Wie viel Disziplin brauchen Kinder?

Der Trend geht zu kleinen Narzissten und Egoisten - und führt zu psychischen Problemen. Vier Regeln, wie es besser geht.

Jeder sechste Junge und jedes zehnte Mädchen in Dresden gilt zum Zeitpunkt der Schulaufnahmeuntersuchung als psychisch auffällig. Das ergab eine Studie der TU und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Dresden. Nahezu doppelt so häufig waren aber davon Kinder betroffen, die erst nach dem dritten Lebensjahr in eine Kita gingen.

"Diesen Kindern fehlt das soziale Miteinander und das Leben nach bestimmten Regeln einer Gemeinschaft", sagt Dr. Jessika Weiß, stellvertretende Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Dresden. Kinder, die in der Prägephase bis zum dritten Lebensjahr zu Hause aufwachsen, stehen stärker im Mittelpunkt. Mutter und Vater stellen sich eher auf das Kind ein, seine Interessen und Wünsche stehen häufig über denen der Eltern. "Das erhöht das Risiko für psychische Auffälligkeiten", so die Jugendpsychiaterin.

Die Dresdner Studie stammt zwar aus dem Jahr 2015, ist aber gerade brandaktuell. Denn derzeit gebe es einen Trend unter jungen Eltern zu mehr Individualität für ihre Kinder. Sohn oder Tochter müssten etwas Besonderes sein, ihre Wünsche würden stärker hinterfragt als in früheren Zeiten. "Natürlich ist jedes Kind besonders, doch es sollte nicht so stark als Einzelindividuum, sondern als Teil einer Gemeinschaft wahrgenommen werden", so Weiß. Und das gelinge in der Kita meistens besser als zu Hause, weil das Kind hier lernt, Rücksicht auf andere zu nehmen, auch mal Dinge zu tun, zu denen es gerade keine Lust hat, und Selbstvertrauen durch Selbsttun zu gewinnen. Das ist eine wichtige Vorbereitung auf die Schulzeit.

Doch so positiv sich die Kita-Betreuung auch auf die kindliche Psyche auswirkt, die Kinder brauchen auch zu Hause Regeln und Grenzen. "Und das fällt vielen Eltern zunehmend schwer, wie sich in meiner täglichen Beratung zeigt."

So scheiterten viele Eltern heute bereits daran, sich auf drei Familienregeln zu verständigen, die von allen eingehalten werden. "Eine große Gruppe von ihnen lehnt die Regeln ab, weil sie ihre Kinder nicht einengen oder verbiegen wollen. Für andere ist das alles zu anstrengend, sie haben zum Teil sogar entschieden, ihr Kind gar nicht zu erziehen. Die dritte Gruppe ist unsicher, wenn es um die Konsequenzen für eine nichtbefolgte Regel geht", sagt Jessika Weiß. Regeln scheiterten auch oft daran, dass sich Mutter und Vater nicht einigen können, an ihre Kinder dann auch unterschiedliche Forderungen stellen und andere Konsequenzen ziehen oder sich auch gegenseitig in den Rücken fallen. "Das ist für Kinder besonders schwer. Denn das Verhalten und die Reaktionen der Eltern müssen für das Kind vorhersehbar sein. Es braucht Vorbilder, an denen es sich ausrichten kann."

Es gibt viele Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen wenig oder nur unzuverlässige Regeln herrschen und die dann zusätzlich in Kitas mit freien Konzepten betreut werden. Leider bedeutet dies bei vielen Kitas, dass die Kinder selbst entscheiden, womit sie sich beschäftigen möchten. "Sie tun nur das, worauf sie Lust haben. Mit der Schulzeit endet die Phase aber oft abrupt." Ein großer Teil dieser Kinder bekommt dann mit Schuleintritt große Probleme. "Sie werden in unserer Klinik vorgestellt, weil sie sich in der Schule nicht konzentrieren können, Aufgaben verweigern oder den Unterricht stören." Hinzu komme, dass Gleichaltrige Narzissten und Egomanen meist ablehnen, denn sie sind keine guten Freunde und werden dann oft ausgeschlossen. "Die Kinder jedoch können nicht nachvollziehen, warum sie keiner zum Freund haben möchte und der Lehrer sie kritisiert. Mit der Zeit sinkt ihr Selbstwert dann immer mehr. Durch extremes Verhalten versuchen sie, auf sich aufmerksam zu machen, oder sie ziehen sich immer mehr zurück. "Beides kann psychische Probleme nach sich ziehen, mit denen wir immer mehr zu tun haben", sagt Jessika Weiß.

