Wechsel-, Nest- oder Residenzmodell: Justiz will Betreuung und Unterhalt anpassen

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Sachsens Justizministerium will ein neues Umgangsrecht. Das Beispiel eines Chemnitzer Kindes zeigt, wie nötig das ist.

Mia aus Chemnitz ist elf Jahre alt. Vor drei Jahren trennten sich ihre Eltern. Da sie aber im gleichen Stadtteil wohnen blieben, konnte das Mädchen zwischen beiden Wohnungen pendeln. Das hat ihr den Umgang mit der neuen Situation erleichtert, denn sie musste sich nicht für einen Elternteil entscheiden.

Jetzt hat sich alles verändert. Ihr Vater hat eine neue Partnerin und ist in einen kleinen Ort im Landkreis Mittelsachsen gezogen. Da sich die Eltern die Betreuung teilen, wohnt sie jetzt abwechselnd eine Woche beim Vater und eine bei der Mutter. Schon das Taschenpacken ist Stress, denn sie darf nichts vergessen. Muss doch mal etwas aus der Wohnung ihrer Mutter oder ihres Vaters geholt werden, gibt es Streit. Jeder wirft dem anderen vor, das absichtlich vergessen zu haben.

Mia hasst diese Auseinandersetzungen. Deshalb strengt sie sich an, beiden Eltern möglichst alles recht zu machen. Hinzu kommt, dass sie in der Vaterwoche keinen Kontakt zu ihren Freundinnen mehr hat, weil sie aufgrund der Entfernung direkt von der Schule abgeholt und morgens wieder hingebracht wird. An einer Geburtstagsfeier ihrer besten Freundin konnte sie nicht teilnehmen. "Ob sie wohl über mich gelästert haben?", fragt sie sich. Bei der nächsten Feier wurde sie gar nicht erst eingeladen. Das tat weh. Sie kann seitdem schlechter schlafen, ist in der Schule oft unkonzentriert und schreibt schlechtere Noten. Sie wünscht sich, dass alles wieder so ist wie früher, zumindest wie zu der Zeit, als beide Eltern noch in der Nähe wohnten.

Für Almut Patt ist die Geschichte von Mia kein Einzelfall. Die Mediatorin und Fachanwältin für Familienrecht aus Chemnitz hat sehr häufig mit Familien zu tun, die nach der Trennung eine für das Kind und sie passende Betreuungsmöglichkeit finden müssen. "Das Wechselmodell, wie Mias Eltern es praktizieren, funktioniert nicht bei allen und auch nicht unter allen Umständen. Es erhält den Kindern zwar den Kontakt zu beiden Elternteilen. Doch es kann seelische Probleme nach sich ziehen, wie sich auch bei Mia zeigt", sagt sie. Dann müssten Eltern in der Lage sein, für ihr Kind eine bessere Lösung zu suchen. "Gerade wenn, wie bei Mia, erkennbar ist, dass der Lebensmittelpunkt des Kindes in Chemnitz liegt, muss das Betreuungsmodell dazu passen." Doch individuelle Lösungen, auch kurzfristige, situationsbedingte Änderungen, sind nicht einfach, denn die Interessen der Eltern sind nach der Trennung oft nicht mehr die gleichen. Zudem entwickeln sich immer neue Betreuungskonzepte, auf die die Justiz reagieren muss.

Eine Diskussion darüber wollte das sächsische Justizministerium anschieben und nutzte dazu die letzte Justizministerkonferenz Mitte Juni, bei der Vertreter aller Bundesländer an einem Tisch saßen. "Das Familienrecht, auf das sich die Richter und Anwälte stützen, ist seit mehr als 20 Jahren unverändert", sagt Jörg Herold, Sprecher des sächsischen Justizministeriums. "Die Lebenswirklichkeit vieler Familien in Deutschland ist aber eine andere. Es gibt eine große Vielfalt familiären Zusammenlebens. Und diesen Veränderungen wird das geltende Sorge- und Umgangsrecht nicht mehr gerecht." In Sachsen wächst fast jedes vierte Kind in einer Familie auf, wo sich Vater und Mutter getrennt haben.

"Seit dem letzten Kindschaftsrechtsreformgesetz im Jahr 1998 dient das sogenannte Residenzmodell als Leitbild. Bei diesem Modell lebt das Kind hauptsächlich bei einem Elternteil, der andere hat ein Umgangsrecht", so Herold. Zwar sei das Residenzmodell in Deutschland noch die überwiegend gelebte Praxis. Doch die Zahl der Eltern, die sich nach der Trennung dafür entscheiden, sich bei der Betreuung des Kindes abzuwechseln, habe in den letzten Jahren zugenommen. Auch Mias Eltern entschieden sich für das Wechselmodell. Das Resistenzmodell gilt oft als überholt.

