Wenn sich das Muttergefühl nicht einstellt

Viele Frauen schämen sich für ihre Gedanken und Gefühle. Psychologen aus Dresden wollen ihnen online helfen.

Steffi lebt das, wovon andere träumen. Die 25-Jährige ist verheiratet, wohnt im eigenen Haus und ist seit Kurzem Mutter. Doch obwohl ihr Töchterchen gesund und munter ist, kann sich Steffi nicht richtig über das Baby freuen. "Ich mache mir Sorgen, bin ständig gereizt, obwohl ich doch die glücklichste Person auf der Welt sein müsste", sagt sie. Auch Katharinas Familienleben glänzt bei Weitem nicht so golden, wie Werbung oder Heile-Welt-Filme gern suggerieren. Sie hat vor wenigen Wochen ihr zweites Kind geboren. Vorher hat sie ihren Partner rausgeschmissen. Sie sagt: "Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten mit ihm. Ständig hat er an mir herumgenörgelt." Nun ist sie alleinerziehend, fühlt sich erschöpft und ausgelaugt.

Viele Mütter können die erste Zeit mit ihrem Baby nicht so genießen, wie sie es sich vorher ausgemalt hatten - aus ganz verschiedenen Gründen. "Sie sind unsicher, ob sie der Mutterrolle gewachsen sind, wie sich die neue Situation mit Kind auf die Partnerschaft auswirkt, ob es dem Baby wirklich gut geht oder sie wieder Anschluss an ihre Arbeit finden werden. Manchen fällt es auch schwer, ihr Kind anzunehmen", sagt Franziska Hagner. Zusammen mit Juliane Schmidt-Hantke hat die Diplom-Psychologin aus Dresden für diese Frauen das Online-Tool "PandaMom" entwickelt. Es nimmt Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel gezielt Ängste. Es klärt sie über körperliche und geistige Veränderungen auf, mit denen in der Zeit rings um die Entbindung zu rechnen ist. "Dass sie besorgt und unsicher sind, ist vollkommen normal. Es ist aber wichtig, dass sie lernen, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen können", so Hagner.

Warum psychische Veränderungen kurz nach der Entbindung normal sind, erklärt Professor Sven Hildebrandt, Gynäkologe aus Dresden, so: "In dem Moment, in dem sich während der Geburt die Plazenta von der Mutter abkoppelt, rutscht die Frau in einen so krassen Hormonentzug wie nie wieder in ihrem Leben." Das wirke sich massiv auf das Dopaminsystem und damit auf das seelische Gleichgewicht aus. Meistens wird dadurch der Babyblues ausgelöst, der nach wenigen Tagen von allein vergeht. Bei rund einem Fünftel bleibt es aber nicht bei den harmlosen Heultagen. Sie entwickeln eine Wochenbettdepression, die behandelt werden muss.

"Früher sind die jungen Mütter bis zehn Tage nach der Geburt in der Klinik geblieben", so Hildebrandt. Bedenkliche psychische Veränderungen seien dadurch schnell erkannt worden. Das ist jetzt anders. Viele werden kurz nach der Entbindung nach Hause entlassen. Dort kümmere sich zwar in den meisten Fällen der Mann um Mutter und Kind. "Aber medizinisch geschult ist der Vater ja in der Regel nicht", so Hildebrandt. Dadurch könne er oft nicht erkennen, wenn sich der Zustand der Frau in eine kritische Richtung bewege. Besonders empfänglich dafür seien Frauen, die vorher schon einmal eine Depression hatten oder die ungeplant schwanger wurden. Bei ihnen passt das Kind gerade nicht ins Leben. Aber auch Frauen, die sich lange ein Kind gewünscht haben, sind nicht gefeit.

Viele Frauen schämen sich für ihre Gedanken oder Gefühle. Es belastet sie, dass die Wohnung nicht perfekt aufgeräumt ist und sie noch nicht wieder schlank, ausgeruht und schön sind. Sie befürchten, dass sie den Ansprüchen ihres Umfelds nicht gerechtwerden könnten. Dazu kommt die eigene Erwartung, dass man nun doch glücklich sein müsse.

