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Flöhaer Kinderärztin schlägt Alarm: Sachsens Kinder können immer weniger

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Weil ihnen die Übung fehlt, haben Vorschulkinder große Defizite beim Sprechen und Malen. Cornelia Katzorke, Kinderärztin in Flöha, führt das vor allem auf ein Kita-Konzept zurück.

Flöha.

Freie Presse: Frau Katzorke, wie erleben Sie die Kinder, die im kommenden Jahr eingeschult werden sollen?

Cornelia Katzorke: Ich sehe, dass ein Teil der Kinder die Sprache nicht mehr gut genug beherrscht – auch wenn sie mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen. Sie sprechen schlechter, haben ein schlechteres Sprachverständnis. Viele haben feinmotorische Schwierigkeiten. Auch Bedürfnisse zurückzustellen, sich mal zurückzunehmen und mit anderen in der Gruppe umzugehen, ohne auffällig zu werden und sich vor Wut auf den Boden zu werfen, fällt zunehmend schwerer.

FP: Bleiben wir bei der Feinmotorik, insbesondere beim Malen und Schneiden. Wie beherrschen die Kinder das?

Katzorke: Sie müssen bei der U9, das ist die letzte Vorsorge vor der Schulaufnahmeuntersuchung, zum Beispiel ein Bild malen: Baum, Haus, Mensch. Wir Mediziner schauen, wie detailliert gemalt wird. Manche zeichnen ein Strichmännchen ohne Haare, Hände, Füße, Augen oder Ohren. Ein solches Kind ist in dem Bereich nicht altersgemäß entwickelt. Manche wissen gar nicht, wie sie den Stift richtig anfassen oder sagen, sie können kein Männchen malen und haben das noch nie gemacht. Andere malen eine Schleife ins Haar und Äpfel in den Baum.

FP: Bei der U9 sind die Kinder fünf bis fünfeinhalb Jahre alt. 94 Prozent von ihnen besuchen in Sachsen eine Kita. Warum können sie das aus Ihrer Sicht nicht?

Katzorke: Ganz häufig gehen diese Kinder in eine Einrichtung mit einem offenen Konzept. Dort gibt es zwar Angebote, dass sie etwas malen, ausschneiden oder basteln können. Sie müssen das aber nicht machen, wenn sie lieber im Sandkasten mit dem Bagger spielen. Das Problem ist also, dass die Übung fehlt. Wenn ich etwas lernen will, egal ob Sprache oder Feinmotorik, brauche ich erst einmal jemanden, der mir zeigt, wie es geht. Und dann benötige ich die Übung – und jemanden, der mich dazu anhält und animiert, immer wieder den Stift in die Hand zu nehmen und etwas zu malen. So kann ich die motorischen Abläufe im Gehirn verankern. Wenn das fehlt und die Eltern das zu Hause aus verschiedenen Gründen auch nicht machen, dann können es die Kinder eben nicht.

FP: Wie steht es um die Grobmotorik?

Katzorke: Das ist meiner Beobachtung nach nicht das große Problem. Auf einem Bein stehen, hüpfen und vorwärts balancieren geht in der Regel, rückwärts wird es schwieriger. Einfache koordinative Übungen wie den Hampelmann können viele aber nicht – wenn er in der Kita nicht geübt wird.

FP: Also sehen Sie die Hauptschwierigkeiten in Feinmotorik und Sprache?

Katzorke: Ja, Satzbau, Grammatik, die richtigen Artikel und Zeitformen zu verwenden, fällt immer mehr Kindern schwerer.

FP: Wie beurteilen Sie das?

Katzorke: Das macht mir große Sorgen. Spinnen wir den Gedanken mal weiter: Die Kinder kommen so in die Schule. Dann ist klar, dass der Lehrer das Problem hat, sie alle auf einen Stand bekommen zu müssen. Bevor er zum eigentlichen Stoff übergehen und unterrichten kann, vergeht dafür viel Zeit.

FP: Was für Frust und Langeweile bei denen sorgt, die diese Fähigkeiten haben.

Katzorke: Sie haben das Nachsehen und müssen auf die anderen warten.

FP: Worauf führen Sie die Defizite zurück?

Katzorke: Was die Sprache angeht, hängt es zum einen mit dem zunehmenden Migrationshintergrund zusammen. Zum anderen wird weniger mit Sprache geübt.

FP: Erklären Sie das bitte!

Katzorke: Es wird weniger gesprochen, weniger vorgelesen und weniger erzählt – so wie das früher die Großeltern gemacht haben. Da fehlt dann wieder die Übung. Wenn junge Eltern mehr vor ihrem Smartphone sind als mit ihren Babys zu reden, dann können die Kinder die Sprache auch nicht hören. Das geht im Krippen- und Kindergartenalter weiter. Denn ich muss nicht nur ganz viel mit den Kindern sprechen und ihnen vorlesen, sondern sie auch reden lassen. Sie müssen Sprache richtig hören – auch nicht in Babysprache, sondern in einfachen, aber korrekten Sätzen. Der Hund ist ein Hund, kein Wauwau. Sind Kinder vier oder fünf Jahre alt und haben Ausspracheprobleme, muss ich sie korrigieren und auffordern, nachzusprechen, damit sie üben. Ähnlich ist das in der Feinmotorik. Es hängt immer am Vorbild und an der Übung.

