Dement - aber nicht vergessen: Museumsführungen für Alzheimer-Patienten

In Sachsen leben 99.000 Demenzkranke. Spezielle Führungen zeigen, wie sie in den Alltag einbezogen werden können. Die "Freie Presse" war bei einer im Dresdner Schloss dabei.

Wach blinzelt Dieter Mann, als ihn Ramona Nietzold von den Staatlichen Kunstsammlungen im Hof des Dresdner Schlosses zur Führung begrüßt. Seine Frau Dorothea begleitet ihn. So wie immer. Denn der 85-Jährige ist an Demenz erkrankt. Kurzzeitgedächtnis und Orientierung haben stark nachgelassen.

Dieter Mann ist einer von 99.000 Sachsen mit Demenz. Tendenz steigend. "2013 waren es noch 94.000 Betroffene", sagt Gerold Dubau von der Landesinitiative Demenz Sachsen. Dass es mehr werden, hängt mit der höheren Lebenserwartung zusammen. Das Demenzrisiko steigt mit dem Alter.

Aber dement heißt nicht, vom Alltag ausgeschlossen zu sein. Eine Ausstellung zum Beispiel können Kranke auch erleben - nur etwas anders, auf sie zugeschnitten. Solche Führungen bietet Ramona Nietzold von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden an. Auch am Weltalzheimertag an diesem Sonnabend (21. September): "Die Rundgänge sind kürzer und konzentrieren sich nur auf einen Teil. Sie passen sich an die Bedürfnisse Demenzkranker an." Dem Ehepaar Mann zeigt Nietzold die kurfürstliche Garderobe. "Ich begrüße Sie im einstigen Machtzentrum der Kurfürsten", sagt die Museumsführerin. "Damals lebten wir noch nicht", weiß Dieter Mann und möchte los, nur nicht lange stehen, einfach laufen oder sitzen. "Die Unruhe ist für Menschen mit Demenz normal. Deshalb muss ich mich auf jeden neu einstellen. Ein Konzept gibt es nicht", sagt Nietzold, die Kostüme zum Anfassen bereitgelegt hat. Dieter Mann ist nicht interessiert. Er will Menschen sehen, läuft zum Gemälde von Kurfürst August. "Frau Mann, bist du noch da?" Immer wieder sucht er seine Frau.

Plötzlich zeigt er auf ein ausgebreitetes Gewand in einer Vitrine: "Das sieht wie eine Landkarte aus" "Da haben Sie was Wichtiges gesagt", so Nietzold. "Das ist das Landschaftskleid von Kurfürst Johann Georg I. Darauf sind seine Ländereien abgebildet - auch Flüsse, Schiffe und Schlösser." Dann gewinnt sie doch noch sein Interesse: "Wollen wir uns das von der Nähe ansehen?" Dieter Mann folgt ihr, sucht die Schiffe und zeigt auf die Beschriftung: "Das verstehe ich nicht." Ramona Nietzold erklärt es ihm. "Frau Mann, steck mal den Kopf da rein", ruft der 85-Jährige. Dann muss er ausruhen. Er lehnt sich an eine Wand. In einer Vitrine erblickt er etwas Glänzendes: "Sieht aus wie eine Trompete", sagt er und blinzelt wieder munter. "Ich spiele Klavier und Akkordeon - ein altes Erbstück." Sagt's und stimmt ein Lied an, als ihn Ramona Nietzold fragt, ob er denn auch gut singen könne. Sie geht auf sein Abschweifen ein. "Das ist wichtig, um ihn mitzunehmen."

Seine Frau nickt. Ja, Akkordeon spielt er noch, Klavier nicht mehr. Dass die Trompete ein Schwert ist, spielt für Nietzold keine Rolle. Irgendwie findet sie den Bogen, um die prunkvollen Waffen zu zeigen. Dann ist die Ausdauer aufgebraucht. Auch wenn das Paar früher eine Jahreskarte für die Kunstsammlungen hatte, vieles kennt. "Heute ist alles anders", sagt Dorothea Mann.

Vor zehn Jahren hat bei ihrem Mann die Erkrankung begonnen. "Vielleicht war ein seelischer Zusammenbruch der Auslöser", sagt sie. Damals mussten sie ihre Wohnung verlassen, in der sie viele Jahre gelebt hatten, weil das Haus verkauft wurde. "Mein Mann begann sich zu verändern", erinnert sich seine Frau. "Er, der studierte Physiker, Dozent und passionierte Wanderleiter konnte sich nicht mehr orientieren." Wege in der Dresdner Heide wurden für ihn zum Problem. Was er vor einer Stunde getan hat, weiß er nicht mehr. Nach dem Umzug begann er sich zu verlaufen. "Einmal setzte er sich auf die Bahnschienen, weil er nicht mehr weiter wusste. Die Polizei hat ihn gebracht", sagt seine Frau. Noch spielt er in einer Gruppe Schach. Sie begleitet ihn dorthin, auch zur Ergotherapie. Ständig hat sie ein Auge auf ihn. Nachts schlafe sie unruhig, sagt Dorothea Mann. An zwei Wochentagen wird ihr Mann jetzt in einem Heim betreut. Zeit für seine Frau, durchzuatmen, Ärzte zu besuchen oder an Sitzungen der Alzheimergesellschaft teilzunehmen, deren Mitglied sie ist. Für Hobbys reicht es nicht. Dabei waren beide in den 25 Ehe-Jahren aktiv, sind gewandert und verreist. Vielleicht kommt die Zeit, in der die 75-Jährige einen Englischkurs besuchen kann. Einer ihrer Wünsche, die sie noch hat. "Doch jetzt ist es gut so", sagt sie. "Mein Mann braucht mich nach all den schönen Jahren mehr als vorher."

