Wie lässt man sich friedlich scheiden?

Familienanwalt Ralf P. Oppenländer über emotionale Ausnahmezustände, Streit um die Kinder und mangelnden Respekt

Rund 6500 Ehen pro Jahr werden in Sachsen geschieden, das ist immer noch fast jede Dritte. Bei acht von zehn geschiedenen Ehen sind minderjährige Kinder beteiligt, sagen neueste Statistiken. Der Dresdner Rechtsanwalt Ralf P. Oppenländer erklärt im Interview mit Redakteurin Karin Schlottmann, was Scheidungen von anderen Streitfällen unterscheidet.

Freie Presse: Gibt es ein Rezept für eine friedliche Scheidung?

Ralf P. Oppenländer: Ich halte gegenseitigen Respekt für wichtig. Wenn eine Ehe nicht mehr funktioniert, bleiben die Partner über die Kinder lebenslang miteinander verbunden. Allein schon deshalb sollten beide Seiten dafür Sorge tragen, dass man vernünftig auseinandergeht. Auf Vorhaltungen und Beleidigungen zu verzichten, ist schon mal ein guter Anfang.

Und wird Ihr Rat in der Praxis beherzigt?

Es gibt leider hoffnungslose Fälle. Manchmal sind Eheleute in der Vorstellung gefangen, dass der andere ein schlechter Mensch ist, da hilft auch guter Rat nichts mehr. Wer sich in dieser Lage befindet und Sorge- oder ein großzügiges Umgangsrecht für die gemeinsamen Kinder haben will, sollte sich zumindest vor Gericht im Griff haben. Es macht keinen guten Eindruck, den Ex-Partner als "Frau Meyer" oder "Herrn Schulze" oder gar mit "der da drüben" anzureden. Die Richter schätzen es nicht, wenn sich die Eltern gegenseitig herabsetzen.

Erwarten Mandanten vom Scheidungsanwalt psychologische Beratung?

Nicht alle, aber es kommt manchmal vor. Ich bin natürlich kein Psychologe, aber ich kann aus meiner Berufserfahrung heraus den einen oder anderen Rat geben. In schwerwiegenden Krisen rate ich aber lieber zu einer professionellen Beratung oder zu Selbsthilfegruppen.

Was unterscheidet Ihre Tätigkeit als Familienrechtsanwalt von der Arbeit anderer Fachanwälte?

Die Verfahrensregeln in familienrechtlichen Konflikten weichen von normalen Zivilprozessregeln ab. Es werden so gut wie nie Beweisanträge gestellt oder Zeugen vorgeladen. Stattdessen müssen die scheidungswilligen Paare Fragen nach der Ehe beantworten, beispielsweise, wer welche Aufgaben übernommen hat, und wie die Eheleute die finanziellen Dinge geregelt haben. Bei der Frage, ob die Ehefrau für ihren eigenen Unterhalt sorgen muss oder ob der Versorgungsausgleich abgewendet werden kann, kommt es oft auf eine Abwägung an: Was ist in diesem konkreten Fall recht und billig? Um vor Gericht überzeugend argumentieren zu können, muss ich intensiv zuhören und nachfragen. Ich muss auch, was den Verlauf der Ehe angeht, intimer werden als üblich, das heißt, über das Privatleben sprechen, welches mich normalerweise nichts angehen würde.

Wer ist aus Sicht des Anwaltes schwieriger: Männer oder Frauen?

Lassen Sie es mich so sagen: Ich habe zurzeit einen psychisch herausgeforderten männlichen Mandanten und eine ebenso geforderte weibliche Mandatin. Man kann das nicht verallgemeinern. Es gibt sehr emotionale Männer und sehr emotionale Frauen, und ich erlebe sehr rationale Frauen und ebenso viele rationale Männer.

Es wird heute häufiger um die Kinder gestritten. Woran liegt das?

Nach meinem Eindruck hatten die Väter in den 1990er-Jahren noch nicht so ein großes Interesse daran, sich um ihre Kinder zu kümmern. Ihnen lag nicht viel daran, das Sorgerecht oder regelmäßigen Kontakt zu ihren Kindern zu bekommen. Inzwischen hat sich die Lage geändert. Die Väter wollen nach der Scheidung ein großzügiges Umgangsrecht oder haben sich bereits während der Ehe um die Kinder gekümmert und es sind die Mütter, die um Besuchsrechte ringen müssen.

Viele Väter beklagen, dass ihre Ex-Frauen sie von den Kindern fernhalten und mit allen Mitteln vor Gericht dafür kämpfen, dass der Vater sein Kind nicht wiedersieht. Stimmt der Vorwurf?

