Wie fühlt sich ein Alkoholrausch an?

Angesichts immer jüngerer Komatrinker in Sachsen klärt die DAK auf - und verwendet dafür ungewöhnliche Mittel.

Lilly setzt eine unförmige Brille auf und fängt sofort an, zu schwanken. "Das ist alles so wackelig", sagt die 14-jährige Radebergerin. Von einer Sekunde auf die andere sieht nichts mehr aus wie sonst. Arme und Beine wirken, als wären sie drei Meter lang, die Farben sind eingetrübt, Bilder überschneiden sich - alles ist dumpf, dunkel, anders. Unsicher tastet das Mädchen nach der Hand von Rudolph Stempel. "Diese Brille simuliert einen schweren Alkoholrausch. So nimmt man die Welt kurz vorm Koma wahr", erklärt er. Stempel arbeitet für die DAK in Dresden. Die Krankenkasse hatte in der vergangenen Woche 300 Schüler aus der Umgebung in ein Dresdner Kino eingeladen, um mit ihnen über die Folgen von Alkoholmissbrauch zu sprechen. Der Film "Komasaufen", in dem sich ein junges Mädchen so betrinkt, dass es an den Folgen stirbt, inklusive.

Lillys Freundin Thea wirkt mitgenommen. "Ich wusste nicht, dass man wirklich an Alkohol sterben kann", sagt sie. Stempel nickt. Er war früher bei Rettungseinsätzen in Freiberg und Dresden dabei. Oft ist das Team zu komatösen Jugendlichen gerufen worden. Er erzählt von einer 16-Jährigen, für die jede Hilfe zu spät kam. "Sie hat getrunken bis zur Bewusstlosigkeit und ist dann erfroren", sagt er.

21.552 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren sind 2017 mit akuter Alkoholvergiftung deutschlandweit ins Krankenhaus eingeliefert worden. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. In Sachsen waren es 1130 - 177 mehr als im Jahr davor. Ein bis zwei von ihnen landen pro Woche in der Abteilung von Andreas Lachnit. Er ist Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Städtischen Klinikum Dresden. "Bei uns ist diese Zahl seit Jahren relativ stabil. Uns erschreckt eher, dass das Alter der Kinder immer weiter sinkt. Wir behandeln jetzt schon Zehn- und Elfjährige. Das hat es vor zehn Jahren noch nicht gegeben", sagt er. Ungelenk, als würde sie über Glatteis gehen, stakst Lilly einen Schritt nach vorn. "Das fühlt sich schrecklich an. Ich kann mich nicht mehr koordinieren", sagt sie. Rudolph Stempel drückt ihr einen orangen Knautschball in die Hand. Damit soll sie riesige Dosen von einem Tisch werfen. Keine Chance. Der Ball kracht acht Meter vom Ziel entfernt gegen ein Fenster. Lillys Mitschüler kichern. Sie selbst findet das nur bedingt lustig. Sie merkt: Ohne Hilfe wäre sie jetzt aufgeschmissen.

Der Kinosaal füllt sich, die Pause ist vorbei. 300 Jugendliche lachen, als der Arzt schildert, was in der Klinik als Erstes getan wird, wenn ein Jugendlicher bewusstlos und mit Alkoholfahne eingeliefert wird: "Wir säubern den Patienten." Volltrunkene haben sich in der Regel wiederholt erbrochen, sind nicht ansprechbar und müssen mitunter beatmet werden. "Das geht hin bis zur Betreuung auf der Intensivstation", sagt Lachnit. Für manche könne man leider nichts mehr machen. Totenstille im Saal.

Johannes Lohmann ist Rettungssanitäter beim DRK in Freital. "Für uns ist die Hauptgefährdungsgruppe eindeutig die frühe Jugend", sagt er. Er wird zu Zehn- bis Zwölfjährigen mit schwersten Alkoholvergiftungen gerufen. "Kinder können das nicht so gut kompensieren wie Erwachsene, weil ihre Körper noch nicht weit genug entwickelt sind", sagt er. Die Auslöser für den Vollrausch sind dabei - von außen und mit Erwachsenenaugen betrachtet- oft banal: schlechte Zensuren, Stress im Freundeskreis, Zoff mit den Eltern. "Wenn man älter ist, weiß man ja, dass das vorbei geht. Aber die Erfahrung muss man halt erst mal machen", so Lohmann. Neulich haben er und seine Kollegen eine 14-Jährige versorgt, die sternhagelvoll war - mitten an einem Wochentag. Ihr Freund hatte mit ihr Schluss gemacht. Für das Mädchen war eine Welt zusammengebrochen.

