Werbung macht dick

Kinder essen mehr, wenn sie Snack-Spots gesehen haben, zeigen Studien. Ärzte fordern ein striktes Werbeverbot.

Fürsorgliche Igeleltern füttern ihr Junges mit süßen Gummitieren, bis es vor Freude tanzt. Comicfiguren zeigen, wie gesund eine Kokokrunch-Mahlzeit ist, obwohl die Frühstücksflocken überwiegend aus Zucker bestehen. Ein Patient im Krankenhaus stopft sich tütenweise Chips in den Mund, sodass er sogar seinen Krankenbesuch übersieht. Solche Werbespots für ungesunde Lebensmittel müssen verboten werden, fordern die Deutsche Allianz für nichtübertragbare Krankheiten und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Denn Kinder glauben ihren Idolen und Comicfiguren.

Wie stark die Werbung aber tatsächlich wirkt, hat eine aktuelle Studie der Universitäten Sydney, Liverpool und Wollongong gezeigt. Dafür wurden 160 Kinder eines Feriencamps in vier Gruppen eingeteilt. Gruppe 1 sah täglich einen zehnminütigen Film mit Werbeunterbrechungen für ungesunde Produkte. Gruppe 2 spielte zusätzlich noch ein kurzes Computerspiel mit Frühstücksflocken-Werbung. Gruppe 3 und 4 wurde der gleiche Kurzfilm gezeigt, sie sahen aber Werbung für andere Produkte, zum Beispiel von Disney Land oder Lego. Gemessen wurde dann, wie viel die Kinder bei Frühstück und Mittag sowie in einer Snackpause direkt nach dem Film gegessen haben.

Ergebnis: Kinder, die in TV und Computerspiel Werbung für ungesunde Produkte sahen, aßen am Tag durchschnittlich 46 Kilokalorien mehr als die Kinder der beiden Kontrollgruppen. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei bereits übergewichtigen Kindern - sie aßen 95 Kilokalorien mehr als die Kontrollgruppe. Dabei wurden nicht einmal die beworbenen Produkte angeboten. Die Werbung verführte die Kinder offenbar generell dazu, mehr zu essen. Bietet man ihnen genau den beworbenen Snack an, fällt der Effekt noch dramatischer aus. Sie konsumierten mit Snack-Werbung ein Drittel mehr Kalorien als ohne.

Kinder sind häufig Snack-Werbung ausgesetzt, wie der AOK-Bundesverband im letzten Jahr ermittelt hat. Danach enthalten mehr als 60 Prozent aller Webseiten für Lebensmittel spezielle Elemente, mit denen Minderjährige gezielt zum Konsum animiert werden. Eine Hochrechnung der Universität Hamburg ergab außerdem, dass Kinder täglich zwischen acht- und 22-mal Online-Werbung von Lebensmittelhändlern erhalten. Hinzu kommen rund 15.000 Werbespots im Fernsehen und 2000 auf Facebook.

"Wissenschaftlich ist damit hinreichend erwiesen, wie schädlich Snack-Werbung für Kinder ist", sagt Professor Hans Hauner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Stiftung. "Es ist deshalb nicht zu erklären, dass wir das als Gesellschaft immer noch zulassen." Aus Sicht des Kinderärztepräsidenten Dr. Thomas Fischbach sind Fehlernährung und mangelnde Bewegung Kinder-Dickmacher, gegen die Eltern etwas tun können. "Gegen Werbung sind sie jedoch machtlos. Kinder, die im Fernsehen oder bei Computerspielen ständig Essen sehen, wollen auch ständig essen", sagt er. "Es ist unfassbar, dass der Staat die Eltern mit diesem Problem alleine lässt. Wir brauchen endlich ein Werbeverbot, um vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien zu schützen."

Jedes siebte Kind in Deutschland ist laut der Kindergesundheitsstudie des Robert-Koch-Institutes zu dick, rund sechs Prozent sind sogar adipös. Übergewicht ist aber der größte Risikofaktor für Diabetes. 300.000 Neuerkrankungen gebe es jährlich in Deutschland, so Barbara Bitzer, Sprecherin der Ärzteinitiative.

Umgekehrt, auch das zeigen Studien, kann der Lebensmittelkonsum durch verständlichere Nährwertinformationen auch positiv beeinflusst werden. Die Ärzte begrüßen es daher, dass der Hersteller Danone ab 2019 ein Ampelsystem für seine Produkte einführen will, um ungesunde Lebensmittel kenntlich zu machen. Untersuchungen in Supermärkten hätten gezeigt, dass sich dadurch die Nährwertqualität des eingekauften Warenkorbs um neun Prozent verbessert - auch bei Personen mit geringem Einkommen.

Bitzer: "Verbraucher haben das Recht auf verständlichere Informationen - dann treffen sie auch gesündere Kaufentscheidungen." Neben dem Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel und einer verständlichen Lebensmittelkennzeichnung fordert die Ärzteinitiative auch eine höhere Besteuerung ungesunder Lebensmittel. "Stark verarbeitete, salz-, zucker- und fettreiche Lebensmittel sollen mit 19 Prozent, Softdrinks sogar mit 29 Prozent Mehrwertsteuer belegt werden. Obst und Gemüse sowie gesunde Lebensmittel können von der Mehrwertsteuer befreit werden", so Bitzer. Die Ärzteinitiative fordert ferner das Aufstellen von Wasserspendern in Schulen, ein Verkaufsverbot für Süßigkeiten und Softdrinks sowie abwechslungsreiche Hauptmahlzeiten.

Auf offene Ohren stießen die Ärzte damit bereits bei der letzten Verbraucherschutzministerkonferenz im Juni. Die Minister stellten in einem Beschluss fest, dass die bislang geltende gesetzliche Selbstregulierung der Lebensmittelindustrie und der Werbewirtschaft nicht ausreicht, um Kinder wirksam vor dem Konsum ungesunder Lebensmittel und animierender Werbung zu schützen. Die Bundesregierung soll nun prüfen, welche rechtlichen Maßnahmen gegen die Werbewirtschaft ergriffen werden können. Darüber soll in der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz im November berichtet werden. Den Ärzten gehen diese Beschlüsse nicht weit genug. Barbara Bitzer: "Es ist ein erster Schritt. Aber wir brauchen wirklich nachhaltige Maßnahmen. Einzelne Projekte oder Appelle an die Vernunft reichen nicht mehr. Dafür ist es leider schon zu spät."

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