Das erlebe ich nur noch selten, es kommt aber vor.

Vertreten Sie in solchen drastischen Konfliktfällen auch die Interessen der Mütter?

Ich hatte kürzlich einen Fall, da ging es sogar um einen Umgangsausschluss. Das ist eine seltene Entscheidung, die juristischen Hürden liegen hoch. Familienrichter sagen, Kinder brauchen beide Elternteile, auch wenn das Verhältnis konfliktbeladen sein sollte. Ein psychologischer Gutachter, den das Gericht beauftragt hatte, empfahl dem Gericht in diesem Fall allerdings ausdrücklich, den Kontakt zwischen Vater und Tochter zu unterbinden. Nachdem das Oberlandesgericht diese Entscheidung auch bestätigt hat, starb plötzlich die Mutter des Mädchens. Normalerweise vermeide ich den Kontakt zu den Kindern meiner Mandanten. Sie sagen in der Regel nur das, was der Elternteil erwartet, der gerade neben ihnen sitzt. In diesem Fall allerdings kam die damals 14-jährige Tochter direkt zu mir und sagte klipp und klar: Bevor ich zu meinem Vater zurück muss, gehe ich in ein Heim. Sie hat sogar das Jugendamt gebeten, sie in Obhut zu nehmen. So einen krassen Fall erlebt man allerdings selten.

Manche Anwälte sagen, Familienrecht ist mir zu dreckig, davon lasse ich die Finger. Verstehen Sie das?

(zögert) Ja.

Warum?

(überlegt) Mein zweites Fachgebiet ist Baurecht ...

... eine überraschende Kombination.

Genau. Die Sachverhalte im Baurecht sind einfacher. Ich muss nur die entsprechende gesetzliche Norm finden und gut ist es. Im Zweifel geht es den Klägern auch "nur" um Geld. Das ist im Familienrecht anders. Der Unterschied ist, dass ich vieles über die Familie und die Ehe wissen muss - auch um mich darauf vorzubereiten, was von der Gegenseite kommen könnte.

Verändert diese Arbeit Ihr Menschenbild?

Nein. Nur mein Blick auf manche Situationen im Alltag hat sich geändert. Wenn ich am Wochenende mit dem Motorrad unterwegs bin, sehe ich in den Kaffeepausen oder bei McDonald's häufig an einem Nebentisch einen Mann mit zwei Kindern. Dann denke ich mir meinen Teil.

Nämlich was?

Der hat gerade Umgang mit seinen Kindern. Was meine Haltung gegenüber der Institution der Ehe betrifft: Ich habe vor drei Jahren geheiratet. Und obwohl ich seit 20 Jahren Familienrechtler bin, habe ich mich getraut, ohne Ehevertrag zu heiraten.

Kennen Sie die Erfolgsformel für eine glückliche Ehe?

Spannende Frage. Ich halte gegenseitigen Respekt für wichtig und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Paare müssen sich auch Freiräume lassen. Wenn der eine gerne Sport treibt und der andere lieber Karten spielt, ist das völlig in Ordnung. Man muss nicht jede Minute seiner Freizeit gemeinsam verbringen.

Würden Sie guten Freunden zur Ehe raten?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. In der heutigen Zeit ist es nicht zwingend notwendig, wenn man keinen Wert auf Ehegattensplitting oder Witwenrente legt. Selbst das gemeinsame Sorgerecht ist für unverheiratete Paare kein Problem mehr. Heiraten ist eine rein persönliche Entscheidung.

Statistisch gesehen ist die Zahl der Ehescheidungen rückläufig. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Es gibt viele Paare, die sich sehr schnell wieder trennen. Eine Trennung nach vier oder fünf Jahren ist nach meiner Erfahrung keine Seltenheit. Vor etwa zehn Jahren gab es das Phänomen, dass viele Seniorinnen zum Scheidungsanwalt gingen. Oft war es so, dass die Frauen so um die 70 Jahre die Scheidung ihrer eigenen Tochter miterlebt hatten und dann, mit Unterstützung der Tochter, einen Neuanfang gewagt haben. In diesen Fällen hatte die Ehemänner die typische Patriarchenrolle inne, verwalteten das Geld und nahmen wenig Rücksicht auf die Familie. Sie waren sehr überrascht, als ihre Frauen plötzlich gingen und Trennungsunterhalt, Zugewinn- und Versorgungsausgleich bekamen.Sind Kinder immer die Leidtragenden, wenn sich die Eltern scheiden lassen?

