64.000 Mal Seelsorge im Jahr

Einsamkeit, Streit, Suizidgedanken: Telefonseelsorger wie von der Diakonie in Chemnitz sind für viele Sachsen der einzige Ansprechpartner in der Not.

Rainer findet keine Ruhe, weil ihn seine Eltern beschäftigen. Er kommt nicht von ihnen los, fühlt sich allein und erschöpft. Dabei ist er selbst schon Mitte 60. Vergeblich sucht er nach Zuwendung. In seiner Not greift er zum Hörer und ruft die Telefonseelsorge in Chemnitz an. Dort hört sich der ehrenamtliche Mitarbeiter seine Sorgen an und sagt ihm, wie er mehr für sich tun kann. 35 Minuten braucht es, bis der Telefonseelsorger das Gefühl hat, dass Rainer ruhiger geworden ist und sagt, dass er mehr für sich tun will. Der Name des Anrufers ist geändert, das Problem echt. "Jeder Anruf bleibt anonym", sagt Iris Ciesielski, die Leiterin der Telefonseelsorge der Diakonie Stadtmission.

Nicht immer läuft es so ab wie im geschilderten Fall. "Manchmal wissen wir nicht, ob unsere Ratschläge angenommen werden", sagt sie. 50 Mitarbeiter teilen sich bei der Telefonseelsorge in Chemnitz den Telefondienst - rund um die Uhr. Mehr als 380 sind es in Sachsen. Angeboten wird die Telefonseelsorge der Diakonie auch in Bautzen, Görlitz, Auerbach, Plauen, Zwickau, Dresden und Leipzig. Wer in Not ist, bekommt rund um die Uhr Hilfe.

Knapp 64.000 Anrufe gab es vergangenes Jahr in Sachsen. Die Zahl ist gleichbleibend hoch. Vor allem die 50- bis 70-Jährigen melden sich. Die jüngsten Anrufer sind noch Kinder, die ältesten über 90. "Viele haben das Gefühl, dass ihnen niemand zuhört. Wenn sie genau das bei uns finden, sind sie froh", sagt Ciesielski. "Gerade hatte ich einen Anrufer am Telefon, der wollte nur eine menschliche Stimme hören und hat wieder aufgelegt", sagt eine Seelsorgerin, die anonym bleiben möchte. Für sie ein verständliches Anliegen. Denn fast 55 Prozent der Anrufer sachsenweit leben allein. Sie hätte selbst schlimme Zeiten hinter sich und hier beim Telefondienst eine Aufgabe gefunden, sagt die 61-Jährige. "Ich kann anderen helfen und vielleicht dazu beitragen, dass es ihnen besser geht. Das stärkt mich selbst."

An Wochenenden und in Abendseminaren werden die Ehrenamtlichen auf ihre Arbeit vorbereitet, in der Regel 180 Stunden verteilt auf ein Jahr. Etwa drei Viertel von ihnen stehen noch im Berufsleben. Themen wie Selbsterfahrung, Entwicklungspsychologie und Kommunikation gehören zum Ausbildungsprogramm. Und ehe sie selbst den Hörer zur Hand nehmen, hospitieren sie.

Wünschenswert sei es, dass die Seelsorger längere Zeit dabei sind, um so Erfahrungen zu sammeln, sagt Gerald Demmler. Der Leiter der Telefonseelsorge in Bautzen spricht von durchschnittlich achteinhalb Jahren, die die Telefonseelsorger bei ihm Dienst tun. Und das in zwei Schichten zu vier Stunden im Monat oder acht Stunden nachts. Die meisten der Ehrenamtlichen sind zwischen 40 und 70 Jahre alt. Sie haben schon selbst viel erlebt.

Aber auch mit Studenten hätte sie schon gute Erfahrungen gemacht, sagt Iris Ciesielski. Sie sucht ständig nach neuen Mitarbeitern, um den Telefondienst abdecken zu können. Einmal im Monat treffen sich die Ehrenamtlichen, um Probleme zu klären. Wird es gebraucht, bekommen sie auch eine psychologische Beratung. Denn nicht immer wollen die Anrufer einfach nur mal die Stimme eines Menschen hören.