FP: Inwieweit können Sie aus ihrer Beobachtung heraus sagen, dass Kinder aus Kitas mit einem geschlossenen Gruppenkonzept besser vorbereitet sind?

Katzorke: Wenn es eine angeleitete Beschäftigung für alle Kinder gibt mit zwei Stunden Beschäftigung am Vormittag, zum Beispiel heute Holzwerkstatt, morgen basteln, erlebe ich, dass die Kinder fit für die Schule sind. Ich kenne verschiedene Konzepte, auch von meinen eigenen Kindern. Ich denke, dass ein großer Teil des Problems wirklich die offenen Konzepte sind.

FP: Aber die Kita kann nicht alles richten. Die Kinder haben schließlich Eltern.

Katzorke: Richtig. Aber es ist notwendig, sich mit seinem Kind zu beschäftigen, etwas zu basteln und dabei zu reden, auch wenn das zeitintensiv ist. In der Praxis erlebe ich oft, dass die Kinder vor dem Tablet oder dem Handy geparkt werden. Ich hatte neulich einen Zwölfjährigen, den die Mama noch aus- und angezogen hat. Sehr oft sehe ich das bei den Vor- oder Einschülern. Stelle ich bei der U9 Entwicklungsrückstände fest, berate ich die Eltern, sage ihnen, warum es wichtig ist, dass sie mit ihrem Kind üben sollen. Gibt es größere Probleme, wenn das Kind etwa den Stift nicht richtig hält, sich noch nicht für Links- oder Rechtshändigkeit entschieden hat oder eventuell ein organisches Problem dahintersteckt, gibt es Überweisungen zu einer entsprechenden Therapie. Aber ich kann die Kinder nicht alle in die Ergotherapie oder Logopädie schicken. Das ist auch nicht notwendig. Denn in erster Linie besteht eine Verantwortung der Eltern und Kitas, die Kinder zu betreuen. Die Kinder sind ja nicht alle krank, sie haben einfach zu wenig Übung.

FP: In vielen Kitas, auch denen mit offenem Konzept, gibt es den Morgenkreis, bei dem erzählt wird. Reicht das nicht?

Katzorke: Nein. Die Erzieherin muss, gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund, nah an den Kindern sein, permanent mit ihnen reden und alles, was sie im Kitaalltag erleben, sprachlich begleiten. Das findet in der festen Gruppe viel besser statt und die Bezugserzieherin bekommt mit, wo das Kind sprachlich steht.

FP: Was können Eltern denn jetzt machen, deren Kinder 2025 eingeschult werden?

Katzorke: Es reicht vollkommen aus, die Kinder im Alltag zu integrieren. Dabei wird ganz viel trainiert. Wäsche aufhängen zum Beispiel. Klammern sind super für die Feinmotorik, weil sie ein Gefühl dafür vermitteln, welchen Druck man später beim Schreiben aufbauen muss. Tischdecken ist wunderbar, weil die Kinder zählen können: Wie viele Gabeln, Messer, Teller müssen hingestellt werden? Das Hinstellen selber schult die Feinmotorik, ich muss hin- und herlaufen, da kann ich gleich noch das Gleichgewicht üben. Ganz einfache Sachen wie Gesellschaftsspiele, Memories, Puzzeln. Dieser ganz normale Familienalltag muss aber stattfinden und die Eltern müssen die Kinder einbinden und ihnen die Sachen nicht abnehmen, weil es ihnen zu lange dauert. Sie brauchen Geduld.

Mehr als jedes dritte Kind in Sachsen spricht nicht richtig

  • Von den 39.416 Kindern, die im Schuljahr 2022/23 in Sachsen eingeschult wurden, sind während der Schulaufnahmeuntersuchungen bei 13.996 Kindern Sprachprobleme festgestellt worden. Das sind 35,5 Prozent. Bei 11,3 Prozent waren die Defizite so gewichtig, dass sie eine Überweisung zum Arzt erhielten.
  • Probleme mit der Koordination von Sehen und Bewegungsapparat hatten 22,7 Prozent. Beim Zahlenvorwissen haperte es bei 22,4 Prozent.
  • Jedes fünfte Kind konnte nicht scharf sehen, bei jedem zehnten wurden Hörprobleme diagnostiziert. Übergewichtig sind 4,6 Prozent der Vorschüler, adipös 3,8.
  • Die ärztliche Schulaufnahmeuntersuchung ist eine kostenfreie Pflichtuntersuchung des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes. Sie findet nach der Schulanmeldung von September bis Januar statt und dauert bis zu 45 Minuten.
  • Das Entwicklungsscreening ist in Sachsen standardisiert. Dabei werden schulrelevante Entwicklungsbereiche beurteilt.
  • Das beinhaltet Sehtest, Hörtest, Erfassung von Körpergröße und -gewicht, Allgemeinwissen, Feinmotorik, motorisch-koordinative Leistungen, auditive und visuelle Wahrnehmung, logisches Denken, Sprachentwicklung, psychosoziales Verhalten und Lateralität/Händigkeit.
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