Es wird längst nicht bei jeder Scheidung um die Kinder gestritten. In zwei Drittel aller Verfahren sind sich die Eltern völlig einig, bei wem die Kinder leben werden. In mindestens der Hälfte der Fälle bleibt auch der Streit um den Kindesunterhalt aus. Im Zweifel hilft das Jugendamt bei der Berechnung der Unterhaltshöhe. Ob und wie die Kinder trotzdem unter der Trennung leiden, kann ich Ihnen nicht sagen. Einfach ist es für sie sicherlich nicht. Selbst wenn sich die Eltern für das Wechselmodell entscheiden, bleibt die neue Lebenssituation sicher schwierig für Kinder.

Ist das Wechselmodell, nach dem die Kinder wöchentlich wechselnd bei Mutter oder Vater wohnen, tatsächlich eine gute Lösung für die Praxis?

Ich bin überzeugt, dass es Eltern gibt, bei denen dieses Modell gut funktioniert. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher, als wir annehmen. Es ist gut, wenn Kinder am Alltagsleben beider Eltern teilhaben und unterschiedliche Erziehungsstile erleben. Wenn aber beide Seiten nach der Trennung nicht mehr miteinander sprechen, ist das Wechselmodell wenig sinnvoll. Es ist allerdings für die Eltern auch wirtschaftlich eine Herausforderung. Die Kinder benötigen nicht nur eine Schlafstelle, sondern sowohl in der Wohnung des Vaters als auch bei der Mutter ein eigenes Zimmer. Außerdem dürfen die Wohnungen nicht zu weit voneinander entfernt liegen. Das Familiengericht kann das Wechselmodell übrigens auch anordnen, wenn es ein Elternteil verlangt. Eine Voraussetzung ist jedoch eine ordentliche Kommunikation zwischen den Eltern. Manche per SMS oder WhatsApp ausgeteilte Beleidigung oder Beschimpfung in Richtung des Ex-Partners ist daher manchmal als taktische Maßnahme zu verstehen.

Ralf P. Oppenländer

Der Fachanwalt arbeitet für die Kanzlei Dachs, Bartling, Spohn und Partner. Sie hat Standorte in Dresden, Rottenburg, Stuttgart und Tübingen.

Sein Studium hat er in Tübingen und Würzburg absolviert.

Oppenländer ist verheiratet und fährt in seiner Freizeit gern Motorrad.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 1 Bewertung
2Kommentare
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  • 1
    2
    CPärchen
    08.02.2019

    Das mit Gefängnis zu vergleichen, empfinde ich als absoluten Quatsch. Die Eltern trennen sich, vereinbaren das Wechselmodell und das Kind kann weiterhin in der gewohnten Umgebung aufwachsen, inklusive Kindergarten, Schule, Familie, Bekanntem. Nun soll nach Ihrer Theorie die Mutter umziehen dürfen und der Vater - für den diese Einschränkung übrigens auch zählt - Pech gehabt haben. Auch das Kind hat sich nach dieser Meinung zu fügen. Das kann nicht richtig sein!

    Zum Thema Familienrecht: ich denke aber, dass man zumindest nicht arm wird als Anwalt - vor allem Dank Anwaltszwang. Hier hätte ich mir eine kritische Frage seitens der FP gewünscht

  • 3
    2
    Mike1969
    08.02.2019

    Ich möchte auch kein Anwalt für Familienrecht sein. Es ist aber sehr interessant, dass es kaum noch Mütter gibt, die den Vätern den Umgang verbieten. Wird mir immer anders von vielen erzählt und ist bestimmt noch die Rest-Wahrnehmung aus der Vergangenheit.
    Dafür gibt es inzwischen eine extreme andere Ungerechtigkeit. Mütter können nicht mehr frei über ihren Wohnort entscheiden und müssen nun die Ex fragen, ob sie z.B. wegen einer neuen besseren Arbeit oder wegen einer neuen Familie/Ehe/Partnerschaft umziehen können. Das fühlt sich für die betroffenen Frauen wie Gefängnis an. Mit welchem Recht entzieht man den Müttern über das Kind die Selbstbestimmung über ihr eigenes Leben? Was war daran schlimm, dass sie sich einmal in der Vergangenheit der Aufgabe ein Kind zu bekommen gestellt haben? Warum werden diese dann später wie Straftäter behandelt und müssen vor das Landgericht und ggf. auch noch vor das Oberlandgericht ziehen. Das sind Prozesse bis zu 2 Jahren! In denen wird den Müttern ihr Selbstbestimmungsrecht entzogen über ihr Leben!



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