Wie finde ich sinnvolle Kinder-Apps?

Medienpädagoge Marc Urlen bewertet Apps - viele sind Kostenfallen. Doch sie lassen sich umgehen, sagt er.

Das App-Angebot für Kinder ist riesig: Mehr als 100.000 Spiele-Apps gibt es in den Stores. Das sind nicht nur Lernprogramme und Kreativangebote, sondern auch Spiele, für die Kinder oft ihr ganzes Taschengeld ausgeben - in Einzelfällen waren das bis zu 1000 Euro im halben Jahr, wie eine im März veröffentlichte Studie der DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen nachweist. Medienpädagoge Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut in München baut eine Datenbank auf, die Eltern Orientierung bietet. Über 700 Angebote hat sein Team schon getestet und bewertet. Susanne Plecher sprach mit ihm.

Freie Presse: Wie können Eltern herausfinden, welche App für ihr Kind geeignet ist?

Marc Urlen: Indem sie sich Fragen stellen: Was haben sich die Gestalter dabei gedacht? Hilft die App dem Kind, sich die Welt zu erschließen und etwas Neues zu erfahren - oder ist sie nur gut, um Zeit totzuschlagen? Bietet sie etwas Interessantes oder eine endlose Abfolge von simplen Geschicklichkeitstests? Steckt ein nachvollziehbares pädagogisches Konzept dahinter oder geht es nur darum, Kinder an das Spiel zu binden und zu Käufen zu verleiten? Ob eine App geeignet ist, finden Eltern am besten heraus, indem sie sich das Spiel selber herunterladen und schauen, worum es da eigentlich geht. Gute Apps werden meist für einen angemessenen Preis komplett angeboten und verleiten nicht zu weiteren Käufen.

Kann man davon ausgehen, dass alle kostenlosen Apps versteckte Kostenfallen enthalten?

Grundsätzlich heißt free-to-play erst einmal, dass ein Angebot kostenlos herunterzuladen ist. Aber es gibt nur wenige Apps, die tatsächlich kostenfrei bleiben. Eine Ausnahme sind zum Beispiel die Spiele von Lego. Die wollen zwar die Marke bekannter machen, bieten aber keine zusätzlichen In-App-Käufe an. Das Perfide an den meisten kommerziellen Angeboten ist, dass sie zunächst toll aussehen. Nach einigen Stunden öffnen sich aber versteckte Kostenfallen, das Spiel wird zäh. Kinder werden frustriert. Wollen sie Spielfortschritt haben, werden sie dazu gedrängt, In-App-Käufe zu tätigen. Diese werden aber in den App-Stores für das jeweilige Angebot aufgelistet. Tauchen da Kosten bis zu 150 Euro auf, sollte man sich schon fragen, wie die für eine nette kleine Kinder-App zustandekommen können. Da könnte etwas faul sein.

Was ist ein angemessener Preis?

Die meisten kosten zwischen drei und vier Euro. Dafür können Hersteller etwas Sinnvolles anbieten. Das Problem ist, dass viele Leute nichts bezahlen möchten. Das macht es für die Anbieter natürlich schwierig, gute Programme zu erstellen. Andererseits sind viele Kunden angenervt, wenn sie nicht wissen, welche Folgekosten auf sie zukommen. Man sollte doch eher geneigt sein, für ein gutes Produkt, mit dem das Kind sich eine Weile beschäftigen kann, etwas zu bezahlen - und das Produkt damit vollständig zu kaufen.

Lassen Sie uns über Schmuddelkinder der Branche reden. Gibt es besonders negative Beispiele?

Wir sprechen nicht von wenigen schwarzen Schafen, sondern vom hauptsächlichen Geschäftsmodell. Die kleine App kostet in der Herstellung nicht viel, aber sie wirft, wenn sie ein weltweiter Erfolg wird, Milliarden ab. Das ist für alle Hersteller höchst attraktiv. Ein Beispiel ist Clash of Clans. Das ist 2016 für 7,6Milliarden Euro an einen chinesischen Konzern verkauft worden.

Nach welchen Kriterien schätzen Sie Kinder-Apps für Ihre Datenbank ein?

