Wie begeistere ich Kinder für Bewegung?

Sportpsychologe Jens Kleinert über faule Kids, ehrgeizige Väter und Tricks, wie man den murrenden Nachwuchs motiviert

Das Problem kennen viele Eltern: Sie sind begeisterte Radfahrer, doch der Kleine will partout nicht selbst aufs Rad. Andere Väter und Mütter hoffen, dass Sohn oder Tochter durch Bewegung motorisch geschickter werden, schlank bleiben, Freunde finden oder Disziplin und Rücksicht lernen. Doch wie finden Eltern heraus, welche Sportart passt? Kinder können die Freude am Sport lernen, sagt der Sportlehrer, Arzt und Sportpsychologe Jens Kleinert. Martina Hahn hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Kleinert, ein Kind klettert auf jeden Baum, das andere stolpert über seine Füße. Kommen wir sportlich oder unsportlich auf die Welt?

Ganz sicher nicht. Doch wir kommen mit gewissen Anlagen auf die Welt, die wir weiterentwickeln. Aber als Weltmeister oder Coach-Kartoffel wird man nicht geboren.

Was entscheidet dann darüber, wie sportlich ein Kind wird?

Sein soziales Umfeld, also Eltern, Gleichaltrige, Lehrer - und das vor allem zwischen drei und acht Jahren sowie in der Jugend. Das sind sensible Phasen, in denen sich Kinder entfalten. Dabei können Bewegungsangebote auf guten Nährboden fallen - oder nicht. Mitentscheidend ist auch das materielle Umfeld, etwa Bäume oder Bolzplätze.

Spielt auch das finanzielle Umfeld der Eltern eine Rolle?

Wohlhabende Eltern können leichter den Eintritt ins Schwimmbad oder die Vereinsgebühr bezahlen als ärmere. Aber für die Frage, ob das Kind dadurch Freude an Bewegung und Sport entwickelt, ist Geld kein entscheidendes Kriterium, - Stichwort kostenlose Bäume oder Bolzplätze. Wichtiger sind die Menschen rund ums Kind: Haben die Eltern Freude an Sport? Motivieren sie ihr Kind, sich zu bewegen?

Ab welchem Alter ist welcher Sport ideal oder geht gar nicht?

Hierfür gibt es weder Regeln noch Tabus. Höchstens Bedenken aus körperlicher Sicht. In Wachstumsphasen kann zum Beispiel Krafttraining problematisch sein. Aber wenn das mit dem Arzt abgeklärt und die Muskulatur gut ausgebildet ist, sind auch Kraftsport, Turnen, Fußball oder Tennis für kleine Jungen und Mädchen kein Problem - zumal Schläger oder Spielfeldgrößen ja an die Kinder angepasst werden.

Geht beim Kind mental alles?

Nein. Man muss bei einem Zehnjährigen schon schauen, ob er psychologisch stark genug ist, an Wettkämpfen teilzunehmen oder um Leistungsdruck auszuhalten. Ob er das überhaupt will. Viele Kinder sehen im Sport eher einen Ausgleich.

Entwickeln sich Kinder besser, die sich gerne und oft bewegen?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Sport und einer besseren Entwicklung. Doch wissen wir wenig darüber, was Ursache und was Wirkung ist. Die meisten profitieren motorisch von Sport, das beginnt schon beim Babyschwimmen. Durch Sport kann ein Kind herausfinden, was es schafft. Es setzt sich mit dem eigenen Körper auseinander. Teamsport fördert die psychosoziale Entwicklung. Aber einige werden womöglich gemobbt, weil sie den Ball nicht treffen. Die leiden dann in ihrer Entwicklung! Sport kann das Selbstkonzept stärken und sogar bei Essstörungen helfen - aber ebenso zu Essstörungen führen. Offen ist auch: Bringt Selbstvertrauen Kinder dazu, Sport zu treiben oder fördert Sport das Selbstvertrauen?

Hilft Sport "schwierigen" Kindern, die sich zu Hause allen Regeln widersetzen?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich hat Sport auch eine Erziehungsfunktion. Gerade im Wettkampf lernt man Grenzen und Regeln zu befolgen. Manchen Kindern hilft das, vielleicht auch dann, wenn Grenzen und Regeln zu Hause nicht gelernt werden. Teamsportarten können helfen, Teamgeist zu entwickeln; bestimmte Sportarten können aber auch zu starkem Individualismus führen. Und doch lernt man über den Sport in der Regel, andere Menschen zu respektieren und Rücksicht zu nehmen - wenn Trainer das vermitteln können.

Wie motiviere ich ein Kind, das sich partout nicht bewegen will?

Indem Sie ihm eine Sportart nahebringen, die ihm Freude macht. Alle Menschen haben drei Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz, Beziehung. Werden einzelne oder mehrere dieser drei Bedürfnisse beim Sport befriedigt, wird das Kind Freude entwickeln und dranbleiben.

Was heißt das konkret?