Doch beide Betreuungsformen haben Vor- und Nachteile. Deshalb möchte das Justizministerium keine zum Leitbild erklären. Es will die Rechtsvorschriften so umgestalten, dass die von Trennung betroffenen Familien bei der Auswahl des Betreuungsmodells freier sind. Sie sollen eine individuelle, am Wohl des Kindes orientierte und den Möglichkeiten der Eltern entsprechende Form finden können.

Außerdem müsse der Gesetzgeber Lösungen finden, wie sich alternative Betreuungsmodelle auf den Kindesunterhalt auswirken. Bisher ist es vielfach noch so, dass einer betreut, der andere zahlt. Doch je mehr sich die Betreuungsanteile verschieben, um so weniger sei es nachvollziehbar, dass nur ein Elternteil zahlen muss.

Almut Patt begrüßt die Initiative des Justizministeriums, plädiert aber für Realismus: Mehr Individualität könne allen Beteiligten guttun. Doch dem Ganzen einen rechtlichen Rahmen zu geben, dürfte schwierig und langwierig werden. Das Wechselmodell schien vielen Juristen als die fortschrittlichste und dem Kindeswohl am meisten entsprechende Betreuungsform. Doch wie auch das Beispiel von Mias Familie zeigt, ist es nicht immer die beste Lösung. Streit entsteht meist bei der Organisation alltäglicher Situationen. "Die Kinder versuchen das auszugleichen. Doch das ist gar nicht ihre Aufgabe. Es überfordert sie", sagt die Anwältin. "Ein Wechselmodell funktioniert meistens dort, wo die Eltern nah beieinander wohnen und gut miteinander kommunizieren können." Dann litten die Kinder am wenigsten unter der Trennung.

Vom Grundsatz her ist das Wechselmodell so konzipiert, dass sich die Eltern die Erziehungsverantwortung paritätisch, also halbe-halbe, teilen. "Das bedeutet aber nicht, dass dann kein Unterhalt mehr gezahlt werden muss. Ein finanzieller Ausgleich ist nur bei vergleichbaren Einkommensverhältnissen nicht nötig", so Almut Patt.

Das Residenzmodell hat den Vorteil, dass Kinder nicht einem ständigen Reise- und Wechselstress ausgesetzt werden. "Es kann ja individualisiert werden. So muss die Betreuung nicht nur an jedem zweiten Wochenende stattfinden, sondern kann auch längere Zeiträume umfassen. Das praktizieren viele Eltern bereits." Allerdings werde dann die einseitige Unterhaltspflicht oft als ungerecht empfunden. Hier können individuelle Ansätze helfen. Patt empfiehlt beispielsweise ein Kinderkonto, von dem in der Betreuungszeit beim unterhaltspflichtigen Elternteil Extras finanziert werden. Ein erweitertes Resistenzmodell wäre möglicherweise auch für Mias Familie geeignet. Es erhält dem Kind seinen Lebensmittelpunkt, den weiteren Kontakt zu ihren Freunden und ihrem Umfeld.

Ein solcher Schritt braucht Almut Patt zufolge aber nicht nur rechtliche Voraussetzungen. "Die Eltern müssen Veränderungen bei ihren Kindern wahrnehmen und benennen können." Indem sie ausschließlich auf das Kind schauen und eigene Befindlichkeiten zurückstellen, empfinden sie einen Wechsel in der Betreuung auch nicht als Niederlage. "Das erfordert aber große emotionale Reife."

Ein drittes Modell, das dem Kind seinen Lebensmittelpunkt bewahrt, sei das Nestmodell. Hier wechseln sich die Eltern wöchentlich ab und kommen jeweils in die Wohnung, in der das Kind lebt. "Es ist nicht nur das teuerste Modell, weil dazu drei Wohnungen unterhalten werden müssten, es ist meist auch das unpersönlichste. "Die Wohnung hat den Charme einer Ferienbleibe, weil keiner der Eltern wirklich dort lebt. Ein Kind kann sich dort nicht dauerhaft wohlfühlen. Deshalb kommt das Modell kaum noch vor."

Das Sorge- und Unterhaltsrecht ist ein sehr sensibles Fachgebiet. Damit tut sich auch die Justiz schwer. Die Mehrzahl der auf der Justizministerkonferenz vertretenen Bundesländer stimmte gegen den Vorschlag Sachsens, über eine Reform zu diskutieren. "Offenbar fehlt in den Ländern der politische Wille", sagt Jörg Herold. "Da wir dringenden Handlungsbedarf sehen, werden wir nach der Wahl entscheiden, ob wir einen erneuten Vorstoß wagen."

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