wichtigste ist, dass sie ihr Kind bedingungslos lieben. Das sollten sie auch dann rüberbringen, wenn sie nicht einverstanden mit seinem Verhalten sind. Die Botschaft sollte sein: Du als Mensch bist vollkommen in Ordnung. Aber dein Verhalten ist gerade schwierig für mich. Das kann man durch gewaltfreie Kommunikation vermitteln, indem wir in Stresssituationen das Wort "Du" vom Satzanfang streichen: Du sollst nicht, du darfst nicht, du musst. Vergessen Sie das! Viel besser ist, zu sagen: Mir geht es nicht gut damit, ich fühle mich schlecht damit. Wir sollten keine Vorwürfe machen, sondern dem Kind vermitteln, was sein Verhalten bei mir auslöst.

Aber Grenzen darf es schon geben?

Unbedingt. Kinder fühlen sich mit einem festen Regelsystem wohl, das aber nicht willkürlich gesetzt sein darf. Das fällt vielen Eltern schwer. Dabei gibt es eine einfache Grundregel: Die Grenze besteht dort, wo die Grenze eines anderen überschritten wird. Bis dahin muss man sich fragen, ob ich das Verhalten akzeptieren kann. Wir formulieren zu viele Grenzen willkürlich, einfach, "weil man das so macht". Beispiel Esskultur. Manche Kinder wollen auf den Knien auf dem Stuhl sitzen, weil sie sich so wohlfühlen. Wir sind aber so erzogen, dass die Beine unter den Tisch gehören. Man sitzt gerade, schmatzt nicht. Das ist eine allgemeine gesellschaftliche Konvention. Aber hat sie einen sachlichen Grund? Wenn ich die Frage "Warum ist das so?" nicht beantworten kann, taugt die Grenze nichts.

Also ich habe schon etwas dagegen, wenn ein Kind in der Gaststätte herumfläzt und schmatzt. Das stört mich.

Dann können Eltern das ja sagen: Hier ist ein anderer Kontext als zu Hause, hier wird ein bestimmtes Verhalten erwartet. Daran sollst du dich hier jetzt halten.

Das versteht ein Kind, auch wenn zu Hause andere Regeln gelten?

Ja. Kinder verstehen auch, dass bestimmte Verhaltensweisen bei Papa in Ordnung sind und bei Mama nicht. Der Lernprozess ist, dass bei verschiedenen Menschen und Umständen unterschiedliche Regeln gelten. Aber man muss für sich selbst erst einmal ganz klar sein. Denn das Kind merkt deutlich, ob es mir wirklich wichtig ist oder nicht. Eltern neigen dazu, zu konsequent zu sein und Dinge durchsetzen zu wollen, die ihnen eigentlich nicht am Herzen liegen. Eine solche Entscheidung darf man auch revidieren. Wenn man selbst kompromissbereit ist, sind Kinder es auch. Sonst reizt man nur den Widerstand. Das Kind bricht trotzig zusammen und macht dicht.

Dann steigt der Puls. Die Eltern könnten ausflippen. Wie bleiben sie cool?

Beim Schimpfen fühlen sich alle schlecht. Es würdigt das Kind herab und blockiert die Kommunikation. Wenn man auf Augenhöhe mit den Kindern redet, findet man ganz einfache Lösungen. Das ist ein bisschen anstrengend, aber auf Dauer gewinnbringend. Um nicht zu explodieren, können Achtsamkeitsübungen helfen. Die Aufgabe ist, sich soweit selbst zu regulieren, dass man aus der Stresssituation herauskommt. Zum Beispiel, von zehn rückwärts zählen oder singen. Wenn sich das Gehirn auf eine solche Aufgabe konzentriert, schaltet sich der emotionale Teil automatisch ab. Man kann nicht singen und gleichzeitig wütend sein. Danach würde ich mich fragen: Wenn es mir gerade so ginge wie meinem Kind, wie würde ich mir wünschen, dass man mit mir umgeht?


Danielle Graf

Die Bestsellerautorin ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet in der Organisationsentwicklung in ihrer Heimatgemeinde Wandlitz.

Mit Katja Seide schreibt sie Erziehungsratgeberbücher und den Blog www.gewuenschtestes-wunschkind.de


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