"Dass die Frau das nicht sein könnte, passt nicht ins Selbstbild", sagt Schmidt-Hantke. "Aber die Mütter sprechen nicht darüber", sagt Hebamme Tina Wünsche aus Dresden. Vielen falle es schwer, eigene Bedürfnisse zu erkennen und zu formulieren. "Wir beobachten häufig, dass Frauen ihrem Partner nicht zur Last fallen wollen. Manche haben den Eindruck, selbst nicht mehr wahrgenommen zu werden. Denn in jedem Gespräch geht es nur noch um das Kind, nicht um die Mutter.

An diesen Punkten setzt "PandaMom" an. Das Selbsthilfeprogramm gibt Anregungen, gibt sogar Satzbausteine vor, die beim Formulieren helfen können. "Oft reicht es ja schon, wenn man vorher über verschiedene Möglichkeiten nachgedacht und überlegt hat, was einem guttun würde", so Schmidt-Hantke. Frauen würden dann nicht unvorbereitet in eine schwierige Situation hineingeraten. Das lasse sie nicht so tief fallen und ermögliche es ihnen, selbst einen Ausweg zu finden.

Zusätzlich können Teilnehmerinnen über Dialogfelder direkten Kontakt zu Hagner oder Schmidt-Hantke aufnehmen. Sie geben individuelle Rückmeldungen. "Ich vergleiche unser Angebot gern mit einem Werkzeugkasten, aus dem man sich je nach Bedarf bedienen kann", sagt Hagner. Die beiden arbeiten an der Professur für Klinische Psychologie und E-Mental Health der TU Dresden. Dort beraten sie auch Frauen mit Essstörungen. "Sie wissen es zu schätzen, dass sie zu jeder Zeit auf das Programm zurückgreifen können und anonym bleiben."

"PandaMom" ist inhaltlich in zehn Module unterteilt. Pro Woche kann man sich jeweils ein Themenfeld erschließen. Bis Ende Juni ist sich das Präventiv-Programm in der Testphase. Danach könnte es als Leistung für Krankenkassen interessant werden. "Das wäre zu unterstützen, da es in einer Zeitspanne greift, in der viele Mütter auf sich allein gestellt sind", so Hildebrandt. Bislang nutzen 26 Frauen das Programm. Eine von ihnen, eine 34-jährige Dresdnerin, schreibt: "Es hat mir geholfen, die Angst nicht die Überhand gewinnen zu lassen und nicht zu verzweifeln." Besonders gutgetan habe ihr, zu sehen, dass viele Bedenken ganz normal sind und es anderen Eltern ähnlich geht.

Anmeldungen sind noch bis Ende Juni möglich, per E-Mail unter:

pandamom@mailbox.tu-dresden.de

Harmloser Babyblues oder behandlungsbedürftige Depression? 

Die hormonelle Umstellung nach der Entbindung bringt viele Frauen wenigstens kurzzeitig auch emotional aus dem Tritt. Das ist normal. Aber manchmal ist Hilfe von außen nötig.

80 Prozent haben den Babyblues. Das Stimmungstief verschwindet vier bis neun Tage nach der Geburt von allein wieder. "Die Frauen freuen sich über ihr Kind, können es auch versorgen, aber plötzlich wird ihnen die neue Verantwortung bewusst. Manche haben noch Schmerzen", sagt Hebamme Tina Wünsch.

Rund 20 Prozent leiden unter einer Wochenbettdepression. Diese Mütter sind anhaltend niedergeschlagen, weinen, sind müde. Sie haben Versagens- oder Schuldgefühle, Schlafstörungen, weniger Appetit, können sich nur schwer konzentrieren. Manche haben Selbstmordgedanken. Sie müssen professionell behandelt werden.

Jede Fünfte hat eine postpartale Angststörung. Betroffene haben schwere Angst- und Panikgefühle, die sich meist auf das Baby und dessen Wohlergehen beziehen. Auch sie brauchen professionelle Behandlung.

Unter ein Prozent erkranken an einer Wochenbettpsychose. Das sind extreme Angstzustände, Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder Verhaltensänderungen. "Manche Betroffene fühlen sich schon in der Schwangerschaft vom Kind bedroht und wie vom Satan besessen", sagt Psychologin Juliane Schmidt-Hantke. Für das Baby kann das lebensgefährlich werden. Die Mütter sind krank und müssen möglichst sofort stationär behandelt werden. rnw/sp

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