Blutschwämmchen nehmen zu

Fast jedes zehnte Kind in Sachsen kommt mit der Gefäßgeschwulst zur Welt. Operationen wie früher müssen nicht mehr sein.

Edda Erbse ist gerade eine Woche alt und hat eine verdächtige Rötung auf dem Kopf. Die Oberärztin der Chemnitzer Kinderklinik, Dr. Annika Ander, untersucht per Ultraschall, ob es ein Blutschwämmchen ist .
Vor der Behandlung: Svea mit einem dunklen Blutschwämmchen.
Sechs Monate später ist fast nichts mehr sichtbar.

Von Stephanie Wesely

Sveas Gesicht ist rosig und zart. Die Kleine ist jetzt fast sieben Monate alt und nichts erinnert mehr an das großflächige Blutschwämmchen über dem linken Auge, das sie nach der Geburt hatte. "Das sah schon gefährlich aus", sagt die Mutter.

Diese lila-roten, meist auch erhabenen Gefäßwucherungen sehen aus wie Verbrennungen. "Doch es sind gutartige Geschwülste an der Hautoberfläche oder auch tiefer im Gewebe, die in den meisten Fällen harmlos sind und sich im Laufe der Jahre von allein zurückbilden", so Dr. Annika Ander, von der Kinderklinik im Klinikum Chemnitz. "Manchmal ist aber dennoch eine möglichst frühe Behandlung angezeigt. Zum Beispiel, wenn sich das Blutschwämmchen an einer ungünstigen Stelle befindet und Organfunktionen beeinträchtigt. Auch wenn kosmetisch sensible Bereiche betroffen sind", sagt sie. Solche Kinder würden dann von anderen gehänselt oder gemieden.

Auch bei Svea war das Hämangiom, wie das Blutschwämmchen in der Fachsprache heißt, nicht nur ein kosmetisches Problem. Die Kleine kratzte sich immer wieder. "Die Haut an der Geschwulst ist dünn und nicht so widerstandsfähig wie gesunde", sagt Dr. Jozef Zlocha von der Kinderklinik. "Die Kratzwunden bluten meist stark und heilen schlecht." Damit steige die Gefahr von Infektionen. Auch Kleidungsstücke können solche Verletzungen fördern.

Deshalb wurde Svea schon wenige Wochen nach ihrer Geburt behandelt. Noch vor einiger Zeit gab es dagegen nur den Laser oder Kortison. Auch Operationen oder leichte Chemotherapien waren üblich - alles mit teils starken Nebenwirkungen wie Narbenbildung oder Immunschwäche.

Doch dann kam der Zufall ins Spiel: Ein französisches Ärzteteam in einem Herzzentrum musste die Therapie eines Säuglings mit Hämangiom abbrechen, nachdem dieser durch das Kortison eine Herzschwäche entwickelt hatte. Sie behandelten ihn mit dem Betablocker Propranolol. Überraschenderweise stabilisierte dieses Medikament nicht nur Herz und Kreislauf des Kindes, sondern ließ auch das Blutschwämmchen verschwinden. Dieser Zufallsfund revolutionierte die Hämangiom-Therapie. "Anfangs wurde der Betablocker noch ohne entsprechende Freigabe bei schwerwiegenden Formen dieser Gefäßgeschwulst angewendet. Jetzt ist er auch für Kinder zugelassen und wird als süßer Saft verabreicht", so Dr. Zlocha. "Das erleichtert die Akzeptanz bei den kleinen Patienten."

Der Betablocker regt die Gefäßrückbildung an, wobei die kleinen Adern im Hämangiom besonders stark darauf ansprechen. Die Wirkung zeige sich bereits nach einigen Wochen, so die Ärzte.

Doch auch der Betablocker ist nicht frei von Nebenwirkungen. Schließlich ist er ein Blutdrucksenker. So sei es möglich, dass sich der Herzschlag verlangsamt, Blutdruck und Blutzucker fallen. "Deshalb wird in den ersten drei Wochen der Behandlung die Dosis von einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht auf die erforderlichen drei Milligramm langsam gesteigert. In den ersten 48 Stunden werden die Kinder in der Klinik überwacht", sagt Dr. Zlocha. Danach seien monatliche Kontrollen beim Kinderarzt vorgesehen, so Dr. Ander. Die Behandlungsdauer sei auf sechs Monate befristet. Habe sich der Erfolg danach noch nicht eingestellt, werde eher die medikamentöse Therapie verlängert, als zu Laser oder Skalpell zu greifen.

Nicht alle Blutschwämmchen sind leicht behandelbar. "Besonders, wenn sie sich in der Nähe großer Blutgefäße gebildet haben, wachsen sie recht tief in das Gewebe. Dann bleibt nach sechs Monaten manchmal noch ein kleiner Rest sichtbar", so Zlocha. So ist es auch bei Svea, als sie zur Nachuntersuchung ins Klinikum Chemnitz kommt. Doch die Rötung werde mit der Zeit verblassen, sind sich die Ärzte sicher. Manchmal können Blutschwämmchen nach einiger Zeit auch wiederkommen. Dann würde erneut mit dem Medikament behandelt.

Doch warum treten solche Blutschwämmchen heute häufiger auf? Jozef Zlocha: "Während bei termingerecht geborenen Kindern etwa jedes 20. eine Gefäßgeschwulst hat, ist bei Frühgeborenen fast jedes vierte Kind betroffen. Und die Rate der Frühgeborenen ist in den letzten Jahren gestiegen." Deutschlandweit werden 8,6 Prozent der Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren, in Sachsen sind es 8,2 Prozent. Gründe dafür sind zum Beispiel das höhere Alter der Schwangeren und die Zunahme der künstlichen Befruchtungen. Beides seien Risikofaktoren für Frühgeburten, sagt er.

Nicht zu verwechseln seien Blutschwämmchen mit sogenannten Feuermalen. Bei Babys nennt man sie auch Storchenbiss. Fast die Hälfte aller Neugeborenen - nicht nur Frühchen - haben so einen scharf umgrenzten rötlichen Hautfleck, informiert Professor Hans-Jürgen Nentwich von der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Sie sind also wesentlich häufiger als Hämangiome. Bevorzugt findet man sie auf der Stirn, im Nacken, an den Augenlidern und an der Nasenwurzel.

Auch ein Feuermal, das übrigens nur wegen seiner Farbe so heißt, ist eine gutartige Hautveränderung. Sie entsteht durch die Erweiterung von kapillaren Hautgefäßen. "Nach dem zweiten Lebensjahr verblassen die Flecken deutlich, bis sechs sind sie fast immer völlig verschwunden", so Nentwich. Sei dies nicht der Fall und die Male störten kosmetisch sehr, könne eine Verödung der Hautgefäße mithilfe von Elektronadeln oder Laser helfen. "Die Hautveränderungen sind eine Laune der Natur, der man nicht vorbeugen kann", sagt der Hautarzt.

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