Beispiel Kompetenz: Wenn das Kind beim Radfahren viermal auf die Nase fällt, ist es frustriert, verliert die Lust und wird auf kein Rad mehr steigen. Dagegen motivieren das Kind Sportarten, in denen es Lernerfolge hat. Beispiel Autonomie: Egal, ob sie drei oder 93 Jahre alt sind - Menschen wollen selbstbestimmt agieren. Gebe ich dem Kind einen Sport vor, den es nicht machen will, haben wir den nächsten Frust. Zum dritten Punkt Beziehungen: Auch Bewegung mit anderen motiviert. Etwa mit Gleichaltrigen, in einem Verein. Auch Eltern können Bewegungsrituale schaffen. Vater und Sohn etwa dasselbe Trikot anziehen.

Wie wichtig sind Eltern als sportliche Vorbilder?

Nur bedingt wichtig. Sicherlich können Eltern Sport vorleben. Aber das kann sogar kontraproduktiv sein. Ein Beispiel: Fahren die Eltern immer mit dem Rad zum Bäcker, wird das wohl auch das Kind ohne Murren tun. Sieht es den Vater aber immer mit hochrotem Kopf und gequältem Blick vom Joggen zurückkehren, kann das Vorbild Vater auch nach hinten losgehen. Spätestens in der Pubertät achten Kinder ohnehin eher darauf, welchen Sport die Freunde machen.

Dürfen Eltern Druck ausüben?

Klar können - und müssen oft-- Eltern ihren Nachwuchs anfangs etwas schieben. Sie dürfen auch belohnen oder Kompromisse schließen. Etwa: an zwei Tagen radeln wir gemeinsam, am dritten darfst du entscheiden, was wir machen. Auch Sätze wie: du wirst sehen, es macht Spaß! sind erlaubt. Sie funktionieren aber nur, wenn das Kind später wirklich Freude am Sport erlebt.

Was tun, wenn das Kind aber dennoch murrt und blockt?

Das hat meist einen Grund. Überlegen Sie dann, warum es Gemecker gab. Und ob Ihr Angebot vielleicht keines der genannten drei Bedürfnisse des Kindes befriedigt, und was man daran ändern kann.

Was tun, wenn das Kind ängstlich ist?

Nicht Jeder ist ein Kletterer. Sie können aber versuchen herauszufinden, ob das Kind immer ängstlich ist oder nur in einer bestimmten Situation. Hat es generell mehr Angst als andere, kann das ein Teil seiner Persönlichkeit sein und man muss es ein Stück weit akzeptieren. Aber Angst kommt auch oft daher, dass ein Kind nicht glaubt, kompetent zu sein. Es hat Angst, auf den Baum zu klettern, weil es fürchtet herunterzufallen, vielleicht sogar schon heruntergefallen ist. Es fürchtet also Misserfolg. Helfen Sie ihm daher, Vertrauen zu entwickeln, damit es das Gefühl bekommt: Ich kann das lernen! Loben Sie es schon bei Teilerfolgen. Konzentriert sich das Kind statt auf das Scheitern auf das Lernen, wird die Angst ausgeschaltet.

Wie finde ich heraus, welche Sportart zum Kind passt?

Indem Sie es ausprobieren lassen und fragen: Was fandest du gut, was nicht? Schnupperangebote gibt es zuhauf. Wichtig ist für viele Kinder, dass sie nicht alleine hingehen müssen. Es sollte aber nicht immer ein Elternteil sein, der es begleitet.

Was, wenn das Kind alle paar Monate eine neue Sportart zum Favoriten kürt?

Als Sportwissenschaftler finde ich das erst mal toll! Das Kind probiert ja ganz viel aus! Aber wenn man als Eltern schon in mehrere Sportausrüstungen investiert hat, ist man natürlich genervt. Daher mein Rat: Mit teurem Equipment erst mal zurückhaltend sein. Selten bleibt die erste Sportart eines Kindes seine letzte.

Welche Fehler sollten und können Eltern vermeiden?

Desinteresse zu zeigen - sowie zu hohe Erwartungen zu haben. Damit können Eltern dem Kind jeden Sport verleiden. Man muss irgendwo die Mitte finden. Schlimm ist, wenn Eltern die eigenen - oft auch unerfüllten - Sportträume auf das Kind projizieren. Oder wenn sie die eigenen Sportfähigkeiten auf das Kind übertragen und es damit überfordern. Es gibt auch Helikoptereltern, die jede Gefahr abblocken, das Kind auf keine Mauer klettern lassen oder auch die Dreijährige noch die Treppe hochtragen. Das kontrollierte Risiko gehört zur Bewegungsentwicklung des Kindes dazu.

Und wenn der Nachwuchs trotzdem lieber liest oder Geige spielt?

Dann sollten Sie akzeptieren, dass es vielleicht kein Sportkind wird. Sie sollten ihm dennoch Bewegungsangebote machen. Mein Großvater ist mit mir früher in den Steinbruch gelaufen, um dort gemeinsam Salamander zu suchen. Das findet vielleicht auch ein Geigenkind spannend.

Dr. Jens Kleinert

Der Sportpsychologe ist Professor für Sport- und Gesundheitspsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, war selbst aktiver Schwimmer und Handballer.

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