1,6 Millionen Euro für eine einzige Therapie

Neue Arzneimittel treiben die Kosten der gesetzlichen Kassen. Der Zusatznutzen sei dabei häufig unklar, kritisiert eine Studie.

Zuzahlung hier, gar keine Kostenerstattung dort: Wer die Apotheke besuchen muss, wird schnell mal ein paar Zehneuroscheine los. Doch das sind Peanuts gegenüber den Kosten, die die gesetzlichen Krankenkassen tragen. Deren Ausgaben für Arzneimittel sind im vergangenen Jahr auf die sagenhafte Summe von 41,2 Milliarden Euro gestiegen. Und die Preisspirale dreht sich weiter: Im ersten Halbjahr 2019 kletterten die Ausgaben für jeden Versicherten im Schnitt um weitere 4,5 Prozent. Wie ist das möglich? Was sind die teuersten Medikamente? Und wie kann die Entwicklung gestoppt werden? Antwort auf diese Fragen liefert der aktuelle Arzneiverordnungs-Report, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Er wird alljährlich von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) herausgegeben.

Die Kostentreiber: Den größten Anteil am Kostenanstieg haben laut Studie Patentarzneimittel. WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber verdeutlichte das anhand von Umsatzzahlen der Apotheken. Demnach entfielen 19,8 Milliarden Euro - also fast die Hälfte des Apothekenumsatzes zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung - auf patentgeschützte Arzneimittel.

Ein lukrativer Geschäftszweig für die Pharmafirmen ist die Entwicklung von Orphan-Arzneimitteln, also Wirkstoffen gegen seltene Erkrankungen. Allerdings basiere deren Zulassung "nicht selten auf unzureichender oder eher geringer Evidenz hinsichtlich ihres Nutzens sowie ihrer Risiken", kritisierte AkdÄ-Chef Wolf-Dieter Ludwig.

Die Zahlen zeigen, dass die neuen Arzneimittel nicht etwa einem größeren Patientenkreis zugute kamen - im Gegenteil: Das Gros des patentgeschützten Umsatzes verteile sich auf immer weniger Produkte und immer kleinere Patientengruppen, sagte Klauber.

Die teuersten Therapien: Die hohen Umsätze im Patentmarkt konzentrieren sich auf immer weniger Therapiegebiete. Dazu gehörten Mittel zur Krebsbehandlung, zur Beeinflussung der Blutgerinnung, zur Behandlung von Schmerz- und entzündlichen Prozessen, von Diabetes und Multiple Sklerose sowie immuntherapeutische Arzneimittel. Diese sechs Gruppen machen allein fast zwei Drittel des patentgeschützten Marktes aus.

Für Schlagzeilen sorgte vor einiger Zeit die 1000-Dollar-Pille gegen Hepatitis C. Inzwischen sei die Millionengrenze für einzelne Behandlungen deutlich überschritten, sagte Sabine Richard vom AOK-Bundesverband. Als Beispiel führte sie das Medikament Zynteglo an, das in Europa zur Gentherapie der Erbkrankheit Thalassämie (Erkrankung der roten Blutkörperchen) zugelassen wurde. Eine Therapie kostet rund 1,6 Millionen Euro. Aber auch Jahrestherapiekosten von 12.000 Euro wie für das Migräneprophylaxe-Medikament Aimovig, von dessen Zusatznutzen nur eine kleine Gruppe profitiert, könnten bei massenhafter Verordnung zum Kostenproblem werden.

Die Konsequenzen: Bei den Preisverhandlungen für neue Arzneimittel müsse der Zusatznutzen wieder eine größere Rolle spielen, fordern die Herausgeber des Reports. Dies betreffe insbesondere die Medikamente gegen seltene Erkrankungen. Auch eine bessere Kooperation mit anderen Ländern in Europa, wo neue Arzneimittel meist deutlich weniger kosten als in Deutschland, könnten zu einer Kostenreduzierung beitragen.

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