Das sind hauptsächlich Spaßfaktor, pädagogisches Konzept, Sicherheit und Kosten sowie Technik. Wir vergeben dafür Sternchen und analysieren in längeren Texten, was wir vorgefunden haben.

Welche Sicherheitsthemen sind dabei relevant?

Wir schauen, ob es einen abgesicherten Elternbereich gibt, dass keine Werbung für Kinder eingeblendet wird, dass sie nicht motiviert werden, sich über soziale Netzwerke zu verbinden. Viele Spiele verleiten dazu, weil sie hoffen, ihre Reichweite zu vergrößern. Es geht darum, in einem Schneeballsystem immer mehr Kinder daran zu binden - und Geld mit ihnen zu verdienen. Das passiert auch darüber, dass ständig Werbung eingeblendet oder Nutzerdaten gesammelt und an die Hersteller weitergeleitet werden. Die Haupteinnahmequelle sind aber die In-App-Käufe.

Was muss ein Kind können, damit es kompetent mit Medien umgeht?

Es muss verstehen, dass Medien von Menschen gemacht werden, dass eine Botschaft dahintersteckt, dass jemand damit ein Ziel verfolgt. Erst dann kann es Medien einordnen, bewusst nutzen, die eigene Nutzung reflektieren, sich selbst fragen: Was mache ich hier eigentlich? Bringt mir das etwas?

Wie können Eltern dabei helfen?

Eltern können sich die Technik und die Apps mit ihren Kindern gemeinsam erschließen. Sie können sie fragen: Was hast du bei der App erlebt? Was hat Spaß gemacht? Was war nicht so schön? Was meinst du, woher so eine App kommt, wer sie macht, wie sie funktioniert? In unserer Datenbank haben wir eine Liste mit Gesprächsthemen zu den getesteten Apps. Ich denke, Eltern müssen nicht zu ängstlich oder zu vorsichtig sein. Es geht nicht darum, dass sie alle Funktionen perfekt beherrschen, sondern um die kommunikative Kompetenz, mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Dazu gehört gar nicht so viel - außer der Bereitschaft, Kinder bei ihren Medienerfahrungen zu begleiten.

Die Datenbank des Deutschen Jugendinstitutes finden Sie unter: www.freiepresse.de/apps-fuer-kinder

Die Verbraucherzentrale Sachsen organisiert auf Anfrage Infoabende in Schulen zum Thema: vzs@vzs.de

 


Dr. Marc Urlen 

Der Politologe hat über die Zusammenhänge zwischen menschlichen Denkprozessen und Bildern in den Massenmedien promoviert.

Als Medienpädagoge hat er beim Radio, TV, in Kindergärten und Schulen gearbeitet.

Seit 2016 baut er beim Deutschen Jugendinstitut eine Datenbank auf.


Vom Deutschen Jugendinstitut empfohlene Apps 


Deine laute Welt - Wald und Dschungel

Im Wald mit den Kleinsten: Beim Durchwandern des Panorama-Bilderbuches werden 35 Tierarten mit ihren Namen und Lauten vorgestellt. Die App lädt zum Erkunden ein.

Genre: Umwelt, Geräusche, Töne;

Mindestalter:  Zwei Jahre;

Plattformen: I-Pad;

Preis: 3,49 Euro


We ARGH Pirates

Auf Schatzsuche: Mit einer Piratencrew geht das Kind auf Schatzsuche und löst dabei durch Logik und Geschick Aufgaben. Dabei begegnet es Riesenkraken und Ureinwohnern.

Genre: klassisches Computerspiel;

Mindestalter: Sechs Jahre;

Plattformen: I-Pad, Androidtablets;

Preis: 3,38 Euro bis 4,49 Euro


Mein Raumschiff - Raketenforschung für Kinder

Schwerelos durchs All: Wie funktioniert eine Raumfahrtrakete? Wie ist unser Sonnensystem aufgebaut? Wer war Nikolaus Kopernikus? Antworten bietet die App.

Genre: Lernspiel-App;

Mindestalter: Acht Jahre;

Plattformen: I-Pad;

Preis: 3,49 Euro

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