"In 57 Prozent aller Gespräche haben die Anrufenden Probleme in Partnerschaft und Familie oder eine diagnostizierte psychische Erkrankung", sagt Demmler. Es geht von Schwierigkeiten bei der Ausbildung oder Erziehung über Familienstreitigkeiten, Arbeitslosigkeit und Krankheit bis hin zur Selbstverletzung. "Mit vielen dieser Themen wendet man sich aus Scham nicht gern an Familie und Freunde", sagt Ciesielski.

Besonders schlimm wird es, wenn der Anrufer Suizidgedanken hat. "Das sind für uns die schwierigsten Gespräche. Und der Ausgang ist offen. Wichtig ist es, zuzuhören, das Problem zu verstehen und zu fragen, welche Möglichkeiten der Hilfe es gibt", sagt Gerald Demmler. Doch die Seelsorger erleben auch, dass der Entschluss längst feststeht und der Anrufer nur ein letztes Mal mit jemandem reden möchte. Aber auch dann, wenn Kinder am Telefon die Suchtprobleme ihrer Eltern schildern, wird es für die Ehrenamtler emotional. "Manchmal möchten wir eingreifen, aber die Anrufe sind anonym", sagt Ciesielski. "Nur wenn wir das Gefühl haben, dass es um Leben oder Tod geht, informieren wir Helfersysteme, wenn die Anrufer es wünschen." Das sei aber Ausnahme. Manchmal erweisen sich die Anrufe auch als Fake. "Doch wer richtet hier?", fragt Demmler.

Um mehr jüngere Ratsuchende zu erreichen, gibt es seit diesem Jahr die Möglichkeit zum Chatten - außer in Bautzen und Leipzig. "Die ersten Chats zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Ciesielski. Der Bedarf sei groß.

Mehr engagierte Ehrenamtliche braucht es auch für die "Nummer gegen Kummer" für Kinder, Jugendliche und Eltern in Sachsen. Kinder- und Jugendtelefone gibt es in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Zwickau, Plauen, Görlitz und Löbau. Zwischen fünf und 45 Ehrenamtliche arbeiten an den Telefonen. Mehr als 32.500 Anrufe sind dort sachsenweit im vergangenen Jahr eingegangen. "Das sind zwar etwa 5000 weniger als 2017, aber das heißt nicht, dass weniger Hilfe gebraucht wird", sagt Anne Marung vom Landesverband Sachsen des Kinderschutzbundes. Kinder und Jugendliche würden sich verstärkt über Internetplattformen und Chats austauschen. Allerdings fehle es auch an ehrenamtlichen Beratern.

"Die meisten Zehn- bis 18-Jährigen rufen wegen psychosozialer Probleme an", sagt Anne Marung. Aber auch Sexualität, Partnerschaft und Liebe oder Probleme in der Familie wären wichtige Themen. Leicht zugenommen hätten Anrufe wegen sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt.

Der Freistaat fördert in diesem Jahr sieben Beratungsangebote mit fast 417.000 Euro. Geld, das für die Hilfesuchenden gut angelegt ist. Auch für Rainer, der dank der Seelsorger in Chemnitz seinen Kummer loswerden konnte.

Beratungstelefone in Sachsen 

Sachsens Sozialministerium fördert im Bereich der Beratung per Telefon oder Internet unter anderem folgende Projekte:

Stadtmission Chemnitz: Telefonseelsorge Chemnitz

Stadtmission Zwickau: Virtuelle Beratungsstelle - Beratungsleistungen innerhalb der Erziehungs- und Familienberatung im Internet; Telefonseelsorge

Diakonisches Werk Auerbach: Telefonseelsorge Vogtland; einheitliche Rufnummern für die Telefonseelsorge: 0800 1110111 und 0800 1110222

Deutscher Kinderschutzbund, Landesverband mit sieben Standorten, Dresden, Chemnitz, Zwickau, Meißen/Radebeul, Görlitz, Löbau/Bautzen, Plauen, Leipzig: Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": 116111, Elterntelefon: 0800 1110550; Jugendliche beraten Jugendliche: 0800 1110333 und 116 111, jeden Samstag zwischen 14 und 20 Uhr

AWO Kreisverband Chemnitz und Umgebung: www.bke-beratung.de

Kinder- und Jugendtelefon: 116111.

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