"Das Problem ist, dass das Trinken gesellschaftlich akzeptiert ist", sagt Ute Stein. Sie sitzt auf dem Podium gleich neben dem Oberarzt und outet sich als alkoholkrank. Sie leitet die Selbsthilfegruppe "Balance für Alkoholabhängige und Angehörige" in Dresden. Alkohol ist überall und zu jeder Tageszeit erhältlich, er ist viel zu preiswert und wird als Spaßbringer beworben. "Das ist für mich der größte Skandal. Diese Werbung müsste genauso verboten werden wie die Tabakwerbung", sagt sie. Ihr Nachbar stimmt zu: "Alkohol wird in Deutschland bagatellisiert. Wenn der Vater nach dem Essen einen Kräuterlikör zur Verdauung trinkt, dann fängt es schon an. Was bei der Verdauung hilft, sind Bitterstoffe, nicht der Alkohol." Stattdessen könne man genauso gut einen Chicoree essen.

Lachen im Saal. Die Schüler hören gespannt zu. Aber wie weit betrifft sie das wirklich, was hier verhandelt wird? Rund 200 Hände schnellen in die Luft auf die Frage, wer das mit dem Alkohol eigentlich gar nicht so schlimm fände. "Wir sprechen von Extremfällen. Die wenigsten stürzen so tief ab. Die Schüler wissen das", wird Sozialpädagoge Daniel Ellerbrock von der Diakonie das Abstimmungsergebnis später einordnen. Fakt ist: Alkohol ist die häufigste in Deutschland konsumierte Droge, gefolgt von Nikotin.

Christine Enenkel ist DAK-Chefin in Sachsen. Ihre 16-jährige Tochter war neulich zum ersten Mal in einem Klub tanzen. "Natürlich wird dort Alkohol getrunken, wahrscheinlich auch andere Drogen konsumiert", sagt die Mutter. "Ich kann den Zugang dazu nicht verhindern. Aber ich kann reden", so Enenkel. Wichtig sei ihr, niemandem den Spaß nehmen zu wollen. Wenn denn schon Alkohol getrunken werde, dann bitte bewusst und mit Genuss. Im Privaten hört sich das bei Enenkels dann so an: "Mädels, vergnügt euch, aber bringt bitte alle eure Hirnzellen wieder mit."

Bei allem Spaß haben Jugendliche auch eine Verantwortung für sich selbst. Das geht mit den Fotos los, die sie von ihren Partys auf sozialen Netzwerken wie Instagram posten. "Wir können doch coolere Bilder hochladen als betrunkene Kumpels mit Weinflaschen. Ich muss mir im Klaren darüber sein, wen ich mit den Fotos erreiche. Meine jüngere Schwester könnte das auch liken." Das gibt Spontanapplaus für Noah Wehn vom Landesschülerrat. Was macht man aber, wenn alle Freunde trinken und man nicht als langweiliger Moralapostel gelten will? "Ich würde mich hinsetzen und abwarten, bis ich nicht mehr gegängelt werde", überlegt Lilly. "Ich würde versuchen, genug Mut aufzubringen und zu gehen", sagt Thea. "Schaut euch vorher euren Freundeskreis an", sagt Noah. "Redet miteinander."

Im Foyer steht eine Plakatwand. Daran hängen die Vorjahressiegerarbeiten der DAK-Aktion "bunt statt blau". Schüler hatten sie gestaltet. "Pass auf, sonst colabierst du" steht auf einem. "Es geht mit einer kleinen Mieze los", auf einem anderen. Am Ende ist der Kater so mächtig, dass er ein Mädchen unter sich begräbt.


Plakataktion mit Preisen 

Die DAK lädt zum zehnten Mal Kinder und Jugendliche dazu ein, bunte Plakate gegen das Blau-Sein zu gestalten. Seit 2010 haben bundesweit rund 95.000 Schüler zwischen zwölf und 17 Jahren mitgemacht.

Einsendeschluss ist der 29. März.

Die besten Plakate sind der DAK in Sachsen 300, 200 bzw. 100 Euro wert. Die besten Landesplakate werden beim Bundeswettbewerb eingereicht. Anmeldung unter: www.freiepresse.de/bunt-statt-blau

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