Dieter Mann wirkt nach 45 Minuten Museumsausflug müde. Er setzt sich und verabschiedet sich auf seine Weise. Er legt den Arm um Ramona Nietzolds Schultern. Dass er das, was sie ihm erzählt hat, bald vergessen haben wird, macht sie nicht traurig: "Er hatte schöne Minuten. Das war mein Ziel."


"Wir müssen uns den Kranken anpassen"

Was es heißt, mit Demenzkranken zu leben und mit ihnen den Alltag zu gestalten, hat Gabriele Fleischer den Dresdner Psychiater Mike Ohnesorge gefragt.

Freie Presse: Was sind Auslöser der Demenzerkrankung?

Mike Ohnesorge: Tod, Trennung, Unfall, Krankheit oder der Verlust von Vertrautem können Auslöser sein.

Was sind erste Anzeichen?

Meist sind das Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses und daraus folgende Fehlhandlungen. Es kann zur leichten kognitiven Störung, einer verzögerten Denkleistung, kommen. Oder zu depressiven Entwicklungen und Wesensänderungen.

Lässt sich der Demenz vorbeugen?

Ja, durch eine gesunde Lebensweise mit geistiger und körperlicher Bewegung, verstärkte Zufuhr von Vitaminen, Eiweißen und gesunden Fetten wie Omega 3 Fettsäuren und Kokosöl. Andererseits sollten Zucker und Kohlenhydrate reduziert werden. Gut ist es, einseitige Tätigkeiten durch kreative Hobbys zu ergänzen oder neue Herausforderungen zu suchen. Entzündungshemmende und depressionsvorbeugende Stoffe wie Curcuminoide aus Kurkuma und Ingwer können vor Demenz schützen.

Wer ist besonders gefährdet?

Menschen mit geringerer Bildung, niedrigem sozialen Status haben ein höheres Risiko, auch Menschen in Berufen mit wenig Herausforderung.

Aber es trifft auch höher Gebildete.

Zunächst steigert höhere Bildung die Kompensationsmöglichkeiten. Die Alzheimerkrankheit als häufigste Form der Demenz, bei der die Symptome schleichend zunehmen, bleibt so lange unbemerkt. Aber einseitiger, gewohnheitsmäßiger Gebrauch von Intelligenz fordert das Gehirn nicht so heraus, neue Nervenzellen zu bilden.

Wie können Demenzkranke gefördert werden?

Ihr Langzeitgedächtnis bleibt lange erhalten, auch Fähigkeiten, die früher erlernt wurden - wie Schachspielen, Musizieren, Tanzen. Das sollten Demenzkranke weiter nutzen. Auch Museumsführungen trainieren Wahrnehmungen und deren Verarbeitung. Vergessen Geglaubtes wird reaktiviert.

Angehörige sprechen aber auch von zunehmender Unzufriedenheit und Aggressivität der Kranken.

Das gehört zum Krankheitsbild. Wir müssen uns den Betroffenen anpassen. Umgekehrte Erwartungen führen meist zur Frustration aller Beteiligten. Der Umgang mit Demenzkranken schult uns in Flexibilität, Geduld, Ausdauer und Toleranz. Die Fähigkeit, sich über die kleinen Dinge im Leben zu freuen, wird intensiviert.

Bekommen Demenzkranke mit, wie es um sie bestellt ist?

Anfangs leiden sie stärker unter Defiziten. Später verändert sich das. Dann leiden mehr die Angehörigen.

Wann kommen sie an Grenzen?

Wenn der Schlaf fehlt, die erkrankten Angehörigen ständig rumlaufen, sie unruhig und aggressiv sind. Deshalb sollten sie ambulante Hilfe nutzen wie Pflege dienste, Alltagsbegleiter, Tagesstätten, Beratungsstellen. Die Alzheimergesellschaften helfen dabei.


Angebote für Betroffene

Führungen: Staatliche Kunstsammlungen Dresden: www.skd.museum

Schloss Pillnitz Dresden: www.freiepresse.de/pillnitz

Görlitzer Sammlungen: www.freiepresse.de/fenster

"Demenz. Einander offen begegnen": Veranstaltung zum Welt-Alzheimertag am heutigen 21. September, 13 bis 17.30 Uhr, im Residenzschloss Dresden mit Vorträgen zur Erkrankung sowie zur kulturellen Einbeziehung von Menschen mit Demenz;

Beratung, Infos, Selbsthilfe- und Angehörigengruppen: 32 Selbsthilfe- und Angehörigengruppen sind bei der Landesinitiative Sachsen gelistet: www.freiepresse.de/demenz

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