Sie plädiert deshalb für Disziplin, jedoch nicht im veralteten Sinne, als darunter Drill und Gehorsam verstanden wurde. Heute heißt Disziplin, sich an Regeln zu halten und bestimmte Werte zu achten. Und die geben die Eltern, aber auch die Gemeinschaft vor. Beispielhaft nennt sie einige wichtige Grundwerte, die auch nicht verhandelbar sind.

1. Verlässlichkeit: Wenn Eltern etwas versprechen, sei es eine Belohnung, dafür, dass sich ein Kind angestrengt hat, oder eine Konsequenz für falsches Verhalten, muss das auch eingehalten werden. Auch wenn das für die Eltern mehr Arbeit bedeutet, weil sie mehr Zeit und Nerven investieren müssen, es macht sie für die Kinder glaubhaft und berechenbar. Auch die Zusage, zu einer bestimmten Zeit zu Hause zu sein, muss eingehalten werden. "Steht man im Stau, ruft man an, aus welchem Grund und um wie viel Zeit man sich verspätet, so wie es viele Eltern von ihren pubertierenden Kindern fordern", so Weiß.

2. Selbstvertrauen: Hat ein Kind beispielsweise Probleme beim Lesen, ist es wichtig, dass Eltern dranbleiben, indem sie täglich mit ihm üben. Dabei wird mit Lob fürs Üben und für erste Fortschritte nicht gespart. Das Kind merkt, dass es etwas schaffen kann, wenn es sich bemüht, und dass diese Bemühungen auch gesehen und anerkannt werden. "Dann ringt es sich auch durch, etwas zu tun, wozu es gerade nicht so große Lust hat oder es ihm vielleicht auch schwerfällt, einfach weil es seine Aufgabe ist."

3. Gegenseitige Achtung: Ein Kind sollte Eltern, Lehrer, Erzieher und Erwachsene anerkennen. Das scheint vielleicht selbstverständlich, doch wie oft konterkarieren Eltern zum Beispiel Anweisungen und Benotungen von Lehrern oder stellen seine Aussagen in Frage? "Dabei dürfen sie durchaus auch anderer Meinung sein, doch dort wo der Lehrer die Verantwortung hat, gelten seine Regeln, zu Hause die der Eltern", so Weiß. Achtung bedeute aber auch, das Eigentum anderer zu respektieren, es nicht kaputtzumachen. Gerade unter Geschwistern sei das oft ein Problem. Es müsse nicht alles geteilt oder bereitwillig den Jüngeren überlassen werden. "Es darf auch etwas nur meins sein."

4. Kompromisse finden: Das ist eine wichtige Erfahrung, die Kinder für ihr Leben brauchen. Denn selten stimmen die Interessen aller Mitglieder einer Gruppe überein. Leben es Eltern den Kindern vor, indem sie auf den anderen zugehen, ihm ein Angebot machen, dafür aber auch etwas erreichen, werden Konflikte seltener eskalieren. Die Persönlichkeit eines jeden bleibt gewahrt. Das Kind spürt, dass Leben aus Geben und Nehmen besteht.

Fazit: Regeln und Disziplin sind laut Jessika Weiß Stützräder für ein soziales Miteinander. Und sie schützen vor emotionalen Verletzungen.

Die Psychiaterin

Jessika Weiß studierte in Jena Medizin und ist seit 2015 stellvertretende Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dresden. Weiß leitet auch das Zentrum für Tic- und Zwangsstörungen.

Sie hat sich spezialisiert auf systemische Familien- und Verhaltenstherapie, dabei besonders auf Familienkonstrukte und Regeln.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 6 Bewertungen
3Kommentare
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  • 6
    0
    Nixnuzz
    20.11.2018

    Vielleicht muss man erst nochmal bei den Eltern anfangen..so mit Respekt oder so...oder Gradlinigkeit...Wahrhaftigkeit..

  • 8
    0
    Deluxe
    20.11.2018

    Tja - diese Dinge galten schonmal als allgemeine Werte in unserer Gesellschaft.
    Leider ist das schon seit Jahrzehnten vorbei und die Politik heute erfindet lieber Herdprämien, um möglichst noch mehr solcher kleinen Egozentriker zu erzeugen anstatt mehr auf Gemeinschaft zu setzen.

  • 9
    0
    Stonep
    19.11.2018

    Ein sehr guter Artikel, dem ich nur zustimmen kann.



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