Wenn Sucht die Familie zerstört

Welchen Schmerz erleben Eltern, und wie können sie helfen - Autorin Sonja Vukovic sucht nach Antworten

Viele Eltern fühlen sich überfordert und ratlos, wenn ihr Kind vom Internet abhängig ist, Essstörungen hat oder kifft. Und der Konsum illegaler Drogen steigt. Deutschlandweit nehmen 20,5 Prozent der 18- bis 24-Jährigen illegale Drogen, in Sachsen sind es sogar 22,3 Prozent. Das geht aus dem aktuellen Suchtbericht für den Freistaat hervor. Die Hälfte aller Abhängigen, die Hilfe in einer Suchtberatungsstelle in Sachsen suchen, trinken zu viel Alkohol. Doch wie reagieren Eltern richtig? Sonja Vukovic sucht in ihrem neuen Buch nach Antworten. Sie hat kein Patentrezept, aber Botschaften - auch als Betroffene. Gabriele Fleischer hat mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Nachdem Sie durch Ihre Essstörungen die Sucht in all ihren Facetten kennengelernt hatten, ist Ihnen der Weg in ein normales Leben gelungen. Das beschreiben Sie in Ihrer Autobiografie. Jetzt haben Sie mit "Außer Kontrolle" ein neues Buch vorgelegt. Worum geht es?

Um Erfahrungen von Eltern, die ein Kind an eine Sucht verloren haben. Entstanden sind sieben Porträts. Ich lasse mit den Müttern und Vätern Menschen zu Wort kommen, die keine Lobby haben und oft kein Gehör finden. Ich zeige das Leid in den Familien. Manche der Geschichten fanden ein glückliches Ende, andere endeten in der Katastrophe.

Welche Antworten nach dem Warum haben Sie gefunden?

Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Die Ursachen für Sucht sind komplex, von Familie zu Familie verschieden. Dabei sind Antworten für Eltern so wichtig, denn sie können viel tun, um ihr Kind zu schützen. Sucht ist eine Krankheit, die die gesamte Familie und immer mehr Familien in Deutschland befällt.

Was können Eltern tun, wenn das eigene Kind süchtig ist?

Jeder Fall ist anders. Aber eines habe ich verstanden: In erster Linie muss sich jeder um sich selbst kümmern. Das heißt nicht, dass Eltern ihre Kinder aufgeben sollen. Aber sie dürfen sich selbst dabei nicht verlieren. Nur Eltern, die stabil sind, können echte Hilfe sein. Vor allem, wenn es gesunde Geschwisterkinder gibt, wird der Balanceakt zwischen Fürsorge um die Kinder und sich selbst kompliziert, aber unerlässlich. Eltern sollten sich selbst therapeutische Hilfe oder eine Selbsthilfegruppe suchen.

Wer ist besonders betroffen?

Kinder, die traumatische Erlebnisse nicht verarbeitet haben. Dazu kann schon die Trennung der Eltern zählen. Es betrifft auch Kinder von Eltern, die sich zu wenig oder zu viel kümmern; Kinder mit Depressionen oder einem mangelnden Selbstwertgefühl; Kinder, die nur Erwartungen erfüllen und nie sie selbst sein können; Kinder, die Konflikte nicht selbstständig und nicht selbstbewusst lösen können. Betroffen sind auch Erwachsene, die das Kind in sich nie ehrlich angesehen haben.

Wie lässt sich helfen?

Die Meinung ist verbreitet, dass Süchtige Hilfe selbst wollen müssen. Das ist falsch. Sucht ist eine international anerkannte Erkrankung der Psyche. Man hilft Betroffenen am besten dabei, sich selbst zu helfen, indem man ihnen Möglichkeiten bietet, sich zu befähigen. Das ist möglich bei Therapien, Selbsthilfe, aber auch in einem Alltag, der Betroffene immer wieder zu Problemen der Erkrankung führt. Wer aus Fürsorge den Dealer des drogensüchtigen Sohnes bezahlt, die Lebensmitteleinkäufe der bulimischen Tochter, die sonst klauen würde, wer versucht, das kranke Kind in einen normalen Alltag zu betten, der verstärkt die Sucht nur. Es muss klar sein: Ich liebe dich und bin da, wenn du es möchtest. Aber ich löse deine Probleme nicht für dich.

Was lässt sich präventiv tun?

In der Ausbildung des Selbstwertgefühls in Bezug auf Gefühle und Bedürfnisse spielen die ersten Lebensjahre eine große Rolle. Es gibt Theorien, denen zufolge alle Erziehung mit 14 Jahren vorbei ist - und ich glaube das. Zumindest wird es in der Pubertät schwieriger, weil Eltern dann als Autorität hinterfragt werden. Das Kind bildet eine eigene Identität außerhalb der Familie. Damit geht der direkte Zugang häufig verloren. Daher sollte vorher viel passieren, durch hinhören und hinsehen und durch eine gute Balance zwischen individueller Fürsorge und Förderung der Eigenständigkeit des Kindes. Es ist gut, vor der Pubertät eine andere Vertrauensperson für das Kind zu finden. Vielleicht gibt es eine Tante, einen Freund des Vaters, die oder den das Kind mag. Vielleicht kann diese Person dann in schwierigen Zeiten den Zugang finden, den Eltern nicht mehr haben.

Woran mangelt es beim Umgang mit Süchtigen?

In Deutschland wird zu wenig in die Prävention investiert. Das Thema wird weiter tabuisiert, obwohl Experten zufolge neun von zehn Menschen abhängig sind, direkt oder indirekt. Wir lassen Menschen, die keine Leistungsträger sind, ja ohnehin systemisch meist im Stich, egal, ob es um die Pflegekrise geht, um die Zustände an deutschen Schulen. Mit Sucht will schon mal niemand etwas zu tun haben. Dabei kostet sie uns durch Arbeitsausfall, Justiz, Therapie, Behandlung schwerer Folgekrankheiten mehr als Prävention und Aufklärung kosten würden.

www.suchthilfe-sachsen.de

www.slsev.de

Die Autorin

Sonja Vukovic ist Journalistin und Autorin. Die 32-Jährige engagiert sich für Suchtprävention und -aufklärung. Sie litt selbst 13 Jahre an Bulimie und Anorexie. Ihr Vater ist Alkoholiker.

Buchtipp "Außer Kontrolle. Unsere Kinder, ihre Süchte - und was wir dagegen tun können".

Preis: 18 Euro

ISBN: 978-7857-2606-8

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